symposiumbanner160x600px2

2. Januar 2019   Interview

„Der Brexit kennt am Ende nur Verlierer.“

fotos altmaier 37

Peter Altmaier ist leidenschaftlicher Europäer und politischer Kopf der deutschen Wirtschaft. Im Interview mit AnlegerPlus spricht der 60-Jährige unter anderem über die Wachstumsdelle im 3. Quartal und die Perspektiven der künstlichen Intelligenz. Und: Trotz oder gerade wegen aller Europa-Skepsis wirbt Altmaier für die Staatengemeinschaft.

 

Herr Altmaier, Sie haben Ihr Amt als Bundesminister für Wirtschaft und Energie im März 2018 angetreten, sind also jetzt fast ein Dreivierteljahr im Amt. Zeit für ein erstes Zwischenfazit: In welcher Verfassung befindet sich die deutsche Wirtschaft?

Die deutsche Wirtschaft befindet sich in guter Verfassung. Wir haben mit über 45 Millionen Beschäftigten einen Rekordstand. Die Arbeitslosigkeit ist auf dem Tiefstand seit der Wiedervereinigung. Aber wir merken auch, dass die Unsicherheiten zunehmen. Etwa die Auseinandersetzungen im internationalen Handel, der zunehmende Protektionismus in einigen Ländern und der Brexit verunsichern die Wirtschaft. Auch der Fachkräftemangel betrifft die deutsche Wirtschaft zunehmend. Das wirkt sich natürlich auch auf das Wachstum aus.

 

Mitte November wurde bekannt, dass die deutsche Wirtschaft erstmals seit dreieinhalb Jahren wieder geschrumpft ist, das Bruttoinlandsprodukt verringerte sich im 3. Quartal um 0,2 % gegenüber dem Vorquartal. Nur eine kleine Schramme – oder der Beginn einer längeren Konjunkturabschwächung?

Der Rückgang im 3. Quartal beruht im Wesentlichen auf einem Sondereffekt in der Automobilindustrie: Die Umstellung auf einen neuen Prüfzyklus hat hier zu einem Zulassungsstau geführt. Hersteller haben ihre Produktion daher vorübergehend gedrosselt. Der gesamtwirtschaftliche Aufschwung geht aber in diesem und im nächsten Jahr nach Einschätzung aller bereits ins zehnte Jahr. Nach einem Wachstum von 2,2 % im letzten Jahr rechnen wir dieses und nächstes Jahr erneut mit einem soliden Wachstum. Das ist der längste Aufschwung seit 1966 und der zweitlängste überhaupt.

 

Die internationalen Handelskonflikte und den Brexit haben Sie bereits angesprochen, hinzu kommt der Haushaltsstreit zwischen Italien und der EU. Wie sehr drücken diese Störfeuer auf die Stimmung der deutschen Unternehmen?

Unsicherheit ist immer Gift für die Wirtschaft. Die Unternehmen warten ab, halten sich mit langfristigen Investitionsentscheidungen zurück und beobachten erst einmal die weitere Entwicklung. Wir arbeiten dafür, dass es nicht zu einer Eskalation der Handelskonflikte kommt. Und was den Brexit angeht: Wir brauchen eine Vereinbarung für die zukünftigen Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU, die für beide Seiten die bestmögliche Lösung ist. Hieran arbeitet die EU mit Großbritannien intensiv. Klar ist aber auch: Der Brexit kennt am Ende nur Verlierer.

 

Sie gelten als leidenschaftlicher Europäer, als Mensch, der lieber verbindet als entzweit. Wie sehr schmerzen Sie diese Diskussionen persönlich?

Ich war immer und bin nach wie vor der festen Überzeugung, dass die EU ein Glücksfall für Deutschland und auch für unsere europäischen Partner ist. In einer Welt, die sich zunehmend globalisiert, merken wir gerade in diesem rauer werdenden internationalen Handel, wie wichtig es ist, dass wir mit Europa gemeinsam ein gewaltiges Gewicht in die Waagschale werfen können.

 

Ist Europa in Summe immer noch größer und stärker als das Gewicht aller einzelnen europäischen Länder?

Ja, natürlich. Europa als großer Binnenmarkt war und ist Garant für unsere wirtschaftliche Entwicklung – aber auch für Frieden und Stabilität. Hierauf müssen wir uns immer besinnen – auch wenn es im Einzelfall einmal in der politischen Auseinandersetzung mühsam und langwierig sein kann. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Europa-Skeptiker die Oberhand gewinnen, es ist unsere Aufgabe, leidenschaftlich für Europa und seine unbestreitbaren Vorteile zu werben.

 

Die Bundesregierung hat angekündigt, für den Aufbau von Batterieproduktionen bis 2021 eine Milliarde Euro bereitzustellen, damit 2030 ein Drittel des weltweiten Batteriebedarfs aus europäischer Produktion gedeckt wird. Gerät die Elektromobilität damit zu einem Gradmesser für die allgemeine Wettbewerbsfähigkeit zwischen Deutschland und Europa gegenüber Asien und Amerika?

Die Elektromobilität wird die Zukunft der Automobilbranche wesentlich mitbestimmen. Ein großer Teil der Wertschöpfung findet dabei im Bereich der Batterien statt. Wir haben in Europa selbstverständlich den Anspruch, die Wertschöpfungskette in der Automobilindustrie auch künftig im Wesentlichen als Ganzes abbilden zu können.

 

Noch mehr finanzielle Mittel sollen der künstlichen Intelligenz zufließen, damit Deutschland nicht nur den Anschluss an die USA oder Israel hält, sondern selbst umsetzt und gestaltet. Wie soll konkret der Transfer von Forschung in die Praxis gelingen?

Künstliche Intelligenz wird eine Schlüsseltechnologie für die gesamte Wirtschaft – sie wird die gesamte Wertschöpfungskette auf eine neue Grundlage stellen, und zwar in allen Bereichen: In Industrie, Handwerk, Handel, Dienstleistungen und auch in der Landwirtschaft. Wir haben im November die KI-Strategie verabschiedet und senden damit ein klares Signal für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und Europas. Wir wollen zu einem weltweit führenden Standort für die Entwicklung und Anwendung von KI-Technologien werden. Entscheidend wird dabei sein, dass wir die Forschungsergebnisse schnell in die Praxis umsetzen und Geschäftsmodelle daraus entwickeln. Hierzu haben wir eine Agentur für Sprunginnovationen gegründet, die demnächst starten wird. Sie wird Forschungs- und Entwicklungsvorhaben mit Sprunginnovationspotenzial von der Idee bis hin zur Anwendung begleiten.

 

In der Öffentlichkeit kritisieren Gründer immer wieder die zu hohen Hürden der deutschen Bürokratie und fehlende Förderungen. Wie gut oder schlecht ist Deutschland da wirklich?

Klar ist: Wir brauchen mehr Gründerinnen und Gründer. Deshalb habe ich gemeinsam mit den Verbänden BDA, BDI, DIHK und ZDH eine Gründungsoffensive vorgestellt. Damit will ich als Bundeswirtschaftsminister Menschen ermutigen, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen, und die Gründungskultur in Deutschland stärken. Mit ihren Ideen, Produkten und Dienstleistungen tragen Gründerinnen und Gründer zu einer dynamischen, innovativen und international wettbewerbsfähigen Wirtschaft bei und sorgen für zukunftsfähige Arbeitsplätze.

 

Und Bürokratieabbau ist Bestandteil dieser Gründungsoffensive?

Ja, denn Gründer sollen sich auf das Wesentliche konzentrieren können: ihr Geschäft, Innovationen, Arbeitsplätze und Ausbildung. Im Rahmen des Bürokratieentlastungsgesetzes III werden wir weitere Entlastungen für die Wirtschaft umsetzen. Beim Thema Förderung und Finanzierung sind wir in der Frühphase von Start-ups mittlerweile – auch dank zahlreicher öffentlicher Förderprogramme – gut aufgestellt. Im internationalen Vergleich ist der deutsche Wagniskapitalmarkt aber immer noch vergleichsweise klein. Hier wollen wir ansetzen: Mit der im Oktober 2018 eingesetzten KfW-Beteiligungstochter – KfW Capital – wird die KfW ihr Engagement im Bereich Wagniskapitalfinanzierung intensivieren und in den kommenden zehn Jahren rund 2 Milliarden Euro für innovative Unternehmen und Start-ups zur Verfügung stellen. Das ist eine sehr gute Nachricht für Gründer und für die künftige Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes.

 

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

Interview: Sven Köpsel, Redaktion AnlegerPlus




Diese Website verwendet Cookies. Mit der weiteren Nutzung dieser Website, akzeptieren Sie unsere Datenschutzerklärung und die Verwendung von Cookies und um Ihnen spezielle Services und personalisierte Inhalte bereitzustellen. Weiteres erfahren Sie unter der Rubrik Datenschutz.

X schließen