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18. August 2017   ANLEIHEN

Zins ist nicht gleich Rendite – achten Sie auf die Restrenditen!

anleihen

Verständlicherweise möchte aktuell kaum jemand Geld im Zinsbereich investieren. Leider werden umgekehrt bestehenden Zinsanlagen nicht hinterfragt und nur selten entsprechende Konsequenzen gezogen. Dabei wäre in vielen Fällen mit Blick auf die Restrenditen einer Zinsanlage aktives Handeln angebracht.

Vermutlich geht es im Moment vielen Sparern so: Beim Blick auf die Kontoauszüge und dort speziell auf die Zinsgutschriften treibt es einem die Tränen in die Augen. Weder Festgelder noch Sparbriefe – selbst bei Direktbanken – werfen zufriedenstellende Zinserträge ab. Teilweise sind diese Produkte unter bestimmten Laufzeiten gar nicht mehr im Angebot oder beginnen mit einem Zinssatz von 0,0X %.

Tagesgeldkonten sind ebenfalls keine Alternative, da sie analog bepreist sind. Weicht man auf Staats- und Unternehmensanleihen aus, wird das Dilemma kaum besser. Wer hier nach rentierlichen Anlagen sucht, muss entweder bei der Bonität in die zweite oder dritte Reihe ausweichen oder die Laufzeit extrem strecken. Dazu braucht man gute Nerven, denn während der Laufzeit drohen starke Kursschwankungen nach unten, falls die Zinsen auch nur leicht steigen sollten.

Als Alternative bleiben folglich nur andere Anlagen, z. B. könnten der Vermögensaufstellung Aktien beigemischt werden. Langfristig zahlt sich das in der Regel aus, aber das soll nicht Gegenstand dieses Beitrags sein. Vielmehr soll der Beitrag Sparer dazu anregen, ihre Zinsanlagen zu überdenken. Denn grundsätzlich sollte man konsequenterweise keine Anlageformen im Anlagemix behalten, in die man aktuell nicht neu investieren würde.

Leider ist in der Praxis aber oft zu beobachten, wie an Zinsanlagen, welche vor Jahren abgeschlossen worden sind, immer noch festgehalten wird. Dabei ist das unterm Strich unsinnig. An dieser Stelle sei kurz noch einmal die Renditezusammensetzung von Anleihen dargestellt:

 

Zins ungleich Rendite

Hat ein Zinspapier mit einem Jahr Laufzeit einen Kupon von 3 % und notiert der Kurs zu 102,90 %, dann liegt die Rendite dieses Papiers nicht bei 3 % sondern bei 0,1 %. Wieso ist das so? Am Ende der Laufzeit zahlt der Emittent (hoffentlich) die Anleihen „nur“ zu 100 % zurück. Der Anleger hat dafür aber 102,90 % bezahlt. Bekommt er jetzt noch 3 % Zinsen, verbleibt ihm bezogen auf das eingesetzte Kapital eine Rendite von 0,097 %. Leider ist immer noch vielen Anlegern der Unterschied von Zins und Rendite einer Anlage nicht geläufig.

Kaum jemand käme wohl auf die Idee, diese Anlage neu zu tätigen. Andererseits halten Anleger aber an solchen Papieren bis zum Laufzeitende fest, weil man ja 3 % Verzinsung bekommt – der garantierte Kursverlust bezogen auf den Erwerbspreis wird ausgeblendet. Oder der Anleger hofft auf die gute Wertentwicklung in der Vergangenheit, vergisst dabei aber, dass dieser für die Zukunft keineswegs garantiert ist und die künftig auf das Papier zu zahlenden Zinsen im Kurs eingepreist sind. Die Vereinnahmung der Gesamtrendite einer Anleihe verläuft eben nicht gleichverteilt über die Laufzeit der Anlage.

 

Kostenfalle Zinsfonds

Noch extremer ist die Situation bei Rentenfonds. Von der niedrigen Restrendite der enthaltenen Anleihen müssen noch die laufenden Kosten des Fonds abgezogen werden. Damit bleibt derzeit unterm Strich garantiert nichts übrig – gelegentlich rutscht die Rendite nach Kosten sogar ins Minus. Dieses Szenario lässt sich für jeden Anleger durch einen Blick auf die aktuellen Monatsberichte oder Produktinformationsblätter leicht erkennen (im Internet oder über die Bank erhältlich). Darauf hingewiesen wird man freilich eher selten, weil die depotführende Stelle in der Regel Bestandvergütungen erhält, also von einem Verkauf nichts hat. Ganz im Gegenteil, die Berater versuchen mit Verweis auf die hohen Wertzuwächse der Vergangenheit die Papiere an den Mann oder die Frau zu bringen.

Leider können hier kostengünstige ETFs nur bedingt eine Alternative bieten, da selbst ihre vergleichsweise niedrige Verwaltungsvergütung für das heutige Zinsniveau zu hoch ist und die Restrenditen auffrisst.  

Besonders unsinnig wird das Festhalten an der Zinsanlage häufig bei langlaufenden Anleihen, die bereits vor 2009 erworben wurden. Bei diesen Papieren ist der Kursgewinn für Anleger steuerfrei. Doch am Ende der Laufzeit wird das Papier zu 100 % zurückbezahlt. Wer es nicht günstiger erworben hat, der hat dann keinen steuerfreien Kursgewinn mehr. Die Zinszahlungen dagegen müssen versteuert werden. Es lohnt sich also, nachzurechnen, ob es nicht vielleicht die bessere Alternative ist, den Kursgewinn steuerfrei einzustreichen und sich die später anfallenden Steuern auf die im Kurs bereits vorweggenommenen Kupons zu sparen.

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Anlegerinformation

Anlegerschutzorganisationen fordern Stärkung

Die Anlegerschutzorganisationen „Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger e.V.“ (SdK), „Verbraucherzentrale für Kapitalanleger e.V.“ (VzfK) sowie die „Initiative
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Zu schlagende Rendite

Daher könnte also ein Verkauf von Zinspapieren oder Zinsfonds in der aktuellen Situation Sinn machen. Aber nur dann, wenn die Alternativanlage(n), in die die dann aus dem Verkauf frei werdenden liquiden Mittel fließen, die aufgegebene Restrendite zzgl. der Verkaufsspesen schlagen kann. Das wiederum geht nur durch eine Erhöhung des Anlagerisikos, da sich die Restrendite der bestehenden Anleihe logischerweise auf dem Niveau vergleichbarer Zinspapiere bewegt.

 

Dazu ein aktuelles Beispiel einer deutschen Unternehmensanleihe:

 Emittent: BASF

WKN: A1R0XG

Aktueller Geldkurs: 109,27 % (4.8.2017)

Laufzeit: 05.12.2022

Kupon: 2,0 %

Restrendite: 0,25 %

 

Wird die Anlage verkauft, damit das Geld rentierlicher angelegt werden kann, muss die neue Anlage – vereinfacht gerechnet – die Restrendite von 0,25 % p. a. und die Kosten für den Verkauf auf die Restlaufzeit verteilt schlagen. Bei unterstellten Verkaufskosten von 0,5 % kommen also zusätzlich nochmals 0,1 % p. a. Renditeerwartung hinzu, in der Summe also 0,35 % p. a. Eine Gesamtrendite von 0,35 % p. a. bei ca. 5,5 Jahren Laufzeit ist mit anderen Anlageformen machbar.

Die Restrenditen einer Anleihe kann der Anleger unter Eingabe der Wertpapierkennnummer auf den gängigen Internetportalen oder durch einen Anruf bei seiner Bank in Erfahrung bringen. Wer kein höheres Anlagerisiko eingehen möchte, kann in der Anleihe verbleiben. Dann aber zumindest mit bewusster Kenntnis darüber, mit welcher Rendite sein Vermögen die nächsten Jahre angelegt ist.

Christoph Richter