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15. Juni 2021   Markt

Buffett-Indikator auf Rekordstand – ein Grund zur Sorge?

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Amerikanische Aktien sind in Relation zum Bruttoinlandsprodukt der USA so hoch bewertet wie nie zuvor. Der Indikator ist sogar höher als zu Zeiten der New Economy Bubble. Signalisiert der Buffett-Indikator damit eine Kurskorrektur? Wie ist sein Stand zu interpretieren?

 

Über 80 % haben amerikanische Aktien, gemessen am S&P 500, seit dem Coronatief im März 2020 zugelegt. Da wird so manchem Anleger schwindelig und er sucht nach Anhaltspunkten dafür, wie teuer die Aktien wirklich bewertet sind. Ein solcher Anhaltspunkt ist der Buffett-Indikator. Investorenlegende Warren Buffett hat diesen Indikator 2001 als „das wahrscheinlich beste Einzelmaß zur Bestimmung des Bewertungsniveaus zu einem gegebenen Zeitpunkt“ bezeichnet und ihm damit einen Namen für die Ewigkeit verpasst: Buffett-Indikator.

 

Simple Rechnung

Die Berechnung des Buffett-Indikators ist recht einfach: Die gesamte Marktkapitalisierung amerikanischer Aktien wird durch das Bruttoinlandsprodukt der Vereinigten Staaten dividiert. Anfang Juni betrug der aggregierte Börsenwert amerikanischer Aktien 52,7 Billionen US-Dollar. Dem steht eine für das aktuelle Quartal aufs Jahr hochgerechnete Schätzung für das Bruttoinlandsprodukt von 22,6 Billionen US-Dollar gegenüber. Hieraus errechnet sich ein Indikator von 233 %. Alle amerikanischen Aktien zusammen sind also 2,34-mal so viel wert wie die Summe aller Waren und Dienstleistungen, die in einem Jahr in den USA produziert werden.

 

Ein Blick auf den Verlauf des Buffett-Indikators seit 1950 zeigt: Noch nie wurde ein so hoher Wert erreicht. Selbst auf dem Höhepunkt der New-Economy-Blase Anfang 2000 notierte der Indikator lediglich bei 167 %. Seinen Tiefpunkt hatte die Bewertung hingegen Anfang der 1980er-Jahre im Bereich von gerade einmal 40 %. Als faires Niveau wurde vor 20 Jahren noch ein Indexstand um die 100 % gesehen. Allerdings erkennt man im Chart einen langfristig steigenden Trend, sodass heute 120 % als fairer Wert akzeptiert werden. Doch selbst wenn man diesen langfristigen Trend berücksichtigt, sind US-Aktien aktuell nach diesem Maßstab noch immer deutlich überbewertet.

 

Kritik am US-Fokus

Es gibt allerdings auch Kritik am Buffett-Indikator: Die Schwergewichte am US-Aktienmarkt wie etwa Apple (Börsenwert 2,1 Billionen US-Dollar), Microsoft (1,9 Billionen US-Dollar) oder Amazon (1,7 Billionen US-Dollar) sind allesamt global tätige Firmen. Sie erzielen einen großen Teil ihrer Umsätze außerhalb der Vereinigten Staaten. Ihr Börsenwert beruht daher in beträchtlichem Ausmaß auf Umsätzen und Gewinnen, die weltweit erzielt werden. Und dieser Anteil ist in den vergangenen Jahren sicher nicht geringer geworden. Kritiker wenden daher ein, dass es nicht mehr zeitgemäß ist, den Buffett-Indikator in der bisherigen Form zu betrachten.

 

In der Tat ergibt sich ein anderes Bild, wenn man den Indikator auf globaler Basis betrachtet. Die weltweite Marktkapitalisierung in Relation zum globalen Bruttoinlandsprodukt stand Anfang Mai bei 128 %. Damit wurde ein Wert erreicht, der zuletzt zum Jahreswechsel 2007/08, also kurz vor der Finanzkrise markiert worden ist. Zwar bewegt sich diese Variante des Indikators ebenfalls am Allzeithoch. Bedenkt man allerdings, wie stark Amerika in der Welt gewichtet ist und auf welchem Niveau dort der Indikator notiert, zeigt sich, dass vor allem amerikanische Aktien extrem hoch bewertet sind, während es gerade in Europa und Asien noch viele attraktive Investmentmöglichkeiten gibt.

 

Ein Grund für die ambitionierte US-Bewertung sind sicher die bei vielen US-Gesellschaften höheren EBIT-Margen. Da die Gewinnmargen vor Zinsen und Steuern sowohl bei den Technologiekonzernen als auch bei den global dominanten Konzernen höher ausfallen als bei vielen Unternehmen im Rest der Welt, erklärt das natürlich zum Teil, warum der Buffett-Indikator für die USA über dem anderer Länder liegt. Doch es droht in dieser Hinsicht Ungemach für den US-Aktienmarkt: Höhere Steuern sowie ein Angriff auf die doch teilweise recht mächtig gewordenen Mega-Konzerne könnten die Gewinnmargen vieler Gesellschaften und damit deren Aktienbewertungen unter Druck bringen.

 

Weniger profitable Unternehmen

Gefahr droht noch aus einer anderen Richtung. Rund 200 der 1.500 gemessen an der Marktkapitalisierung am höchsten bewerteten US-Gesellschaften schreiben seit drei oder mehr Jahren rote Zahlen, wie eine Untersuchung der Leuthold Group zeigt. Die Zahl der unprofitablen Gesellschaften ist damit etwa auf dem gleichen Wert wie im Jahr 2000 auf dem Gipfel der New Economy. Der gesamte Börsenwert der seit drei oder mehr Jahren Verluste schreibenden Gesellschaften beläuft sich aktuell auf rund 2,4 Billionen US-Dollar. Er ist damit heute rund 2,5-mal so hoch wie noch im Jahr 2000. Der S&P 500 ist im gleichen Zeitraum auf das 2,8-Fache gestiegen. Damit machen die unprofitablen Gesellschaften im Moment fast den gleichen Anteil wie damals aus, selbst wenn hier in Anbetracht der starken Cashflows von Giganten wie Apple oder Microsoft immer ins Feld geführt wird, dass Technologiewerte heute wesentlich profitabler seien als im Jahr 2000.

 

Der größte Einflussfaktor, auf den Anleger besonders achten sollten, ist die Entwicklung des Zinsniveaus. Warren Buffett hat bereits im Jahr 2017 auf den starken Einfluss der Zinsen hingewiesen. Gerade für die Technologiewerte ist dies besonders wichtig. Ihre Ertragskraft liegt noch weiter in der Zukunft. Nimmt man nun eine Unternehmensbewertung mittels Discounted-Cashflow-Methode vor, führen niedrige Zinsen dazu, dass diese künftig erwarteten Gewinne nur gering abgezinst werden und bereits heute mit hohen Werten in die Unternehmensbewertung eingehen. Steigen die Zinsen jedoch deutlicher an, schmelzen gerade die Bewertungen der stark wachsenden Unternehmen dahin. Anleger, die mit einem Ende der Niedrigzinsphase rechnen, sollten solche Aktien wählen, die selbst bei höheren Zinsen noch eine attraktive Rendite erwarten lassen.

 

Umgekehrt gilt: Je länger die Zinsen niedrig bleiben, desto länger kann sich gegebenenfalls die hohe Bewertung der US-Aktien halten. Bei der Betrachtung des Buffett-Indikators sollte man bedenken, dass man die Spitzen immer erst im Rückblick erkennt. Selbst Warren Buffett hat diesen Indikator erst im Herbst 2001, also rund eineinhalb Jahre, nachdem er das Top ausgebildet hatte, groß hervorgehoben. Niedrige Zinsen können also durchaus zu noch verrückteren Bewertungen führen.

 

Trübe Aussichten

Dennoch lässt ein Blick auf die Korrelation zwischen dem Niveau des Buffett-Indikators und der in den fünf darauffolgenden Jahren erzielten Rendite des S&P 500 nichts Gutes erwarten. Tendenziell waren die künftigen Erträge, die auf einen sehr hohen Stand des Buffett-Indikators folgten, vergleichsweise schwach. Für die kommenden fünf Jahre läge demzufolge der erwartete Ertrag bei rund minus 30 %. Allerdings sollte man dabei bedenken, dass das R-Quadrat, also das statistische Maß für die Zuverlässigkeit einer solchen Prognose, lediglich bei 0,184 liegt, was recht niedrig ist.

 

Der sinnvollste Weg, den durch den hohen Buffett-Indikator aufgezeigten Gefahren zu entgehen, dürfte vor allem die globale Diversifikation des eigenen Portfolios sein. Gerade in Europa und Japan gibt es viele attraktiv bewertete Firmen. Das gleiche gilt für solide Branchen wie etwa die Nahrungsmittelhersteller oder Pharma-Aktien. Beide Branchen sind aktuell aus der Mode, obwohl die Aktien attraktiv bewertet sind.

 

Matthias Schmitt

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Quelle: www.currentmarketvaluation.com