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25. April 2014   Wirtschaft

Schreckgespenster: Deflation und Inflation

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Uns Deutschen sind die historische Inflation nach dem ersten und zweiten Weltkrieg sowie zwei Währungsreformen im kollektiven Gedächtnis – momentan rüsten sich die Notenbanken allerdings für den Kampf gegen eine Deflation. Wir erklären, was das genau ist und was es für Anleger bedeutet.

Der sogenannte Verbraucherpreisindex – also der Indikator für die Preisentwicklung – liefert seit Monaten das gleiche Bild in Deutschland und in der EU. Die Preissteigerungen des beispielhaften Warenkorbs fallen langsam aber stetig immer niedriger aus. Für März 2014 ermittelte das Statistische Bundesamt in Deutschland einen Anstieg des Verbraucherpreisindex von lediglich 1,0 % gegenüber dem Vorjahresmonat. Für die Europäische Union ermittelte die Statistikbehörde eurostat für März 2014 eine Inflationsrate von nur 0,6 %, ein Jahr zuvor hatte sie 1,9 % betragen.

Während nach Ausbruch der Finanzkrise und der Flutung der Märkte mit billigem Geld noch eine ausufernde Inflation erwartet wurde, steht nun plötzlich das Schreckgespenst „Deflation“ im Raum. Weitgehen unberücksichtigt bleibt in der öffentlichen Diskussion aber, dass die geringe EU-Inflationsrate vor allem auf Sondereffekte wie Preissenkungen bei Heizöl und Sprit zurückzuführen ist. Und in die Diskussion auch nicht mit einbezogen wird, dass in den europäischen Krisenstaaten Lohn- und Preisrückgänge unverzichtbar waren, um wieder an Wettbewerbsfähigkeit zu gewinnen, was ja gerade gewünscht ist und selbstverständlich erst mal zu deflatorischen Tendenzen führen muss.

Doch weg von der politischen Diskussion hin zur praktischen Erläuterung: Was bedeutet es, wenn Preise steigen oder fallen und wie kann man sein Vermögen in beiden Szenarien schützen? Darauf wollen wir im Folgenden eingehen.

Inflation: Was ist das?

Häufig ist in den Medien bei Preisanstiegen von einer Inflation die Rede. Doch vorübergehende Preissteigerungen oder Einzelpreissteigerungen bedeuten für sich genommen noch keine Inflation. Von Inflation spricht man dann, wenn das allgemeine Preisniveau, gemessen über den Durchschnitt wichtiger Einzelpreise einer Volkswirtschaft oder Wirtschaftsraums, dauerhaft ansteigt.

Auf Verbraucherebene wird die Inflation an der Entwicklung des sogenannten Verbraucherpreisindex gemessen. Diesen kann man sich als großen, imaginären Warenkorb vorstellen, in den die Statistiker diverse, für den Verbraucher bedeutende Waren hineinlegen und diese dann, je nach angenommener Wichtigkeit, unterschiedlich gewichten. Heraus kommt ein gewichteter Durchschnittspreis. An der Konstruktion des Warenkorbs sieht man, wie subjektiv die Messung der Inflation angegangen wird und dass es DIE Inflationsrate eigentlich gar nicht gibt (Stichwort: gefühlte Inflation vs. offizielle Inflation).

Eine gemäßigte Inflation von bis zu 2 % pro Jahr gilt als notwendige Begleiterscheinung von Wirtschaftswachstum. Vereinfacht dargestellt: Die Unternehmen erzielen Gewinne durch den Absatz von Produkten. Gekauft werden die Produkte vom Verbraucher, der zugleich Angestellter der Unternehmen ist. Mehr verkauft der Unternehmer nur, wenn der Verbraucher mehr kauft. Der Verbraucher kauft aber nur mehr, wenn er mehr verdient. Ein Mehrverdienst bedeutet für den Unternehmer höhere Lohnkosten, er wird die Preise erhöhen, um die Mehrkosten aufzufangen. Kommt es bei Einzelprodukten aufgrund der Mehrnachfrage zu Knappheitsszenarien, werden die Preise ebenfalls steigen. Eine Preisspirale beginnt sich zu drehen.

Wenn man nun Wirtschaftswachstum über die Zunahme des Bruttoinlandsproduktes (kurz BIP), also der Summe der Preise aller in einer Volkswirtschaft innerhalb des Betrachtungszeitraumes hergestellten Waren und Dienstleistungen, definiert, dann erkennt man, dass man allein über eine allgemeine Preisniveausteigerung, Wirtschaftswachstum generieren kann. Doch das wäre in der Tat kein wirkliches (reales) Wirtschaftswachstum und darum unterscheidet man zwischen dem nominalen und dem realen BIP. Im Unterschied zum nominalen BIP werden beim realen BIP die Preissteigerungen herausgerechnet.

Die Auswirkungen der Inflation

Darüber kommen wir nun zur Auswirkung der Inflation auf den Verbraucher, nämlich den Kaufkraftverlust des Geldes. Anders ausgedrückt: Bei Inflation kann sich der Verbraucher mit seinem nominalen Geldvermögen real immer weniger leisten, sofern sein Vermögen nicht mit einer Rate wächst, die über der Inflationsrate liegt. Erneut ein einfaches Beispiel: Angenommen der Verbraucher besitzt zum Jahresbeginn 100 Euro. Damit könnte er sein Auto bei einem Benzinpreis von 1,43 Euro je Liter mit ca. 70 Litern betanken. Er entscheidet sich aber, zunächst zu Fuß durchs Leben zu wandern. Da ihm das im Sommer zu anstrengend ist, entschließt er sich, doch das Auto zu nutzen. Nun kostet das Benzin aber 1,54 Euro je Liter. Er hat immer noch seine 100 Euro zur Verfügung. Dafür bekommt er jetzt jedoch nur noch 65 Liter. Die 100 Euro sind damit im Sommer, gemessen am Benzinpreis, weniger Wert als noch zu Beginn des Jahres.

Angenommen, der Verbraucher hätte sein Geld auf die Bank gelegt und dafür bis Sommer Zinsen in Höhe von 0,75 Euro erhalten, was einem jährlichen Zinssatz von 1,5 % entspräche, dann hätte er dafür 65,4 Liter Benzin erhalten, mehr also ohne Zinsen, aber immer noch weniger als im Frühjahr, vor dem Preisanstieg bei Benzin. D. h. real, nach Verrechnung von Vermögensanstieg mit der Preissteigerungsrate, ist das Vermögen des Verbrauchers im Sommer weniger wert als noch zu Beginn des Jahres.

Die Hyperinflation
Je geringer die Inflationsrate ist, umso geringer ist der Wertverlust des Geldes. Eine schleichende Inflation wird von der Bevölkerung meist ohne Widerspruch hingenommen, wenngleich auch eine niedrige Inflationsrate kontinuierlich zu einem Wertverlust der Geldvermögen führt, wenn dieses nicht entsprechend höhere Renditen erwirtschaftet. Die Europäische Zentralbank strebt für den Euro-Raum eine Inflationsrate nahe 2 % an. Je höher die Inflation, desto negativer sind selbstverständlich ihre Folgen.

Die Auswirkungen einer Hyperinflation konnte man nach dem ersten Weltkrieg in Deutschland beobachten, die 1923 ihren Höhepunkt erreichte. Krieg zu führen ist eine teure Angelegenheit, daher wurde zur Finanzierung der Kriegsmaschinerie in den Jahren 1914 bis 1918 ständig mehr Geld gedruckt. Allerdings hatte das nun im Überfluss vorhandene Geld keinen materiellen Gegenwert – der Goldstandard wurde bereits zu Kriegsbeginn aufgehoben und die Wirtschaft lag am Boden. Die Reparationsleistungen nach dem verlorenen Weltkrieg und die Finanzierung des Ruhrkampfes taten ihr übriges dazu. So stiegen die Preise täglich, eine „galoppierende Inflation“ nahm ihren Lauf. Während ein Brot zu Kriegsbeginn noch 32 Pfennig kostete, waren es im Januar 1923 bereits 163 Mark, zehn Monate später 233 Mrd. Mark. Beendet wurde der Spuk schließlich durch die Währungsreform im November 1923, als die Papiermark im Verhältnis 1:1 Billion durch die Rentenmark ersetzt wurde, die wiederum durch Goldreserven gedeckt war. Sparer verloren alles, Immobilienbesitzer dagegen waren die Gewinner der Reform. Aktien eigneten sich nur bedingt als Vermögensschutz, da zahlreiche Unternehmen die Hyperinflation nicht überstanden.

Deflation: Schon in geringem Maße schädlich

Während ein geringes Maß an Inflation, wie oben beschrieben, toleriert wird, schrillen bei ersten Anzeichen einer möglichen Deflation bei Politikern und Notenbanken die Alarmglocken. Unter Deflation versteht man ein dauerhaft sinkendes Preisniveau in einer Volkswirtschaft oder einem Wirtschaftsraum. Das bedeutet, Waren und Dienstleitungen werden laufend billiger. Was für den Verbraucher zunächst verlockend klingt, ist für ihn, wie für die komplette Wirtschaft, auf Dauer schädlich. Denn in Folge ständiger Preisrückgänge verschieben die Verbraucher ihre Käufe in die Zukunft, es könnte ja noch billiger werden. Rückläufige Preise und sinkender Konsum senken die Gewinnerwartungen der Unternehmen, ihre Investitionsbereitschaft lässt daher nach, die Produktion wird gesenkt, Personal wird entlassen und im schlimmsten Fall ganze Standorte geschlossen. Dadurch steigt wiederum die Arbeitslosigkeit, die Verbraucher müssen Einkommensverluste hinnehmen und sie fragen daher weniger Produkte nach. Eine negative Lohn-Preis-Spirale beginnt sich zu drehen, die Wirtschaftsleistung verringert sich, die Wirtschaft steuert in die Krise.

Am Beispiel Japan ist erkennbar, welche Folgen eine Deflation haben kann. Bis zum Ende der 80er Jahre war Japan eine wirtschaftliche Führungsmacht, der dortige Aktienmarkt erlebte eine außergewöhnliche Hausse. Der Boom an der Börse wurde begleitet von einem Immobilienboom. Der Aufschwung führte dazu, dass japanische Banken immer leichtfertiger Kredite vergaben, die Japaner investierten massenhaft in Immobilien. Doch die Blase platzte und die gesamte Wirtschaft konnte sich davon bis heute nicht erholen. Japan rutschte in die Deflation. Die Deflationsrate erreichte im August 2009 einen Höchstwert von 2,4 %. Weder Nullzinspolitik noch immense Konjunkturprogramme konnten diese Entwicklung stoppen sondern sorgten nur dafür, dass der japanische Staat mittlerweile einen Schuldenberg von über 245 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) vor sich her schiebt. Immerhin glaubt man nun langsam Licht am Ende des Tunnels zu sehen, nachdem die Verbraucherpreise, getragen von steigenden Energiekosten, seit Juni 2013 vom Deflationsmodus in den Inflationsmodus übergegangen sind.

Was schützt vor Inflation und Deflation?
Ob Deflation oder Inflation – in beiden Szenarien sind die Vermögen der Sparer bedroht, einmal durch Geldentwertung (Inflation) oder durch Arbeitslosigkeit bzw. sinkende Arbeitsentlohnung (Deflation). Für beide Szenarien gibt es Anlageklassen, mit denen Anleger ihr Vermögen schützen können. Ganz grundsätzlich gilt aber auch hier: Diversifizierung ist alles! Eine Ausrichtung auf nur eine Strategie oder Anlageklasse birgt immer Gefahren. Je breiter das Vermögen gestreut ist, desto krisensicherer ist es im Ernstfall. Je nach Szenario gibt es jedoch die Möglichkeit, entsprechend zu gewichten.

Immobilienbesitz (wenn nicht überteuert gekauft und finanzierbar) ist grundsätzlich nie verkehrt. Als Sachwert dient es als Absicherung bei Inflation und auch die Deflation kann dem Sachwert, sofern er nicht aus Liquiditätsgesichtspunkten veräußert werden muss, nichts anhaben.

Anders verhält es sich beim Sparbuch. Während logischerweise Sparbücher schlechtes Rüstzeug für eine Inflation sind, sieht das in der Deflation ganz anders aus. Hier steigt der reale Wert des Sparguthabens mit der Zeit, da die Preise fallen. So einfach ist es jedoch bei den nachfolgend dargestellten Anlageklassen nicht.

Aktien / Aktienfonds
Aktien sind Sachwerte. Das schützt während Inflationsphasen vor allem, wenn es sich um Firmen mit hohen materiellen Vermögenswerten wie Immobilien, Produktionsanlagen, Maschinen oder Rohstoffvorräte. Das können Autowerte, die Gesundheitsindustrie oder auch Nahrungsmittelhersteller sein. Die Firmen sollten Produkte herstellen, auf die der Verbraucher nicht einfach verzichten kann. Inflationsbedingte Kostensteigerungen können Unternehmen in der Regel durch Preissteigerungen an die Kunden weitergeben.

Doch auch für die Deflation können sich Aktien eignen. Hier sollte man sich auf Firmen konzentrieren, die große Preismacht besitzen, international aufgestellt sind, ein krisenbeständiges Geschäftsmodell und eine geringe Verschuldung aufweisen sowie stabile Cashflows generieren.

(Staats-)Anleihen
Eine Inflation hat für Anleger, die in Anleihen investieren und diese bis zur Endfälligkeit halten, kaum negative Folgen – solange der Zinssatz über der Inflationsrate liegt und abgesehen vom Insolvenzrisiko. Wer vorher verkauft, muss in einem Inflationsszenario begleitet von Zinserhöhungen Kursverluste hinnehmen, da mit steigenden Zinsen die Anleihekurse fallen. Während einer Inflationsphase sollte man also in Kurzläufer anlegen und diese bis zur Endfälligkeit halten. Anschließend kann man in neue Papiere mit höheren Zinsen reinvestieren. Ideal für ein Inflationsszenario sind inflationsindexierte Anleihen. Bei diesen sogenannten „Linkern“ sind der Zinscoupon und/oder der Nennwert an die Inflationsrate gekoppelt. Hier gilt es zu beachten, welcher Verbraucherpreisindex als Basis dient. In einer Deflation dagegen sollte der Schwerpunkt auf langlaufenden Anleihen liegen. Denn in diesem Szenario fallen die Zinsen und die Anleihenkurse steigen.

Für konservative Anleger eignen sich grundsätzlich nur Anleihen mit guter Bonität. Im Gegensatz zu Staatsanleihen werfen Unternehmensanleihen höhere Renditen ab, dafür ist das Ausfallrisiko höher. Wer risikoaffin ist, dem bieten Anleihen solider Unternehmen einen guten Schutz in Inflationszeiten sowie Sicherheit in Deflationszeiten. Voraussetzung dafür ist, dass der Emittent selbst die negativen Folgen einer Deflation abfangen kann.

Gold
Gerade in Zeiten des Vertrauensverlusts in Papiergeld wird Gold ein werthaltiger Schutz zugesprochen. Doch interessanterweise hat es sich gerade in Deflationszeiten bewährt. In Deflationsphasen des 19. und 20. Jahrhunderts konnte der Goldpreis deutlich zulegen. Unabhängig von einem dieser Szenarien schadet Gold als Beimischung im Vermögen grundsätzlich nicht. Und gerade nach dem Kursrückgang der letzten Jahre ist Gold im Moment wieder vergleichsweise günstig zu haben.

Am sichersten und sinnvollsten für den Werterhalt ist der Erwerb von physischem Gold als Barren oder Münzen. So wird auch das Szenario einer Währungsreform abgedeckt. Gold bringt allerdings keine Zinsen und verursacht in physischer Form Lagerkosten, das muss dem Anleger bewusst sein. Da Gold in US-Dollar notiert, kommt darüber hinaus noch das Währungsrisiko hinzu. Wer sich kein physisches Gold zulegen möchte, kann über Goldfonds oder ETF-Produkte in die Anlageklasse Gold investieren. Dabei setzt der Anleger nicht direkt auf den Goldpreis, sondern auf Firmen, die an Gewinnung oder Weiterverarbeitung des Edelmetalls partizipieren. Anders ist dies bei Goldzertifikaten, wie beispielsweise OPHIRUM ETP Gold (ISIN DE000A11QDW6), Xetra-Gold (ISIN DE000A0S9GB0) oder EUWAX Gold (ISIN DE000EWG0LD1). Mit diesen Produkten kann man indirekt in Gold investieren, ohne Lagerkosten – allerdings mit Abstufungen bei der Sicherheit. Es handelt sich hier um Inhaberschuldverschreibungen, die zu 100 % mit Gold unterlegt sind, einen Anspruch auf physische Lieferung von Gold verbriefen und dazu an der Börse handelbar sind.

Carolyn Friesl / Harald Rotter, Redaktion AnlegerPlus