24. Mai 2017   Investment

Jede Menge Kurstreiber

Biotech

Neue Produkte, hohe Preissetzungsmacht und eine im langjährigen Vergleich günstige Branchenbewertung: Warum Anleger sich jetzt Biotechaktien ins Depot legen können.

 

Für Neurocrine Biosciences bedeutete der 11.4.2017 einen Höhepunkt in der 25-jährigen Firmenhistorie. An diesem Tag erhielt die kalifornische Biotechfirma von der US-Behörde FDA die Zulassung für ihr erstes in Eigenregie entwickeltes Medikament: Ingrezza. Es wird zur Behandlung einer Erkrankung eingesetzt, die als Nebeneffekt bei der Behandlung mit Psychopharmaka auftritt. Die davon Betroffenen leiden unter unkontrollierbaren Bewegungen von Kopf und Gliedmaßen.

 

Mit Ingrezza zielt Neurocrine auf einen Nischenmarkt ab, den die Gesellschaft selbst angehen kann, ohne einen Marketing-Deal eingehen zu müssen. Die Behandlung hat ihren Preis: 60.000 US-Dollar im Jahr für die Behandlung mit der niedrigeren Dosis – die zuerst auf den Markt kommt – wird Neurocrine verlangen. Für die höhere Dosierung kursieren in Fachkreisen Summen in der doppelten Größenordnung. Damit hat Ingrezza das Potenzial, jährliche Spitzenumsätze im Milliardenbereich einzuspielen. Kein Wunder also, dass der Aktienkurs von Neurocrine seit Jahresanfang um 25 % zugelegt hat.

 

Milliardenprodukte in der Pipeline

Solche Erfolgsstorys sind die Kurstreiber für die Biotechbranche. Mehr als die Hälfte aller neu zugelassenen Arzneien wird mittlerweile in den Laboren der Biotechbranche entwickelt. Während die Pharmaindustrie weiter unter Absatzeinbußen durch Patentabläufe leidet, sind Biotechs häufig die Vorreiter bei neuen Therapieansätzen.

Das gilt vor allem für Krankheiten wie Krebs, Multiple Sklerose, Hepatitis oder erblich bedingte seltene Erkrankungen, für die es bislang keine oder nur unzureichende Behandlungsmöglichkeiten gibt. Für solche Innovationen sind Krankenkassen und Versicherungen auch in Zeiten des wachsenden Kostendrucks weiterhin bereit, hohe Innovationsprämien zu bezahlen.

 

Schwieriger haben es dagegen neue Heilmittel für chronische „Volkskrankheiten“ wie Diabetes, Bluthochdruck oder Rheuma. Hier ist bereits eine Vielzahl von Medikamenten verfügbar. Was für klinische Kandidaten bedeutet, dass sie einen künftig höheren Preis nur durch eine bessere Wirksamkeit und Verträglichkeit rechtfertigen können. Für die Medikamentenpreise bedeutet das: Nur wertorientierte Preismodelle bringen einen gesundheitsökonomischen Wert für die Gesellschaft. Was im Umkehrschluss auch bedeutet, dass Umsatzwachstum für neue Medikamente nicht nur über den Preis, sondern verstärkt durch Volumina, also die Einbeziehung einer möglichst hohen Patientenzahl, erzielt werden muss.

 

 


Der Gesundheitsmarkt

Marktvolumen (weltweit) Umsatzwachstum
Biotech 130 Mrd. US-Dollar 15 %
Generika 140 Mrd. US-Dollar 10 %
Pharma 610 Mrd. US-Dollar 3–5 %
Medizintechnik 350 Mrd. US-Dollar 5 %
Dienstleistungen 7.000 Mrd. US-Dollar 2–10 %
Stand 2014, Umsatzwachstum 2015–2017(e), Quelle: Deloitte

 

Dabei unterstützt das regulatorische Umfeld neue Therapieansätze. So kommen Medikamente gegen lebensbedrohliche Erkrankungen, für die keine oder unzureichende Behandlungsmethoden existieren, in den Vorzug eines beschleunigten Zulassungsverfahrens. In den USA sichert der 1983 verabschiedete Orphan Drug Act über sieben Jahre einen exklusiven Marktzugang für neue Heilmittel gegen Krankheiten, die jährlich im Schnitt bei weniger als 200.000 Personen diagnostiziert werden (in Europa: unter 230.000 neue Patienten). Außerdem wird die Hälfte der klinischen Kosten steuerlich erstattet. Folglich hat sich auch die Medikamentenentwicklung in den vergangenen zwei Jahrzehnten verändert. Bestanden die neuen Heilmittel zunächst aus Antikörpern und Proteinen, stehen jetzt immer mehr Gen- und Zelltherapien vor dem Durchbruch. Krebsmedikamente erzielen dabei die höchsten Umsätze.

 

Das Risiko streuen

Aus Anlegersicht bieten Biotechs gerade einen besonders guten Einstiegszeitpunkt. Die durchschnittliche Bewertung liegt am unteren Ende der langjährigen Bandbreite. Demgegenüber steht ein konstant hohes Wachstum der Branche gegenüber anderen Gesundheitssektoren (siehe Tabelle Gesundheitsmarkt). Nach den rasanten Kursgewinnen der vergangenen Jahre bleiben die Investoren aus zwei Gründen außen vor. Zum einen sorgt die Unsicherheit über die künftigen Gesundheitsausgaben in den USA unter Präsident Trump für eine gedämpfte Stimmung. Zum anderen war der jüngste Kursauftrieb an den Finanzmärkten durch den strategischen Wechsel in zyklischere Branchen getragen.

 

Wer in Einzelwerte investiert, muss einen langjährigen Anlagehorizont und eine gewisse Leidensfähigkeit bei Kursverlusten mitbringen. Im Schnitt schafft nur jeder achte Wirkstoff, der die klinischen Studien beginnt, den Sprung auf den Markt. Um dieses Risiko von Fehlschlägen besser abzufedern, sollten Branchengrößen, die mit zugelassenen Produkten bereits Geld verdienen, das Schwergewicht im Portfolio bilden. Bestenfalls eine spekulative Beimischung (mit einem höheren Kurshebel nach oben wie unten) sind Firmen, die mit ihren Kandidaten noch vor dem klinischen Durchbruch stehen.

 

Was die Marktreife von Produkten angeht, bleiben US-Biotechs erste Wahl. Ein besonders gutes Risiko-Rendite-Verhältnis bieten derzeit Schwergewichte wie Celgene, Amgen und Biogen. Als spekulativere Beimischung eignen sich Vertex Pharma, Incyte Pharma oder Alexion Pharma. Diese Firmen verdienen Geld mit Produkten in Marktnischen und gelten als Übernahmekandidaten. Wer die Investments in Biotech streuen will, setzt entweder auf ETFs wie den First Trust NYSE Arca Biotech (WKN A0MMQQ) und den iShares Nasdaq Biotechnology (WKN 657791) oder auf die Aktie der Beteiligungsgesellschaft BB Biotech. Deren Portfoliomix besteht aus höher gewichteten Kernbeteiligungen und kleineren Beteiligungen von Firmen, die mit ihren Technologien und Produkten vor dem Sprung auf den Markt stehen. Dazu kommen Aktionäre in den Genuss einer jährlichen Dividendenausschüttung.

 

 


Sechs Biotechs mit der richtigen Dosis Kurstreiber

Unternehmen ISIN Kurs EPS 2017e EPS 2018e KGV 2018e Umsatz 2016 Op. Marge FCF 2016
   


  in Mrd. USD  2016 in Mio. USD
Alexion Pharma US0153511094 90,90 €
5,30 € 6,66 € 17,2 3,1 43,10 % 753
Amgen US0311621009 137,85 € 12,48 € 12,68 € 11,8 23 49,80 % 8.221
Biogen US09062X1037 221,00 € 20,54 € 22,68 € 10,7 11,5 53,20 % 2.863
Celgene US1510201049 104,65 € 7,29 € 8,78 € 12,5 11,2 55,00 % 2.731
Incyte Pharma US45337C1027 122,00 € -0,21 € 0,70 € 156 1,1 13,10 % 204
Vertex Pharma US92532F1003 103,90 € 1,89 € 3,58 € 29,5 1,7 0,60 % 153

Anmerkung: EPS = Gewinn je Aktie | operative Marge = Umsatzrendite | FCF = Free Cashflow

Quelle: Bloomberg, Unternehmensangaben │ Stand: 9.5.2017, Kurse Stand 24.5.2017

 


 

Stefan Riedel