728x90leaderboard2
Wertpapier Banner2

28. März 2018   WISSEN

Crowdfunding – Von der Freiheitsstatue zu ICOs

FreiheitsstatueS

Was hat die Freiheitsstatue in New York mit der jungen internetbasierten Finanzierungsform Crowdfunding zu tun? Nun, es war ein bekanntes Vorläuferprojekt, denn das Einwandererland USA hatte 1885 kein Geld, um ein Podestal für die von Frankreich gespendete Freiheitsstatue zu errichten.

New York ohne die Freiheitsstatue? Undenkbar. Doch erst ein Aufruf in der New York World von Verleger Joseph Pulitzer beschaffte das notwendige Kapital – von über 120 000 Spendern, von denen die meisten weniger als einen US-Dollar beisteuerten, um den Sockel für die Statue zu errichten.

Auch der Genossenschaftsgedanke ist ein Wegbereiter für das Crowdfunding gewesen. Der Begriff wird jedoch tatsächlich 2006 erstmals verwendet. Eine der ersten Fundraising-Kampagnen über das damals gerade erst entstehende öffentliche Internet fand 1997 statt: die britische Rockband Marillion sammelte bei ihren Fans 60.000 US-Dollar ein, um ihre US-Konzerttour zu finanzieren. Das klappte so gut, dass die Band die nachfolgenden Musikalben ebenfalls via Crowdfunding finanzierte. Die ersten Crowdfunding-Plattformen, die auch heute noch Bedeutung haben, wie Kickstarter oder Indiegogo, sind erst 2008/2009 gegründet worden.

Anfänge der Innovation Crowdfunding

Musik, Theater, Film und publizistische Vorhaben – in deren kreativer Projektfinanzierung sowie der treuen Fan-Basis liegen die Anfänge des kommerziellen internetbasierten Crowdfunding. Dies liegt auch an den spezifischen Begebenheiten. Ein Theaterstück bringt erst Einnahmen, wenn es nach den Proben und Vorbereitungen aufgeführt wird. Banken und Finanziers mögen solche aus ihrer Sicht risikobehafteten kleinen Projektfinanzierungen in der Regel nicht. Und da Zuschüsse für Kunst und Kultur seit Jahrzehnten kontinuierlich reduziert werden, waren und sind die mit dem Internet entstandenen Möglichkeiten zur Finanzierung und direkten Kommunikation ein Segen für die Kulturschaffenden.

Schnell erkannten aber auch junge Unternehmer, Erfinder und Visionäre, dass Internet und Crowdfunding eine ganz neue Qualität für sie brachten. Fans, Interessierte und Gleichgesinnte bilden zwangslos und unkompliziert Interessengruppen, tauschen sich aus, führen weitere Affine heran, und manchmal bilden sich in „viraler“ Schnelligkeit Communities, die alles für eine Sache tun, wenn sie nur davon überzeugt sind.

Die Überzeugungsarbeit der Kapitalsuchenden war von Anfang an direkt an die potenziellen Nutzer und Geldgeber gerichtet – und oft so aufgesetzt, dass es nicht nur um Geld für die Finanzierung ging, sondern auch darum, manchmal sogar überwiegend, Feedback zu Produkten, Konzepten oder Dienstleistungen zu erhalten. Diese werden dann entsprechend den Wünschen und Vorlieben der potenziellen Kunden ausgerichtet. Man kann sich einen Direktvertrieb für z. B. nachhaltig und fair produzierte, nicht-allergene Bio T-Shirts und Babywäsche vorstellen. Welche Farben sind in der aktuellen Saison von der über die Crowdfunding-Plattform erreichbaren potenziellen Kundschaft wirklich gefragt? Wie würde sich ein Frühbestellerrabatt von 15 % für die ersten 100 Kunden auswirken? Oder was wäre, wenn Investoren ab einer vernünftigen Mindestanlagesumme Rabatte auf Produktbestellungen erhalten?

Finanzierung, Marketing und Marktforschung

Crowdfunding zur Unternehmens- oder Projektfinanzierung umfasst nicht nur Eigen- und Fremdkapital, sondern kann auch als Vorfinanzierung für Produkte und Services konzipiert sein oder als smartes Direktmarketing oder auch eine beliebige Kombination daraus. Das macht das Besondere aus und es bietet ganz neue Möglichkeiten, Geldgeber und Kunden zu finden und mit ihnen einen Dialog zu führen.

Dazu kommen soziale Trends, auf die geschickte Kommunikatoren aufspringen können. In der modernen Soziologie spricht man von „Tribalism“, z. B. von Veganern, Hardcore-Rockern, Online-Gamern oder Extremsportlern. Diese Tribes sind lose und formieren sich fortlaufend neu rund um die Trends von morgen. Erfolg beim Crowdfunding heißt seine Finanzierungsziele, ob 10 000 Euro oder 1 Mio. Euro, zu erreichen. Dafür muss die Ansprache in Wort, Bild und Film emotional mitreißen, plausibel sein und darf nicht überzogen wirken. Zu viel Information wirkt abschreckend und nackte Zahlen und technisches Fachgelaber langweilen.

Ein gutes Video, das Investoren mobilisieren kann, so zeigen etliche Studien, sollte nicht länger als drei Minuten sein, dabei sympathisch und informativ; vor allem muss es aber emotional ansprechen und begeistern.

Dafür reicht eine Pflichtübung nicht, eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne muss schon generalstabsmäßig geplant sein. Newsletter, Presseberichte, Messe-Events, Chats, Prototypen – alles, was das Interesse steigert und aufrechterhält, ist erlaubt und auch erforderlich. Das Kampagnen-Team muss kundenorientiert und kommunikativ, professionell und zuverlässig sein. Denn es gibt einen intensiven Wettbewerb der Kapitalsuchenden um die immer zu geringe Anzahl an Investoren.

Formen des Crowdfunding

Zum Crowdfunding-Markt zählen neben Eigenkapital, Fremdkapital und Vorverkäufen in der Unternehmens- und Projektfinanzierung auch Kredite von Privatpersonen an Privatpersonen, auch Peer-to-Peer-Kredite genannt. Aufgrund der Diversifikationsmöglichkeiten selbst für kleine Beträge kann das Ausfallrisiko gesenkt werden. Dafür liegt die Verzinsung je nach Rating und Laufzeit doch bei einigen Prozenten mehr als bei der Bank.

Schon seit Jahren haben sich auch ganze neue spezialisierte Crowdfunding-Kategorien etabliert. So gibt es eine Vielzahl von Immobilienplattformen mit unterschiedlicher Ausrichtung, ebenso Plattformen, die auf regenerative Energieprojekte fokussiert sind. Nicht zu vergessen sind auch soziale oder Donation-Plattformen. Hier erhält der Geldgeber keinen materiellen Gegenwert. Dafür fließt sein Geld in aus seiner Sicht sinnvolle Projekte, wie ein Weihnachtsfest im Waisenhaus, den Kampf und die Öffentlichkeitsarbeit gegen Folter oder Luftverschmutzung oder für das Überleben von Bienen, Walen oder bedrohten Ureinwohnern.

Seit Ende 2016 transformiert eine weitere Innovation, die Blockchain- oder Distributed-Ledger-Technologie, das Crowdfunding abermals. Denn nach dem Kryptowährungsboom von Bitcoin & Co. folgte schnell die Unternehmensfinanzierung durch sogenannte Token Sales oder Initial Coin Offerings (ICOs). Statt staatlicher Zahlungsmittel werden hier digitale Einzahlungen in Kryptowährungen verlangt. Dafür ist der Käufer der ICOs dann berechtigt, das zu erhalten, was in einem sogenannten „Smart Contract“ höchst unterschiedlich geregelt ist.

Da es sich zumeist um eine „Black Box“ handelt und keine Sicherheiten, oft nicht einmal eine Finanzplanung, vorhanden sind, wurde durch den Mangel an Regulierung ein unebenes Spielfeld erzeugt. 2017 wurden in der globalen Start-up-Finanzierung mehr Mittel über ICOs aufgenommen als über die etablierten Kanäle Venture Capital und Angel Investoren. Der Schatten des Booms: viele Schwindler und Betrüger und hohe Verluste durch Hacker und Cyberkriminelle.     

Alexander Bosch, Redaktion AnlegerPlus



Diese Website verwendet Cookies. Mit der weiteren Nutzung dieser Website, akzeptieren Sie unsere Datenschutzerklärung und die Verwendung von Cookies und um Ihnen spezielle Services und personalisierte Inhalte bereitzustellen. Weiteres erfahren Sie unter der Rubrik Datenschutz.

X schließen