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2. November 2017   INVESTMENT

Kleine Kredite – große Wirkung

Frau

Nicht nur Anlagealternativen zum Niedrigzins, sondern auch der Wunsch nach ethischen Investments beschäftigt immer mehr Privatanleger. Mikrofinanzfonds bieten Anlegern beide Aspekte und können als Depotbeimischung durchaus interessant sein. Was steckt hinter dieser Assetklasse?

Einige der großen institutionellen Investoren, wie beispielsweise der Norwegische Staatsfonds oder Versicherungen, haben sich auf die Fahnen geschrieben, in ihren Wertpapierportfolios ethische und nachhaltige Anlagekriterien zu berücksichtigen. Immer mehr Privatanleger möchten es ihnen gleichtun und mit ihren Investments sinnvolle Projekte unterstützen. Wer sein Geld nicht nur „spenden“ möchte, sondern darauf Rendite erzielen will, sollte einen Blick auf Mikrofinanzfonds werfen.

Das Konzept

Mikrofinanzkredite haben eine jahrzehntelange Tradition und erlangten durch den Friedensnobelpreis für Muhammad Yunus, Gründer der Grameen Bank, im Jahr 2006 größere Aufmerksamkeit. Im Grunde sind diese Kredite eine klassische Variante der Hilfe zur Selbsthilfe. Dabei erhalten verarmte Menschen z. B. in Regionen wie Südostasien, Kaukasus oder Afrika, die nach herkömmlichen Bewertungskriterien keinen Bankkredit bekommen würden, ein kleines Darlehen, um eine unternehmerische Investition zu tätigen.

Exemplarisch kauft ein Bauer einen Pflug oder Saatgut, um damit sein Feld bewirtschaften zu können. Bei den Krediten handelt es sich oft um kleinere Beträge über wenige hundert Dollar. Durch den Verkaufserlös der Ernte zahlt der Bauer das Darlehen inkl. der Zinsen zurück. Den Menschen wird so ein Leben in Würde und die Chance auf Wohlstand ermöglicht. Und die kreditgebenden Mikrofinanzbanken verdienen damit Geld.

In der Regel werden die Kredite in ländlichen Gegenden sowie überwiegend an Frauen und Kreditnehmergruppen vergeben, die gemeinsam für die Rückzahlung aller Kredite der Gruppenteilnehmer verantwortlich sind. Wer bei den Schuldnern von hohen Kreditausfällen ausgeht, hat sich getäuscht. Erstaunlicherweise liegen die Rückzahlungsquoten im Schnitt bei hohen 98 %.

Die veranschlagten Zinssätze erscheinen aus hiesiger Sicht mit einem durchschnittlichen Zins von 26 % p. a. sehr hoch. Dies liegt zum Teil an der Inflation in den betreffenden Ländern, aber auch daran, dass das Geschäft der Mikrofinanzbanken sehr kleinteilig und deshalb teuer ist (z. B. werden die Zinsen und Kredite oft persönlich in den Dörfern eingesammelt bzw. zugeteilt).

Durch die Freisetzung unternehmerischer Tätigkeit ist die Rückzahlung der Darlehen an die Mikrofinanzbanken überwiegend darstellbar, was die hohen Rückzahlungsquoten zeigen. Gäbe es die Mikrofinanzbanken nicht, müssten sich die Kleinunternehmer überwiegend bei Kreditwucherern bedienen. Diese verlangen teilweise 20 % Zinsen – pro Tag! Das macht ein vernünftiges Wirtschaften unmöglich.

Als Depotbeimischung geeignet

Seit 2011 ist das Thema Mikrofinanzkredite für private Investoren hierzulande in Fondsform investierbar. Damals brachte die Invest in Vision ihren IIV Mikrofinanzfonds R (ISIN DE000A1H44T1) in Deutschland an den Start, der sich inzwischen großer Beliebtheit erfreut. Wie bei jedem Fonds sammelt die Fondsgesellschaft Geld ein und investiert es. In diesem Fall gibt der Fonds Mikrofinanzinstituten rund um die Welt Darlehen. Dabei werden Höchstquoten für Länder, Regionen und einzelne Institute beachtet, um eine größtmögliche Streuung zu gewährleisten.

Die bedachten Institute geben ihrerseits das Kapital über Mikrokredite an ihre Kleinkreditnehmer weiter. Durch die Rückzahlung der Darlehen samt Zins fließt das Kapital über die Mikrofinanzbank zurück an den Fonds. Somit profitieren alle Parteien.

Da es für die Darlehen an die Mikrofinanzbanken vor Ort keinen fungiblen Markt gibt, muss der Fonds mit einer quartalsweisen Kündigungsfrist arbeiten, um Mittelabflüsse steuern zu können. Dies ist allerdings eher positiv zu bewerten, da am Beispiel der offenen Immobilienfonds in der Ausprägung zu Zeiten der Finanzkrise zu sehen war, was passieren kann, wenn schwer handelbare Investitionsgüter täglich verfügbar sein sollen.

Natürlich ist ein derartiges Investment sehr speziell und schwer mit herkömmlichen Anlagen vergleichbar. Neben der ethischen Komponente sollten ein paar andere Gesichtspunkte beachtet werden:

Das Kerninvestment vieler Privatanleger-Depots bilden Mischfonds. Meist laufen hierbei mehrere Fonds parallel, die aber weitestgehend in dieselben Einzelanlagen oder Märkte investieren. Es bilden sich Klumpenrisiken im Depot. Aufgrund der schweren Handelbarkeit von Mikrofinanzfonds (Kündigungsfrist) fällt diese Anlagemöglichkeit für Mischfonds flach. Der Anleger kann also folglich bei einem Investment in Mikrofinanzfonds sein Depot diversifizieren.

Zusätzlich eignet sich der Mikrofinanzmarkt unter Korrelationsgesichtspunkten als Beimischung. Ein gut aufgestelltes Depot enthält möglichst voneinander unabhängige Depotpositionen. Der Mikrofinanzmarkt läuft sehr unabhängig von den gängigen Anlageklassen wie z. B. Aktien, Anleihen oder Gold. Deshalb kann er die Gesamtkorrelation des Depots positiv beeinflussen.

Schwer zu greifende Risiken

Die angepeilte Rendite inkl. Ausschüttungen des oben genannten Mikrofinanzfonds liegt beispielsweise zwischen 2 und 4 %. Der Fonds erreichte in den vergangenen fünf Jahren eine jährliche Wertentwicklung von 2,64 % und die 12-Monats-Dividendenrendite beträgt derzeit 1,72 %.

Aufgrund einer sehr niedrigen Volatilität sind dies gerade in Zeiten der Niedrigzinsen beachtliche Ergebnisse. Zu zahlende Ausgabeaufschläge müssen natürlich berücksichtigt werden, sind aber wie immer Verhandlungssache mit der ausgebenden Stelle. Zudem ist der Fonds über die Börse handelbar, wodurch man den Aufschlag vermeiden kann.

Von den gängigen fünf Risikoklassen ist der IIV Mikrofinanzfonds R aktuell in Risikoklasse zwei eingruppiert. Dies erscheint aufgrund des sehr speziellen Themas eher zu niedrig, aufgrund der geringen Volatilität formal aber in Ordnung. Da die Beurteilung der Werthaltigkeit der ausgegebenen Darlehen an die Mikrofinanzbanken sehr komplex ist, sollten Anleger den Fonds jedoch eher in einer höheren Risikoklasse sehen.

Das Grundsystem der Kleinkredite hat eine lange Tradition und bewiesen, dass es funktioniert. Die Risiken scheinen hier eher auf einer anderen Ebene zu liegen – z. B. externe Einflüsse wie Naturkatastrophen oder Krieg, welche Endkreditnehmer oder auch die Banken vor Ort in Gefahr bringen können.

Währungsabsicherung & Liquiditätsrisiken

Die meisten Darlehen an die Mikrofinanzbanken werden in US-Dollar vergeben, was eine Absicherung gegenüber dem Euro im Fonds möglich macht. Sollte allerdings das Zinsgefälle zwischen Euro- und US-Dollarraum weiter auseinander gehen, wird diese Absicherung teurer und nagt an der Performance. Engt sich der Abstand dagegen ein, würde dies dem Fonds zu Gute kommen.

Grundsätzlich wird ebenfalls an der Vergabe von Krediten in Lokalwährungen gearbeitet. Allerdings sind hier oft keine Absicherungsinstrumente vorhanden, so dass bestenfalls kleine Positionen im Fonds ungesichert eröffnet werden können. Deshalb versuchen Mikrofinanzbanken vor Ort Spareinlagen anzubieten, um diese Lokalwährungen wieder als Kredit vergeben zu können.

Interessant wird zu beobachten sein, was passiert, wenn plötzlich viel Geld aus dem Markt abgezogen wird und ob es Lösungen hierfür gibt. Der Invest In Vision Mikrofinanzfonds verfügt inzwischen über ein Gesamtvolumen von fast 490. Mio. Euro. Sehr wahrscheinlich sind im Fonds einige Anleger investiert, die ihr Geld dort nicht aus ethischen Gründen angelegt haben, sondern es höher verzinst dort parken. Sollten irgendwann wieder höhere Zinsen gezahlt werden, ziehen diese Anleger unter Umständen ihr Geld wieder ab. Falls dies zu viele zur selben Zeit machen, kann es trotz Kündigungsfristen zu Engpässen kommen.

Fazit

Eine ethische Wertung des Konzeptes Mikrofinanzprodukte muss jeder individuell für sich treffen. Als Instrument der Hilfe zur Selbsthilfe hat sich das System bewährt und kann auf eine lange Tradition zurück blicken.

Mikrofinanzfonds in Deutschland dagegen haben eine kürzere Historie. Deshalb und aufgrund der speziellen Anlageform mit schwer zu greifenden Risiken sollten sie nur als Beimischungsinstrument genutzt werden (z. B. nicht mehr als 5 % des Depotvolumens). Wie bei jeder Geldanlage empfiehlt sich vor dem Investment ein genauerer Blick auf das Produkt. Dieser kann sich allerdings lohnen, wenn Rendite und gutes Gewissen kombiniert werden sollen.

Christoph Richter



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