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17. Oktober 2016   Interview

CEO – MACHER UND MENSCH

CEO Interview.Sdzucker

„Die Landwirtschaft wird heute nicht mehr ausreichend wertgeschätzt“

Wolfgang Heer, 60, hat als Chef von Südzucker keinen leichten Job: Das Kerngeschäft Zucker fuhr erstmals einen operativen Verlust ein, die europäische Zuckermarktordnung steht vor dem Aus und obendrein ist die Branche einem Kartellfall ausgesetzt. Heer meistert diese Hürden aber mit einer gesunden Mischung aus Ruhe und Humor, wie er im zweiten Teil der Interviewserie „CEO – Macher und Mensch“ beweist. Außerdem findet er klare Worte zum Streitthema Ernährung und zur miserablen Einkommenssituation deutscher Landwirte.

AnlegerPlus: Lassen Sie uns zum Auftakt über Ernährung sprechen, Herr Heer. Achten Sie bei Ihrer eigenen Ernährung auf den Zuckerkonsum? Vergleichen Sie die Nährwertangaben von Produkten?
Wolfgang Heer: Aus fachlichen Gründen interessiert mich natürlich, was in den Produkten enthalten ist. Ich lese Nährwertangaben aber ganz bestimmt nicht, um meinen Kalorienverbrauch zu zählen. Meine Ernährungsgewohnheiten kontrolliere ich über das Loch an meinem Gürtel.

Und die Gürteldisziplin klappt gut?

Mal mehr, mal weniger – immer abhängig von der Jahreszeit. Aktuell sind es zwei bis drei Kilo zu viel. Bis Weihnachten habe ich das aber im Griff.

„Zucker wird gerne als Sündenbock der Ernährung hingestellt. Am Ende entscheidet aber der Verbraucher, was er essen will – und was nicht.“

Die ARD-Talksendung „hart aber fair“ widmete kürzlich eine ganze Sendung dem Zucker. Warum steht die Industrie so in der Schusslinie?
Der globale Trend heißt Übergewicht – und zur Erklärung werden in der Regel möglichst einfache Antworten gesucht. Am simpelsten ist es, die Lebensmittel dafür verantwortlich zu machen. Zucker als Energieträger wird da gerne als Sündenbock hingestellt. Am Ende entscheidet aber der Verbraucher, was er essen will – und was nicht. Die Vielfalt im Lebensmitteleinzelhandel ist riesig, rund 170.000 Artikel stehen zur Auswahl, vom Magerjoghurt bis hin zur Schokolade. Ich finde es schwierig, wenn die Verantwortung des Einzelnen auf die Industrie übertragen wird.

Eine Strafsteuer für besonders ungesunde Produkte würde also nicht helfen?
In einigen Ländern gibt es diese bereits, zum Beispiel für gezuckerte Erfrischungsgetränke. Im Vordergrund steht aber meistens die fiskalische Einnahmensteigerung, das geben die Politiker offen zu. Das Ernährungsverhalten lässt sich damit nicht ändern.

Würde das Schulfach Ernährung denn helfen? Immerhin beschäftigen sich Kinder dann früher mit Lebensmitteln und Essgewohnheiten.

Ernährung gehört auf jeden Fall zur Erziehung. Es ist wichtig, Kindern zu zeigen, was ausgewogenes Essen bedeutet. Da kann Schokolade dabei sein, aber eben auch Obst, Salat und Gemüse. Das Schulfach Ernährung würde die Verantwortung der Eltern allerdings in den öffentlichen Bereich verlagern, nämlich auf Schulen und Lehrkräfte. Die Sinnhaftigkeit bezweifle ich.

2014 musste Südzucker eine Kartellstrafe in Höhe von fast 200 Millionen Euro zahlen, weil Sie und zwei Wettbewerber offensichtlich Vertriebsgebiete unter sich aufgeteilt haben. Aktuell laufen mehrere Schadensersatzprozesse von Kunden wie Katjes, Zentis oder Ehrmann. Wann wird Südzucker die Nachwirkungen des Zuckerkartells hinter sich gelassen haben?
Die Verfahren sind noch im Anfangsstadium – deshalb gebe ich keine Prognose ab. Das Thema wird uns noch lange beschäftigen.

Was ist eigentlich schlimmer: der wirtschaftliche Schaden – oder der Image-Schaden?

Klar, es gibt einen Reputationsschaden. Insbesondere, weil wir das höchste Bußgeld zahlen mussten und dadurch in der Berichterstattung immer als Erstes genannt werden. Andererseits haben wir sehr stabile Kundenbeziehungen. Und für den Endkonsumenten ist das Thema eher irritierend, gibt es doch kaum mehr eine Branche, die nicht schon mal von Kartell-Themen betroffen war.

Am 30. September 2017 soll die Europäische Zuckermarktordnung auslaufen. Bislang wurden damit heimische Landwirte und das europäische Produktionsverfahren, also die hiesige Rübenzuckerherstellung, gegen günstigere Importe aus dem Ausland geschützt. Wie schätzen Sie die Auswirkungen ein?
Mit der Marktordnung wurden die europäische Produktionsweise und auch die verlässliche Versorgung mit Zucker gesichert. Das Auslaufen bringt da natürlich Risiken mit sich. Auch heute sind wir jedoch bereits Importen ausgesetzt, 15 % des Zuckerverbrauchs für die menschliche Ernährung werden durch Importe gedeckt. Bald können die ärmsten Exportländer von Zucker, also die sogenannten LDC- und AKP-Staaten, ohne Mengenbeschränkung und zollfrei nach Europa liefern.

Und die Chance?
Bislang war der Export von Zucker aus der EU auf 1,4 Millionen Tonnen jährlich begrenzt. Zukünftig dürfen wir so viel produzieren und exportieren, wie wir wollen. Dafür sind wir mit unserer Anbau- und Produktionsstruktur gut aufgestellt.

Experten vermuten, dass die Volatilität auf den Weltmärkten größer wird. Fühlt man sich den Schwankungen regelrecht ausgeliefert?

Ja und nein. Denn genauso wie wir wollen auch unsere Kunden eine gewisse Planungssicherheit haben. Deshalb arbeiten wir überwiegend mit Mengen- und Preiskontrakten. Damit sind wir und unsere Kunden nicht ganz so abhängig von den Schwankungen an den Rohstoffmärkten.

Sichern Sie Risiken durch Hedging-Geschäfte ab?

Wir sind keine Spekulanten, die sich an der Börse mit Zucker-Optionen eindecken. Konkrete Geschäftsvorfälle, also Preisvereinbarungen mit Kunden, sichern wir allerdings ab.

Wie erklären Sie sich eigentlich, dass es bei über 30.000 deutschen Rübenanbauern nur vier Zuckerproduzenten gibt? Warum sind die Markteintrittsbarrieren so hoch?

Als Hersteller von Commodities, also stark standardisierten Rohstoffen, braucht man Größendegressionseffekte. Aus vielen kleinen Zuckerfabriken wurden mit der Zeit wenige große Anbieter. Das ist in Ländern wie Belgien, Polen, Tschechien oder Rumänien, wo wir auch tätig sind, ähnlich. Außerdem ist der Kapitalbedarf enorm hoch – eine neue Zuckerfabrik in entsprechender Größe kostet durchaus 400 bis 500 Millionen Euro.

„Unsere Diversifikationsstrategie der letzten 20, 25 Jahre hat sich ausgezahlt.“

Durch zahlreiche Auslandsaktivitäten steigt zumeist auch die Komplexität. 153 vollkonsolidierte Tochterunternehmen sind nicht gerade wenig.
Die Steuerung unseres Unternehmens ist sehr stringent und durchgreifend organisiert. Im operativen Bereich ist die Papierkomplexität somit nicht zu spüren.

Im Geschäftsjahr 2015/2016, das am 31. März 2016 endete, war das Segment Zucker das Sorgenkind – der Umsatz sank um 12 % auf 2,9 Milliarden Euro, das operative Ergebnis lag mit −79 Millionen Euro erstmals im negativen Bereich.
Wir haben das negative Ergebnis im Segment Zucker aber durch unsere anderen Aktivitäten kompensiert. Unsere Diversifikationsstrategie der letzten 20, 25 Jahre hat sich ausgezahlt, Südzucker ist insgesamt gut aufgestellt. Es wäre in dieser Situation katastrophal gewesen, wenn wir nur vom Zucker abhängen würden.

Wollen Sie die Abhängigkeit deshalb weiter reduzieren?

Ziel ist es, jedes Geschäftsfeld zu entwickeln – organisch, aber eben auch durch Akquisitionen, wenn sich interessante Möglichkeiten bieten. Bei der Auswahl und Bewertung sind wir aber sehr sorgfältig, unsere Kriterien für mögliche Übernahmeziele sind entsprechend hoch.

Den versöhnlichen Abschluss des vergangenen Jahres hatten Sie den margenstarken Segmenten „Spezialitäten“ (Inhaltsstoffe für Lebensmittel und Tiernahrung, Tiefkühl- bzw. Kühlprodukte) und „CropEnergies“ (Bioethanol-Aktivitäten) zu verdanken. An welchem Bereich werden Sie in der Zukunft die größte Freude haben?

Wir haben in allen vier Geschäftsfeldern die Chance auf eine positive Entwicklung. Das mache ich nicht an vergangenheitsorientierten Renditebetrachtungen fest. Wir haben zyklische Aktivitäten, die von externen Faktoren beeinflusst werden, beispielsweise CropEnergies. In anderen Feldern geht es mehr um Produktionstechnologie und Produktkenntnis. Hier müssen wir unser Wachstum generieren.

Gleichzeitig steht die Effizienz im Fokus, auch bei den Rohstoffen. Der Zuckergehalt von Rüben betrug vor rund 200 Jahren nur circa 4 %, heute dank kontinuierlicher Entwicklung in der Pflanzenzüchtung und den Anbaumethoden das Vielfache. Arbeiten Sie an der Hochleistungsrübe mit noch höherer Effizienz?

Das ist ein wichtiges Thema, weil sich über die Prozesskette Rübe und Fabrik die Wettbewerbsfähigkeit unserer Branche definiert. Bei der Rübe sind noch signifikante Ertragssteigerungen möglich – ein Zuckergehalt von durchschnittlich 20 % ist mittelfristig realistisch. Die Forschung übernehmen aber nicht wir selbst, sondern Züchtungsspezialisten.

„Die Einkommenssituation in der Landwirtschaft hat sich miserabel entwickelt. Auf diesem Niveau kann man auf Dauer keine vernünftige, nachhaltige Bewirtschaftung betreiben.“

Als Verarbeiter von Agrarprodukten sind Sie auch von motivierten Landwirten abhängig. Wird die Landwirtschaft in Deutschland heute noch ausreichend wertgeschätzt?
Nein, wird sie nicht. Was mich besorgt, ist, dass sich die Einkommenssituation in der Landwirtschaft im laufenden Jahr miserabel entwickelt hat. Auf diesem Niveau kann man auf Dauer keine vernünftige, nachhaltige Bewirtschaftung betreiben.

Wer ist schuld an dieser Entwicklung?

Tatsache ist, dass sich die Märkte gegen die Landwirte entwickeln. Höhere Preise bei Agrarrohstoffen wären gut – und es wäre sinnvoll, wenn diese auch in höhere Endverbraucherpreise übersetzt werden könnten. Ein Strukturwandel, der ganze Landstriche entvölkert und uns von Importen abhängig macht, kann nicht unser gesellschaftliches Ziel sein.

Info-Kasten Vita
Wolfgang Heer wurde 1956 geboren, studierte in Karlsruhe und schloss seine akademische Laufbahn als promovierter Wirtschaftsingenieur ab. Seit 1987 arbeitet der zweifache Familienvater ohne Unterbrechung für den Südzucker-Konzern. Vor sieben Jahren wurde Heer Sprecher des Vorstands, seit 2012 führt er das Gremium als Vorsitzender an.



Interview: Sven Köpsel | Foto: Chris Schuff