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29. Mai 2012   Wirtschaft

Zukunftsmusik

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Erst stellte der Club of Rome einen Bericht mit dem Titel „2052“ vor. Das Fazit: Die Menschheit kann nicht überleben, wenn sie ihre Verschwendung und Kurzsichtigkeit fortsetzt. Nun veröffentlichte auch HSBC Trinkaus eine Studie zur Entwicklung der Weltwirtschaft: „Die Welt im Jahr 2050“ bestätigt einige Thesen des Club-of-Rome-Berichts, wobei der Schwerpunkt eher auf dem volkswirtschaftlichen Aspekt als auf dem Klimawandel liegt.

40 Jahre, nachdem der Club of Rome mit seinem Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ den Glauben an ein stetiges Wirtschaftswachstum erstmals gedämpft hatte, veröffentlicht der Think-Tank nun einen neuen Bericht mit dem Titel „2052: Eine globale Vorhersage für die nächsten 40 Jahre“. Der Club of Rome ist ein Zusammenschluss von Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur, Wirtschaft und Politik und beschäftigt sich mit verschiedenen internationalen und globalen Fragestellungen. Das Ziel des Think-Tanks (zu Deutsch: Denkfabrik) ist es, Strategien und Konzepte vorzulegen, die die weltweite Entwicklung positiv beeinflussen.

Die Erde im Jahr 2052
Darauf zielt auch der aktuelle Bericht ab. Er gibt einen Überblick darüber, wie sich die Welt in den nächsten 40 Jahren entwickeln würde, wenn die Menschheit weiter so wirtschaftet wie bisher. Der Klimaforscher Jorgen Randers kommt in dem Bericht zu dem Ergebnis, dass die Menschen die Ressourcen der Erde ausgereizt haben. Der Ausstoß von Treibhausgasen wird sich zu spät verringern, sodass die fortschreitende Erderwärmung nicht gestoppt werden kann. Bis 2052 wird sich der Meeresspiegel laut der Studie um einen halben Meter erhöhen und es soll mehr Dürren, Fluten, Insektenplagen und verheerende Wirbelstürme geben. Randers geht sogar noch weiter: Nach seiner Einschätzung wird die Temperatur bis 2080 um 2,8 Grad steigen. Das wiederum kann einen sich selbst verstärkenden Klimawandel auslösen, indem das Treibhausgas Methan aus der auftauenden Tundra entweicht, die Erde weiter aufheizt, woraufhin noch mehr Permafrostboden in der Tundra auftaut, aus dem wiederum Methan entweicht und so weiter. Eine Spirale in die Klimakatastrophe.

Doch nicht nur die Ressourcen der Umwelt werden 2052 ausgeschöpft sein: Auch das wirtschaftliche Wachstum wird sich laut dem Club of Rome verlangsamen. Dem Bericht zufolge wird das weltweite Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2050 nur 2,2 Mal größer sein als heute. Das wird unter anderem daran liegen, dass im Laufe der Zeit viele Volkswirtschaften ihr Entwicklungspotenzial ausgeschöpft haben werden. Die Bevölkerung wird allerdings nicht so stark zunehmen wie bisher angenommen. Bis Anfang der 2040er Jahre sollen auf der Erde 8,1 Mrd. Menschen leben, danach nimmt die Bevölkerung wieder ab. Der Grund: Bildung und Wohlstand werden auch in den Schwellen- und Entwicklungsländern mit hoher Geburtenzahl zunehmen und die Menschen werden mehr und mehr in Städten leben. Und dort bedeutet ein Kind zusätzliche Kosten. Dem Think-Tank zufolge werden sich deshalb immer mehr Paare gegen Nachwuchs entscheiden bzw. weniger Kinder bekommen – ein allgemein bekanntes Wohlstandsproblem.

Die Weltwirtschaft im Jahr 2050

Die Studie der HSBC Trinkaus AG greift diesen Aspekt des wirtschaftlichen Wachstums auf. Ausgehend vom aktuell rasanten Wachstum der Schwellenländer stellt sich HSBC die Frage, warum sich die Schwellenländer so rasant verändern und welche Auswirkungen das auf die Weltwirtschaft und die derzeit führenden Industrienationen haben könnte. Das Ergebnis: Im Jahr 2050 werden fast zwei Drittel von den 30 größten Volkswirtschaften (also 19 Länder) heutige Schwellenländer sein. Den Prognosen zufolge wird 2050 die Liste der größten Volkswirtschaften von China angeführt, gefolgt von den USA, Indien und Japan. Deutschland liegt dann hinter Japan auf dem fünften Platz. Grundlage für diese Berechnungen sind die erwarteten Pro-Kopf-Einkommen der Länder in Verbindung mit den jeweiligen demografischen Aussichten, basierend auf den Arbeiten des Harvard-Professors Robert Barro. Laut diesem gibt es drei Schlüsselfaktoren der wirtschaftlichen Entwicklung, die zu beachten wären und auf die sich die Autoren der HSBC-Studie bezogen haben. Da wäre zum einen die wirtschaftspolitische Steuerung. Dazu zählen der Grad der Geldwertstabilität, politische Bürgerrechte, der Stand der Demokratisierung, die Rechtsstaatlichkeit und das Ausmaß der darüber hinausgehenden staatlichen Aktivitäten. Die wirtschaftspolitische Steuerung zeigt an, inwieweit der Staat in der Lage ist, die durch ihn erlassenen Gesetze und Verordnungen durchzusetzen. Zum anderen das Humankapital. Im Vordergrund stehen dabei Bildungsgrad, die Gesundheit der Bevölkerung und die Geburtenrate. Das Humankapital verdeutlicht Relationen, zum Beispiel zwischen Technik und der Fähigkeit der Bevölkerung, diese auch nutzen zu können. Des Weiteren relevant ist das Ausgangsniveau des Pro-Kopf-Einkommens. Laut Studie basiert das BIP-Wachstum darauf, dass ein Land die richtige ökonomische Infrastruktur besitzt.

Ausgehend von diesen Faktoren kommen die Autoren zu dem Ergebnis, dass die Schwellenländer das weltweite Wirtschaftswachstum beschleunigen werden. Diese werden doppelt so viel zum globalen Wachstum beitragen wie die heutigen Industrienationen. Mit ein Grund dafür wird ein massiver demografischer Wandel sein. Pakistan wird zum Beispiel in der Rangliste der Top-100-Volkswirtschaften auf Platz 30 aufsteigen – getragen vom erwarteten Wachstum der arbeitenden Bevölkerung. Laut HSBC wird Pakistan 2050 das sechstbevölkerungsreichste Land der Welt sein. In Nigeria werden ebenso viele Menschen leben wie in den USA und für Äthiopien sind doppelt so viele Einwohner wie für Deutschland oder Großbritannien vorausgesagt. Die heute starken Industrienationen werden hinter dieser Entwicklung zurückbleiben – sie sind also die Verlierer des demografischen Wandels. Die Autoren gehen davon aus, dass sich in Japan die Zahl der Erwerbsbevölkerung bis 2050 um 37 % am stärksten reduzieren wird. In Russland wird sie um 31 % sinken und auch die Eurozone wird sich ähnlich entwickeln: Deutschland wird 29 % Erwerbstätige weniger haben als aktuell, Portugal 24 %, Italien 23 % und Spanien 11 %.

Alles in allem wird die demografische Entwicklung das Wirtschaftswachstum bremsen – das Entwicklungspotenzial wird bei vielen Volkswirtschaften ausgeschöpft sein, wie auch der Club of Rome festgestellt hat. Deutschland wird laut HSBC in der Rangliste der Top-100-Volkswirtschaften auf Rang fünf landen, einen Rang niedriger als noch 2010 prognostiziert. Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen soll sich bis 2050 auf 52.683 US-Dollar trotzdem kräftig gegenüber der Schätzung von 2010 (25.083 US-Dollar) erhöhen.

Energie und Umwelt

Aufgrund des Aufstiegs der asiatischen Schwellenländer in die obersten Ränge der Top-100-Volkwirtschaften (siehe Grafik) gehen die Autoren davon aus, dass sich das wirtschaftliche Gravitationszentrum nach Süden und Osten verlagern wird. Dadurch würde eine südliche Seidenstraße als Netz neuer Handelsrouten zwischen Asien, dem Nahen Osten, Afrika und Lateinamerika entstehen. HSBC erwartet für das 21. Jahrhundert einen exorbitanten Handelsboom zwischen diesen Ländern. Mit einem stärkeren Handel und einer wachsenden Wirtschaft geht auch ein steigender Energiebedarf einher. Diesem Punkt widmet sich HSBC in einer separaten Studie mit dem Titel „Energie in 2050“. Die Autoren kommen darin zu einem anderen Schluss als der Club of Rome. Sie gehen nämlich davon aus, dass das weitere Wachstum der Weltwirtschaft auch ohne übermäßige Umweltschäden möglich sei. Zwar dürfte die Ölnachfrage um 110 % auf über 190 Mio. Barrel pro Tag steigen und der gesamte Energiebedarf sich verdoppeln, aber wenn in Effizienzsteigerungen und kohlendioxidarme Alternativen investiert würde, müsse die Energieversorgung weder ein Hindernis darstellen noch die Umwelt zu sehr schädigen, so die Autoren. Die größere Herausforderung wird in Sachen Nahrungsmittelbedarf erwartet, denn bis 2050 muss die Nahrungsmittelproduktion um 70 % steigen, damit die wachsende Bevölkerung ausreichend versorgt werden kann. Lösen könne man das Problem mit einer Verbesserung des Ertrags, der Vermeidung von Überproduktion an den falschen Stellen sowie allgemein durch Änderungen der Ernährungsgewohnheiten. Dies dürfte dann auch der Umwelt zugutekommen und wäre somit ganz im Sinne des Club of Rome. Dieser hat die Hoffnung auch noch nicht aufgegeben, trotz der schlechten Prognosen seines Berichts: „Bitte helft, meine Vorhersage falsch werden zu lassen“, bittet Klimaforscher Jorgen Randers bei der Vorstellung des Berichts in Rotterdam. Denn „zusammen können wir eine viel bessere Welt schaffen.“

Stephanie Wente, Redaktion AnlegerPlus



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