17. Mai 2017   Börse

Ein neues Segment für junge Unternehmen

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Nach langem Zögern hat die Deutsche Börse Anfang März mit „Scale“ ein neues Börsensegment für junge, aufstrebende Unternehmen gegründet. Ein zweiter Neuer Markt soll das aber nicht werden.

 

Die neue Plattform der Deutschen Börse trägt den englischen Namen Scale, was so viel heißt wie „Maßstab“, „Ausmaß“ oder „Rahmen“. Welche anderen Namen bei der öffentlich ausgeschriebenen Namensfindung noch in der engeren Auswahl standen, sagt der Börsenbetreiber nicht. Klar ist nur, dass „Neuer Markt“ oder „Neuer Markt 2.0“ tabu waren.

Das neue Handelssegment soll kleinen und noch relativ jungen Firmen besseren Zugang zu Risikokapital zu verschaffen. Denn die schlechte Versorgung mit Geld für Wachstum ist eines der größten Probleme der deutschen Gründerszene. Zudem hat der Kapitalbedarf von kleinen und mittelständischen Unternehmen deutlich zugenommen.

 

43 Unternehmen am Start

Das neue Handelssegment an der Frankfurter Börse soll diese Firmen mit Investoren zusammenbringen und ihnen somit die Finanzierung ihres Wachstums erleichtern, sagte Carsten Kengeter, Vorstandschef der Deutschen Börse. Die wiederum erhofft sich von der Plattform deutlich mehr Handel und einen neuen Schub für Börsengänge. 2016 war der IPO-Markt in Deutschland erlahmt. Es gingen nur fünf Firmen aufs Parkett.

 

Scale ist mit 43 Unternehmen gestartet, die zuvor im Entry Standard, dem gehobenen Freiverkehrssegment der Frankfurter Börse, notierten. Dieser wurde durch das neue Angebot ersetzt, war er doch zunehmend stigmatisiert, weil die dort gelisteten Firmen unter Verdacht standen, nicht transparent zu sein. Tatsächlich hatte sich das wenig regulierte Segment zu einem undurchsichtigen Gemischtwarenladen von Anleihen und Aktien auch mittlerer und niedriger Qualität aus aller Herren Länder entwickelt, so dass es für die Börse mehr Bürde als Zier geworden war. Hinzu kommen im neuen Segment eine Handvoll Unternehmensanleihen.

 

Mehrere Schutzmechanismen

Skandalserien wie am Neuen Markt und teilweise auch im Entry Standard sollen bei Scale durch eine Reihe von Schutzmechanismen verhindert werden. Firmen, die in das neue Börsensegment aufgenommen werden wollen, müssen über ein positives Eigenkapital verfügen, rentabel sein, einen Jahresumsatz von mindestens 10 Millionen Euro erwirtschaften und mindestens 30 Millionen Euro wert sein. Zudem sollen sie mit einem Betreuer der Deutschen Börse zusammenarbeiten und sich zu Transparenz verpflichten.

Außerdem gilt eine Research-Pflicht. Die Börse beauftragt zwei große Analysehäuser, für jedes Mitglied im neuen Segment eine neutrale Analyse zu erstellen. Der Bericht wird nicht von den Unternehmen, sondern von der Deutschen Börse bezahlt. Damit sollen Interessenkonflikte vermieden werden.

 

Tatsächlich notieren in Scale eine Reihe von Aktienperlen. Dazu zählt der schwäbische IT-Dienstleister Datagroup (ISIN DE000A0JC8S7). Dessen Aktienkurs hat sich innerhalb eines Jahres fast verdreifacht, seit dem Börsengang vor gut zehn Jahren sogar verzehnfacht. Die Geschäfte laufen extrem gut, wie die jüngsten Quartalszahlen zeigen.

 

Zu den erfolgreichen Unternehmen in Scale gehört auch der Oberflächenspezialist Nanogate (ISIN DE000A0JKHC9) aus dem Saarland, dessen Geschäfte sich ebenfalls hervorragend entwickelt haben. Die Firma konzentriert sich auf Anwendungen aus Kunststoff und Metallen. Eine Erfolgsgeschichte ist auch die Firma Vectron (ISIN DE000A0KEXC7), ein Anbieter von Kassensystemen und Software. Ihr Aktienkurs hat sich allein in den letzten sechs Monaten mehr als verdoppelt.

 

Ob sich Scale zu einem Erfolgsmodell entwickeln wird, bleibt aber abzuwarten. Einen „Run“ auf das neue Segment hat es bisher nicht gegeben. Die Zahl der notierten Unternehmen ist seit dem Start am ersten März unverändert geblieben. Mit ihrem Angebot ist die Deutsche Börse nicht allein. So verfügt auch die Börse München bereits seit dem Juli 2005 über eine Plattform für mittelständische Unternehmen. Mit Erfolg: m:access, so der Name des Segments, zählt derzeit 52 Unternehmen. Ganz anders die Börse Düsseldorf: Sie hat Anfang 2015 ihren Ende 2010 gegründeten „Mittelstandsmarkt“ wieder geschlossen.

Stefan Siebert, Redaktion AnlegerPlus