Die fünf größten Tagesverluste von DAX-Konzernen

Fallender Aktienchart

Marcel Meier, Börse Stuttgart

Der Fall Wirecard hat Privatanleger und institutionelle Investoren gleichermaßen auf dem falschen Fuß erwischt und für viel Aufregung gesorgt. Allein am 25.6.2020 brach der Wirecard-Kurs um über 70 % ein – doch ein Blick in die Geschichtsbücher offenbart: In der Historie des DAX finden sich weitere Tagesverluste in ähnlicher Größenordnung.

Die folgenden Beispiele zeigen, dass ein großer Tagesverlust einer Aktie nicht zwingend bedeuten muss, dass der Emittent am wirtschaftlichen Abgrund steht. Ob sich der Aktienkurs später aber komplett erholen kann, ist allerdings eine ganz andere Frage.

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5. Vom DAX-Konzern zum Pennystock – und zurück

Als Infineon, die ehemalige Chip-Sparte des Siemens-Konzerns, im März 2000 an die Börse ging, erlebte die Aktie einen Hype: Die Aktie war nicht nur 33-fach überzeichnet, sie kletterte vom Ausgabepreis bei 35 Euro in nur wenigen Monaten auch um rund 140 % auf über 83 Euro.

Doch im Sog der geplatzten Dotcomblase sowie der heraufdämmernden Finanzkrise wich die Euphorie schnell der Ernüchterung. Als Infineon am 3.12.2008 Geschäftszahlen vorlegte, reagierten die Anleger entsetzt. Ein doppelt so hoch wie erwartet ausgefallener Verlust sowie ein schwacher Ausblick erweckten bei den Infineon-Investoren den Eindruck eines Pleitekandidaten. Sie schickten die Aktie am selben Tag 39,6 % gen Süden – damit war Infineon der erste Titel im DAX, dessen Kurs als sogenannter Pennystock unter die Marke von einem Euro fiel. In Folge musste der Titel die erste deutsche Börsenliga verlassen.

Doch eine Änderung der Geschäftsstrategie weg von Speicherchips hin zu Spezialchips brachte Infineon wieder in die Erfolgsspur: Innerhalb von sieben Jahren verdoppelte sich der Umsatz. Und nur sechs Monate nach dem DAX-Rauswurf folgte die Rückkehr in den deutschen Leitindex, dem Infineon seither angehört. Heute notiert die Aktie wieder über 20 Euro.

4. Kursrutsch zieht Regeländerung nach sich

Bereits seit 2005 hatte der Sportwagenhersteller Porsche die Übernahme des großen Volkswagen-Konzerns geplant. Als die VW-Aktie im Herbst 2008 im Zuge der Finanzkrise an Wert verlor, sahen die Porsche-Chefs ihre Chance gekommen. Am 26.10.2008 verkündeten sie, sich eine Aktienmehrheit von 74,1 % an der Volkswagen AG gesichert zu haben. Damit überraschten sie die vielen Leerverkäufer am Markt, die bei der VW-Stammaktie auf fallende Kurse gesetzt hatten. Diese sahen sich nun gezwungen, Aktien zu beschaffen und ihren Verpflichtungen gegenüber den Ausleihern nachzukommen.

Durch die Beteiligung des Landes Niedersachsen waren allerdings weitere 20 % der VW-Stammaktien in festen Händen. Daher traf die enorm hohe Nachfrage der Leerverkäufer auf ein äußerst geringes Angebot von lediglich rund 5 % der frei handelbaren VW-Stammaktien. Angetrieben von den Käufen der „Shorties“ kletterte die VW-Stammaktie am 28. Oktober schließlich auf über 1.000 Euro – damit war Volkswagen kurzzeitig das teuerste Unternehmen der Welt.

Nur einen Tag später verlor die VW-Stammaktie jedoch 45,3 % an Wert – mit Folgen für den DAX und Porsche. Während die heftigen Kursausschläge der VW-Stammaktie dazu führten, dass die Gewichtung einer Aktie im DAX auf maximal 10 % beschränkt wurde, verschuldete sich Porsche beim Übernahmeversuch in zweistelliger Milliardenhöhe. Da trat Volkswagen auf den Plan und übernahm seinerseits das Porsche-Sportwagengeschäft.

3. Gewinnwarnung löst Verluste aus

Etwas mehr als ein Jahr nach dem Aufstieg in den DAX brodelte bei MLP am 2.8.2002 die Gerüchteküche: Marktteilnehmer munkelten, der Finanzdienstleister werde eine Gewinnwarnung herausgeben. Als dies wenige Stunden später offiziell bestätigt wurde, hatten Panikverkäufe und Hedgefonds die MLP-Aktie bereits auf Talfahrt geschickt. Zu Handelsschluss verlor die Aktie 48,7 % auf rund 8 Euro – noch im März desselben Jahres hatte die MLP-Aktie bei rund 80 Euro gestanden.

Zudem wurden bereits im Vorfeld immer mehr Stimmen laut, die Zweifel an den von MLP verkündeten Wachstumsraten von bis zu 30 % pro Jahr äußerten. Angeblich sollte MLP dem Kapitalmarkt in den Geschäftsjahren 2000 und 2001 ein falsches Wachstum vorgespielt haben. Zwar erhärteten sich diese Vorwürfe nie, MLP verabschiedete sich am deutschen Aktienmarkt dennoch in die zweite Reihe und notiert heute als Nebenwert zwischen 5 und 6 Euro.

2. Vom Hoffnungsträger zur Insolvenz

Das Bild des digitalen Zahlungsabwicklers Wirecard als neue deutsche Tech-Hoffnung bekam bereits Anfang 2019 erste Risse. Insbesondere die Financial Times warf Wirecard fortwährend Unstimmigkeiten in der Bilanz vor, die Aktie geriet nach Jahren der Kursgewinne erstmals unter Druck.

Rund ein Jahr später folgte dann der große Knall: Die bereits mehrfach verschobene Vorlage der Geschäftszahlen für 2019 platzte endgültig – offenbar fehlen in der Bilanz 1,9 Mrd. Euro. Als Branchenkenner noch rätselten, ob die Milliarden tatsächlich nur auf dem Papier existierten, um einen höheren Umsatz und Gewinn vorzutäuschen, überschlugen sich die Ereignisse. Während Ex-CEO Markus Braun nur einen Tag später zurücktrat und kurz darauf festgenommen wurde, wird der flüchtige, ehemalige Vorstand Jan Marsalek inzwischen per Öffentlichkeitsfahndung gesucht.

Den größten Tagesverlust erlebte Wirecard am 25.6.2020, als das Unternehmen Insolvenz anmeldete: Die Aktie brach um 71,3 % ein. Seither zog der Fall immer weitere Kreise und erreichte schließlich auch Aufsicht und Politik, denen Versäumnisse vorgeworfen werden.

1. Im Sog der Finanzkrise

Am 15.1.2008 dürfte der Name „Hypo Real Estate“ in Deutschland zum ersten Mal größere Aufmerksamkeit geweckt haben: Innerhalb weniger Stunden verlor die Aktie der Bank rund 37 % an Wert. Zuvor hatte die Führungsriege stets behauptet, die Bank werde gestärkt aus der Finanzkrise hervorgehen. Nun jedoch gab sie in einer Pflichtmitteilung bekannt, dass wegen der Krise am US-Immobilienmarkt 390 Mio. Euro abgeschrieben werden müssen.

Nur wenige Monate später kam es noch schlimmer: Als in den USA die Investmentbank Lehman Brothers zusammenbrach, trauten die Banken einander nicht mehr und liehen sich kein Geld mehr. Daraufhin kam es auch bei der Hypo Real Estate – trotz einer Bilanzsumme von rund 400 Mrd. Euro – zu Liquiditätsengpässen. Aufgrund risikoreicher Geschäfte geriet die Bank in Schieflage und drohte, andere Banken mitzureißen.

Als die Bundesregierung zur Hilfe eilte und für die Hypo Real Estate ein Rettungspaket in Milliardenhöhe schnürte, befand sich der Aktienkurs bereits im freien Fall. Am 29.9.2008 rauschte er 73,9 % auf 3,52 Euro in die Tiefe. Bei der Übernahme der letzten ausstehenden Anteile erhielten die Aktionäre im Oktober 2009 sogar lediglich 1,30 Euro je Aktie. Während der deutsche Staat die milliardenschweren Risiken der Bank übernahm, wurde das operative Geschäft durch die Deutsche Pfandbriefbank weitergeführt – deren Aktie inzwischen wieder an der Börse gelistet ist und im Juni aus dem MDAX absteigen musste.

Breite Streuung als Mittel gegen große Einzelverluste

Trotz solcher Kursverluste bei wenigen Einzeltiteln kann sich die Entwicklung des DAX über einen längeren Zeitraum hinweg sehen lassen: Auf Sicht von 20 Jahren legte der deutsche Leitindex über 78 % zu, in den letzten zehn Jahren gar über 112 %. Das entspricht einer jährlichen Rendite von 3,9 % beziehungsweise 11,2 %.

Daher gilt bei Investments am Aktienmarkt eine goldene Regel, die Richard Dittrich, Experte für Anlegerthemen an der Börse Stuttgart, bei Seminaren und Vorträgen stets hervorhebt: Setzen Sie an der Börse nie alles auf eine Karte! Statt auf wenige, vermeintlich starke Aktien zu vertrauen, empfiehlt sich eine möglichst breite Streuung des Portfolios. Dadurch lassen sich Marktschwankungen besser ausgleichen – und Verluste wie bei Wirecard oder der Hypo Real Estate fallen im eigenen Depot viel weniger ins Gewicht.

Bild: © sitox – istockphoto.com

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