Finfluencer: Fluch oder Segen?

Finfluencer Aktien ETF

Die Mehrheit der Influencer am Finanzmarkt sind erfahrene Anleger, die anschaulich Wissen vermitteln und professionell arbeiten. Doch es gibt eine Grauzone, in der auch schwarze Schafe aktiv sind.

Mit dem rasanten Wachstum sozialer Netzwerke entstand in den 2000er Jahren das Phänomen der Influencer. Dabei handelt es sich um einflussreiche Personen, die viele Follower haben und über eine entsprechend große Reichweite verfügen. Im Finanzbereich nennt man sie Financial Influencer, kurz „Finfluencer“. Vor allem für jüngere Anleger, die digitale Kanäle bevorzugen, sind sie eine gefragte Informationsquelle. Der Studie „Gen Z and Investing“ zufolge informieren sie sich vor allem auf YouTube über Finanzen, gefolgt von Instagram und TikTok bzw. dessen Finanzbereich „FinTok“. Aber auch Twitter, Reddit und Facebook sind beliebt. Den Weg zum klassischen Anlageberater finden dagegen nur wenige. Und das, obwohl vielen jungen Menschen eine formale Finanzbildung fehlt.

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Doch provisionsfreie Trading-Apps, die Coronazeit und der Hype um Meme-Aktien wie GameStop haben das Interesse für die Märkte geweckt. Laut der Studie vertrauen fast 40 Prozent der Anleger der Generation Z auf Finfluencer als wichtigen Entscheidungsfaktor. Zu den bekannten Namen und Kanälen zählen Thomas Kehl (Finanzfluss), Christian W. Röhl (Dividendenadel) und Saidi Sulilatu (Finanztipp). Diese und viele andere seriöse Finfluencer informieren ihr Publikum ehrlich und bieten hochwertige Inhalte zu Themen, bei denen sie als Experten gelten. Sie können aber auch die Anlageentscheidungen der Follower durch ihre Expertise und ihr persönliches Branding beeinflussen. Manchen scheint dabei nicht bewusst zu sein, dass einige ihrer Aktivitäten unter die Regulierung fallen.

Große Grauzone

Insbesondere dürfen Finfluencer keine konkreten Empfehlungen geben, da dies eine erlaubnispflichtige Anlageberatung wäre. Doch nicht alle halten sich an die Spielregeln. Das zeigt die Studie „The Finfluencer Appeal“. Ganze 32 Prozent der untersuchten Inhalte enthielten demnach auch Empfehlungen. Und nur jeder fünfte Finfluencer legte gegenüber seinen Followern offen, ob damit eigene Interessen verfolgt werden. Noch deutlicher sind die Ergebnisse einer Studie der niederländischen Aufsichtsbehörde AFM („The Pitfalls of Finfluencing“). Darin wurden rund 150 Finfluencer mit durchschnittlich 11.000 Followern untersucht. 80 Prozent von ihnen gaben Tipps, von denen einige als Anlageempfehlungen gelten. Keiner von ihnen verfügte jedoch über eine Lizenz. Damit verstießen sie sowohl gegen niederländisches als auch gegen EU-Recht. Bedenklich war zudem, dass riskante Produkte wie Kryptos und gehebelte Instrumente wie Turbos und CFDs genannt wurden. Und einige Finfluencer arbeiteten mit Firmen ohne Lizenz für die Niederlande zusammen. Eine Ursache dafür ist, dass jeder, der sich befähigt fühlt, als Finfluencer agieren kann. Es geht also nicht immer seriös zu. So kritisiert das Paper mit dem prägnanten Titel „How to Make $1 Million in Thirty Seconds or Less“ die TikTok-Videos selbsternannter Experten. Demnach wurden in sehr kurzen Beiträgen mitunter Tipps gegeben, wie man im Alter von 30 Jahren Millionär werden kann. Oder sogar mit 16 Jahren. Dabei ist zwischen der freien Meinungsäußerung und dem Anlegerschutz abzuwägen, was nicht immer einfach ist. Als Fazit schreiben die Forscher, dass Finfluencer schon deshalb reguliert werden sollten, weil die Finanzindustrie insgesamt stark reguliert ist.

Sue S. Guan von der Santa Clara University zufolge bewegt sich so mancher Finfluencer in einer Grauzone der Wertpapiergesetze („Finfluencers and the Reasonable Retail Investor“). Bestimmte Aussagen müssen zwar nicht direkt falsch sein, können einzelne Follower aber je nach Kontext und Interpretation in die Irre führen. Ein Beispiel sind Smileys, die einen Kommentar als Scherz entlarven sollen, etwa eine Anlage in gehypte Aktien. Doch einige Anleger könnten das falsch verstehen und entsprechend handeln. Die Frage ist also, was man als gesunden Menschenverstand bei Followern voraussetzen kann. Angesichts des sehr unterschiedlichen Know-Hows in diesen Gruppen müsste man auf Nummer sicher gehen und sich am unteren Ende des Kenntnisstands orientieren.

Ein weiteres Problem ist, dass Social-Media-Nutzer dazu neigen, den inkompetenten Finfluencern zu folgen. Aus der Studie „Finfluencers“ geht hervor, dass sie ganze 56 Prozent der Finfluencer ausmachen. Nur 28 Prozent sind wirklich kompetent. Der Rest liegt in der Mitte. Inkompetente Finfluencer leiden wie viele Anleger unter schädlichen Verhaltenseffekten, indem sie Kurstrends nachlaufen und sich von der Marktstimmung vereinnahmen lassen. Wer also entgegengesetzt zu deren Empfehlungen handelt, könnte damit theoretisch sogar Überrenditen erzielen.

Vor allem Krypto ist für unbedarfte Anleger ein Minenfeld. Forscher von der Indiana University und der Harvard Business School untersuchten im Paper „Crypto-Influencers“ 180 prominente Krypto-Accounts auf Twitter. Demnach erzielten Tweets, die einzelne Kryptoanlagen erwähnten, kurzfristig signifikant positive und langfristig klar negative Renditen. Die Krypto-Finfluencer geben im Durchschnitt also schlechte Empfehlungen. Und schlimmer: Mitunter scheinen sie zum eigenen Vorteil nach dem verbotenen Pump-and-Dump-Schema vorzugehen. Dabei werden die Kurse kurzfristig nach oben getrieben, um dann auf Kosten der Follower zu verkaufen.

Fazit

Die hohe Bandbreite bei der Qualität von Finfluencern erfordert es, seriösen Quellen zu folgen und alles kritisch zu hinterfragen. Doch Privatanleger lassen sich tendenziell von den falschen Leuten beeinflussen. Davon geht eine Gefahr für unerfahrene Anleger aus. Die schiere Masse an Beiträgen scheint unüberschaubar, sodass die Anzahl der Follower oft als Indikator für Glaubwürdigkeit interpretiert wird. Doch das kann täuschen. Hinzu kommt, dass soziale Medien die Gefahr eines Herdenverhaltens befeuern, wie es im Fall GameStop zu beobachten war. Das kann sehr teuer werden. Alternativ könnte man von Vornherein einen Anlageberater zurate ziehen. Der kostet zwar auch Geld. Aber nicht annähernd so viel wie falsche Entscheidungen auf eigene Faust.

Um welche Investments geht es?

Finfluencer Graphik

Die Grafik zeigt, wie häufig Finfluencer einzelne Anlagen thematisieren. Die Stichprobe umfasst die drei für Finanzinhalte bedeutendsten Plattformen YouTube, Instagram und TikTok. Die untersuchten Inhalte stammen von Nutzern aus den USA, Großbritannien, Deutschland, Frankreich und den Niederlanden.

Quelle: Espeute, S. / Preece, R. (2024), The Finfluencer Appeal: Investing in the Age of Social Media, CFA Institute

Hier geht’s zum Blog von Dr. Marko Gränitz.

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Foto: © unsplash.com, Sam McGhee

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