27. Juli 2017   Börse

Nestlé – Ziel aktivistischer Aktionäre

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Nestlé – Ziel aktivistischer Aktionäre

Langfristig ist der Multi aus der Schweiz zwar ein starker Performer an der Börse, doch in den letzten Jahren hinkte Nestlé (ISIN CH0038863350) vergleichbaren Aktien hinterher. Jetzt kommt jedoch Bewegung auf. Ein neuer CEO und ein aktivistischer Hedgefonds wollen schlummernde Potenziale heben.

Mit 260 Mrd. Schweizer Franken ist Nestlé das teuerste Unternehmen an den europäischen Börsen und das am höchsten bewertete Nahrungsmittelunternehmen der Welt. Der jährliche Umsatz liegt bei 90 Mrd. Schweizer Franken. Insgesamt zählen mehr als 2.000 Marken zum Imperium des Nahrungsmittelgiganten, davon 34 mit Jahresumsätzen von über einer Milliarde Schweizer Franken. Doch in den vergangenen fünf Jahren sind die Gewinne je Aktie nicht gestiegen, und das trotz Aktienrückkäufen von insgesamt 47 Mrd. Schweizer Franken seit 2005.

 

Neuer Besen soll gut kehren

Auch die Margen sind im Vergleich zu den Wettbewerbern verbesserungsfähig. Neue Wachstumsimpulse sind dringend erforderlich, schließlich liegt das Umsatzwachstum seit Jahren unter dem ausgegebenen 5%-Ziel. Ein neuer Vorstandsvorsitzender (CEO) soll es nun richten. Etwas überraschend hat der Verwaltungsrat zum ersten Mal seit 1922 einen Outsider an die Spitze des Konzerns berufen. Dem deutschen Anleger ist Dr. Ulf Mark Schneider vor allem wegen seiner überaus erfolgreichen Zeit als CEO beim Fresenius-Konzern bekannt. Unter seiner Ägide stiegen die Fresenius-Aktien um 20 % p. a. Seine Expertise im Gesundheitsmarkt und Erfahrung darin, anorganisches Wachstum durch Akquisitionen zu generieren, sind schon starke Hinweise darauf, welchen Kurs Nestlé unter der neuen Führung (Dr. Schneider leitet den Schweizer Konzern seit 1.1. 2017) einschlägt. In Interviews und bei der diesjährigen Generalversammlung im April schloss Schneider zwar größere Zukäufe nicht aus, erteilte allerdings jeglichen kurzfristigen Maßnahmen eine klare Absage.

 

Dr. Ulf Mark Schneider, der neue CEO der Nestlé S.A.


Hedgefonds fordert mehr Shareholder Value

Ende Juni sorgte dann der aktivistische Hedgefonds Third Point durch einen Brief des Managers und Multi-Milliardärs Dan Loeb an seine Investoren (http://www.thirdpointpublic.com/wp-content/uploads/2017/06/Third-Point-Nestle-Letter.pdf) für Schlagzeilen – und ein neues Rekordhoch der Aktie. Der 18 Mrd. US-Dollar schwere Hedgefonds hatte sich mit 3,5 Mrd. US-Dollar an Nestlé beteiligt und ein Optionspaket erworben. Die Beteiligungsquote beträgt 1,3 %. Loeb hält Nestlé für ein Qualitätsunternehmen, das durch ein Bündel von Maßnahmen den Shareholder Value stark erhöhen könnte. Dabei geht es um „Financial Engineering“ und strategische Entscheidungen. Konkret fordert Loeb, dass Nestlé die 23%-Beteiligung an L´Oréal im Wert von 25 Mrd. Schweizer Franken verkaufen soll, da es sich nicht um eine strategische Beteiligung handle. Die Investoren sollten frei sein in „Pure Plays“ zu investieren. Die Erlöse daraus sollten laut Loeb in Aktienrückkäufe fließen. Weiterhin fordert er eine bessere Nutzung der Bilanzstärke. Die Verhältniskennzahl Nettoverschuldung zu EBITDA liege bei Nestlé beim Faktor 1, branchenüblich seien 2–4. Mehr Fremdkapital für Aktienrückkäufe wäre im Sinn der Aktionäre, da Nestlé zuletzt sogar eine Nullzins-Anleihe problemlos platzieren konnte. Wenn sich der Gewinn auf weniger Aktien verteilt, steigt der Gewinn je Aktie stärker.

 

Weiterhin fordert Loeb die Konzentration auf margenstarke und wachsende Marktsegmente sowie die Trennung von Randaktivitäten. Dadurch könnte die operative Marge in den kommenden Jahren um bis zu 4 % gesteigert werden, was an der Börse mit einer höheren Bewertung belohnt werden würde.

 

Vom Underperformer zum Outperformer?

Die von Loeb kritisierten Punkte haben Hand und Fuß. Die Underperformance der Aktie in den letzten Jahren wird durch den Vergleich innerhalb einer relevanten Peergroup untermauert. Bei der Betrachtung des Total Shareholder Return (Kurssteigerungen + Dividendenrückfluss) muss sich Nestlé über 1, 3, 5 und 10 Jahre ebenfalls geschlagen geben (siehe 10-Jahres-Grafik).      

 

Durch die – wenn auch mäßige – Erhöhung der Dividende in den letzten Jahren ist angesichts stagnierender Gewinne die Ausschüttungsquote auf 66 % angestiegen, was über dem  langfristigen Mittelwert liegt. Loeb prognostiziert, würden die vorgeschlagenen Maßnahmen umgesetzt, könnten die Gewinne je Aktie von 3,40 Schweizer Franken bis 2020 auf 5–6 Schweizer Franken steigen. Und ein fokussiertes, stärker wachsendes Unternehmen mit höheren Margen würde seiner Ansicht nach an der Börse auch eine Prämie gegenüber schwächeren Wettbewerbern verdienen.

 

Die Ziele des Hedgefondsmanagers dürften nicht weit von denen entfernt liegen, die der neue CEO Ulf Schneider im Sinn hat. Die Umsetzung neuer Strategien bei einer Institution wie Nestlé, die bekannt für ausgeprägte Konzernstrukturen und -prozesse ist, erfordert allerdings Geduld, Geschick und einen langen Atem. Große Konzerne ändern sich nicht über Nacht. Die Forderungen von Loeb dagegen sind nicht ganz neu, ähnliche Maßnahmen hatten auch schon andere Adressen vor ihm vorgeschlagen. Das Timing von Loeb ist aber vielleicht die eigentliche Botschaft an die Marktteilnehmer, denn ein Mega-Cap wie Nestlé lässt sich nicht allein von außen verändern, sondern nur von innen, wenn ein neuer Manager mit entsprechendem „Track-Record“ das Steuer übernimmt, so wie Schneider bei Nestlé. Dieser hat zwar inzwischen den Verkauf des Aktienpaketes an L´Oréal verworfen, dafür aber nur wenige Tage nach Bekanntwerden der Third Point-Beteiligung ein auf drei Jahre angesetztes Aktienrückkaufprogramm über 21 Mrd. Schweizer Franken angekündigt, das natürlich schon im Vorfeld beschlossen und vorbereitet worden war. Kräfte der Veränderung von außen und innen könnten jedenfalls den Aktienkurs nachhaltig beflügeln.

 

Alexander Bosch