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29. September 2017   EURO

Ruft der starke Euro die EZB auf den Plan?

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Der Euro kennt gegenüber dem Dollar seit Ende letzten Jahres nur eine Richtung: steil nach oben. Das beunruhigt die erfolgsverwöhnte deutsche Exportwirtschaft und damit die Anleger. Denn ein starker Euro gegenüber den anderen Währungen verteuert die Produkte von Unternehmen aus dem Euroraum auf den Weltmärkten und verbilligt gleichzeitig die Importe. Das könnte die Europäische Zentralbank (EZB) auf den Plan rufen. Sie könnte Gegenmaßnahmen ergreifen, die Sparer nicht erfreuen.

Der starke Euro steckt auch den Anleger etwas in den Knochen. Ende August stieg die Gemeinschaftswährung erstmals seit Anfang 2015 wieder über die Marke von 1,20 US-Dollar. Seit Jahresanfang legte der Euro gegenüber dem US-Dollar bereits zweistellig zu. Marktbeobachter führen die aktuelle Aufwertung allerdings nicht nur auf die wiedergewonnene Euro-Stärke zurück, sondern auch auf eine US-Dollar-Schwäche.

Aufschwung in Euro-Ländern

Hauptgrund für die neue Euro-Hausse ist der Konjunkturaufschwung im Euroraum (siehe Interview). „Die Erholung des Euro resultiert aus der ökonomischen und politischen Stabilisierung der Eurozone“, sagt Alwin Schenk, Fondsmanager bei Sal. Oppenheim. Nicht nur in Deutschland ist die Stimmung in der Wirtschaft gut. Auch andere Regionen im Euroraum holen auf. So erhöhte vor kurzen der Internationale Währungsfonds (IWF) seine Wachstumsprognosen für viele Euroländer, darunter auch die Schwergewichte Frankreich, Deutschland, Italien und Spanien.

Anleger flüchteten aus US-Dollar

Für den Run auf den Euro sind aber auch die USA und Großbritannien verantwortlich. Die ausbleibenden US-Reformen und der anstehende Brexit belasten deren wirtschaftliche Entwicklung. Für beide Länder haben die IWF-Experten ihre Wachstumsprognosen folglich gesenkt. „In den USA rechnen nur noch wenige mit einer weiteren Zinsanhebung im Dezember“,  sagt Manuel Andersch, Devisenexperte der BayernLB. Und ein weiterer Abschwung scheint unausweichlich. Schließlich sorgten die schweren Sturmfluten in Texas und Florida infolge der Hurrikans für Milliardenschäden und zu Produktionsausfällen.

Und dann gibt es da ja noch den Konflikt mit dem Raketenmann aus Nordkorea. Kim Jong Un ließ erstmals seit 20 Jahren wieder eine Rakete über Japan fliegen. Die Folge an den Kapitalmärkten: Anleger flüchteten in sichere Häfen wie den Schweizer Franken, während der US-Dollar weiter an Wert verlor.

Wie reagiert die EZB?

Und der Euro? Er steigt und steigt und Kapitalmarktexperten wunderten sich, warum sich EZB-Präsident Mario Draghi lange Zeit nicht zu dem Thema zu Wort meldete. Dabei ist unumstritten, dass ein weiter steigender Euro die Waren außerhalb der Eurozone verteuert und in der Folge der konjunkturelle Aufschwung abgewürgt werden könnte. Zudem droht das EZB-Inflationsziel – Hauptgrund für die ultralockere Geldpolitik – wegen der fallenden Einfuhrpreise verfehlt zu werden. Die Aktienkurse stark exportorientierter DAX-Unternehmen gerieten deshalb immer stärker unter Druck: Nach drei schwachen Tagen rutsche der DAX Ende August erstmals seit April wieder unter die 12.000er-Marke.

Erst nach der EZB-Ratsversammlung am 7. September ergriff Draghi dann doch das Wort: „Das Wirtschaftswachstum im Euroraum ist stabil“, beurteilte er die Lage. Es müsse allerdings noch in eine nachhaltige Inflation übergehen. Und schließlich bezeichnete er den erstarkenden Euro als Risiko für die Inflationsrate. Die EZB will deshalb ihr Anleihen-Kaufprogramm auf keinen Fall vor Dezember 2017 stoppen. Es könne auch verlängert werden, wenn der EZB-Rat es für notwendig hält, um das ausgegebene Inflationsziel zu erreichen. Der Leitzins soll sogar noch über das Ende des Anleiheprogramms hinaus bei 0 % bleiben, so die EZB.

Thomas Müncher

 

 

Interview mit Dr. Achim Hammerschmitt, Leiter der Vermögens-

verwaltung und Fondsmanagement der Fürstlich Castell´schen Bank

 

Müssen die Inflationserwartungen nach unten korrigiert werden,

spricht das für eine Verlängerung des EZB-Kaufprogramms.

 


AnlegerPlus: Herr Dr. Hammerschmitt, was sind Ihrer Ansicht nach die Hauptgründe für den momentanen Höhenflug des Euro?

Dr. Achim Hammerschmitt: Mit dem Aufstieg populistischer Parteien in Europa erkannte die Bundesregierung, dass nur Europa selber EU und Euro retten kann. Die Bankenunion ist dabei ein wesentlicher Punkt, der auch eine Haftungsunion nach sich zieht. Der Preis des Euro orientierte sich daher eher an schwachen Ländern wie Italien. Mit den Fortschritten in der Integration Europas seit der Frankreich-Wahl wird der Preis des Euros eher am Durchschnitt aller Länder und ihrer Wirtschaftsleistung festgelegt, wodurch er steigt.

Und welche Rolle spielt dabei die Schwäche des US-Dollars wegen der wenig erfolgreichen Wirtschaftspolitik von US-Präsident Donald Trump?

Das Ausbleiben der Steuerreform für Unternehmen ist das größte Problem der US-Wirtschaftspolitik. Denn Währungen berücksichtigen neben der Zins- auch die Wachstumsentwicklung. Während das Wachstum in der Eurozone bis Ende Juni um 2,3 % im Jahr stieg, lag es in den USA „nur“ bei 2,2 %. Insofern verhilft die relative Erfolglosigkeit Trumps dem US-Dollar zur Schwäche, dem Euro zur Stärke.

Ist wegen des starken Euros mit einem schnelleren Ende der Anleihekäufe durch die EZB zu rechnen?

Tatsächlich bedeutet eine starke Währung eher einen inflationsdämpfenden Effekt. Allerdings spiegelt der starke Euro auch eine Wachstumsbeschleunigung in der Eurozone wider, die eher inflationsbelebend wirkt. Am Ende kommt es darauf an, ob die Inflationserwartungen nach unten korrigiert werden müssen, was für eine Verlängerung des Kaufprogramms spricht oder ob das Wachstum dominiert und die Anleihekäufe geordnet beendet werden können.

Interview: Thomas Müncher




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