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30. Januar 2015   Börse

Ein neuer Börsenplatz in München

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Die Börse München bietet zukünftig zwei Handelssysteme an, das Spezialisten-Modell auf „MAX-ONE“ und das neue Handelsmodell „gettex“, mit dem die Bayerische Börse in den Wettbewerb um den außerbörslichen Handel einsteigt.

Seit dem 19.1.2015 gibt es an der Börse München zwei Börsenplätze. Neben der etablierten Plattform „MAX-ONE“, das auf dem Spezialisten-Modell beruht, wurde nun „gettex“ eingeführt, der Börsenplatz für das Market Maker Modell.

Großes Produktspektrum
Jochen Thiel, Vorstand der Bayerischen Börse AG, erklärte auf einer Präsentation vor Journalisten, dass sich „gettex“ vor allem an die aktiven und preissensitiven Anleger wendet. Diese zahlen beim Handel über „gettex“ keine Courtage oder andere Börsenentgelte. Zusammen mit seinem Vorstandskollegen Andreas Schmidt stellte er das besondere Produktspektrum des neuen Börsenplatzes heraus: Über „gettex“ können zwischen 8.00 und 22.00 Uhr 2.800 Aktien, 6.000 Anleihen, sowie Fonds, ETFs und ETCs gehandelt werden. Über beide Handelssysteme hinweg sind insgesamt 17.000 Wertpapiere an der Börse München handelbar. „gettex“ bietet alle gängigen Ordertypen und über die Website www.gettex.de haben die Anleger kostenlosen Zugriff auf Realtime-Kurse.


Anlegerschutz auf die Fahnen geschrieben
Anlegerschützer dagegen sehen den zunehmenden Trend hin zum außerbörslichen Handel weniger euphorisch. Daniel Bauer von der SdK Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger e.V. kritisiert, dass „die Transparenz bezüglich der Kursfeststellungen, vor allem außerhalb der Öffnungszeiten des XETRA-Handelssystems, mit zunehmender Anzahl an außerbörslichen Handelsplattformen abnimmt“.
Aus Anlegerschutzsicht zu begrüßen ist der Umstand, dass bei „gettex“ der Market Maker, die Baader Bank, keine gesellschaftsrechtlichen Verflechtungen zur Bayerischen Börse AG besitzt. Dies beugt Interessenskonflikten bei der Kursfestsetzung vor. Vorteilhaft ist natürlich auch, dass „gettex“ unter dem Dach der öffentlich-rechtlichen Börse München betrieben wird und dadurch der Handel über die neue Börsenplattform der öffentlich-rechtlichen Handelsüberwachung unterliegt. Außerdem verspricht man die volle Transparenz im Vorhandel (Quotes) und im Nachhandel (Kurse), verlässliche Preise im Rahmen eines klaren und öffentlichen Regelwerkes und die Gleichbehandlung aller Marktteilnehmer.

Kampf um Marktanteile
Die Bayerische Börse möchte mit der neuen Handelsplattform die Karten im Kampf um Marktanteile wieder neu mischen und neue Marktanteile hinzugewinnen.
Um nachvollziehen zu können, wie das funktionieren kann, muss man folgende Systematik kennen: Gemäß einer EU-Richtlinie über Märkte für Finanzinstrumente, kurz Mifid genannt, müssen Banken die Kundenaufträge zu den „bestmöglichen“ Konditionen ausführen (= best execution), sofern der Kunde keinen Handelsplatz vorgibt. Da ein entsprechend notwendiges Prüfverfahren sehr aufwendig wäre, haben die Banken einen Spielraum eingeräumt bekommen. Sie müssen nämlich nur ein System bereithalten, das theoretisch die Ausführung zum besten Preis garantiert. Dazu nehmen sie Stichproben vor und erstellen basierend darauf Rankings der günstigsten Börsenplätze, wobei die Kosten (also Preise und Gebühren) je nach Bank mit unterschiedlichen Gewichtungen in das Ranking einfließen.

Die traditionellen Börsen belegen bei derartigen Rankings häufig eher die hinteren Plätze und scheiden bei der Ordervergabe aus. Das Rennen machen dagegen kostengünstige Börsenplätze wie Tradegate oder künftig auch „gettex“.

Ziel muss es also für die Börsenplatzbetreiber sein, möglichst viele Banken für den Anschluss an die außerbörslichen Börsenplattform zu gewinnen. Die Börse München konnte für „gettex“ in einem ersten Schritt die comdirect bank AG als Partner gewinnen. Weitere Banken sollen folgen. Als „Schmankerl“ hat man in Zusammenarbeit mit der pdv Financial Service GmbH ein flexibles System entwickelt, dass es den Banken ermöglicht, über nur eine Schnittstelle Zugang zu allen Serviceangeboten der Börse München zu erhalten und dadurch weitere Synergien zu heben. Dazu kommt, dass durch ein spezielles Aggregationsverfahren bei der Abwicklung von Kundenaufträgen auf Bankebene die Abwicklungskosten für die teilnehmenden Banken erheblich gesenkt werden können.

Im Jahr 2014 erzielte die Börse München ein Handelsvolumen von 6,5 Mrd. Euro. Das war auch etwa das Niveau des Jahres 2013. Gemessen am Handelsvolumen aller deutschen Börsen, mit Ausnahme des Xetra-Handels und Handelsvolumina aus Zertifikate-Transaktionen, betrug der Marktanteil der Bayerischen Börse 2014 3,5 %. Der neue Börsenplatz „gettex“ wird sicher seinen Teil dazu beitragen, dass das Stück etwas größer wird, das sich die Münchner vom Handelsumsatz-Kuchen künftig abschneiden.

Redaktion AnlegerPlus