16. September 2015   Wirtschaft

Droht uns eine neue Bankenkrise?

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Die letzte Bankenkrise der Jahre 2007 bis 2009, die auch in Deutschland einige Opfer gefunden und zu Verwerfungen im Bankensektor geführt hat, ist noch in guter Erinnerung. Seither scheinen sich die Banken gefangen zu haben und auf dem Weg der Besserung zu sein. Ein aktueller Aufsatz sieht allerdings für den Sparkassen- und Genossenschaftssektor nun Gefahr in Verzug.

Ein aktueller Aufsatz der Autoren Dr. Johann Rudolf Flesch und Burkhard Gebauer, beide von der Die einfache Bank - Beratungsgesellschaft mbH , sieht in der Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) eine Existenzbedrohung vor allem für die Ortsbanken der Sparkassen- und Genossenschaftsverbünde. Angesichts der anhaltenden Ertragserosion, ausgelöst durch die Niedrigzinsphase, stellt sich für die Banken trotz einer gelungenen Bilanzsaison 2014 die Frage, wie lange die Geschäftsmodelle noch durchgehalten werden können, nachdem bis zu 50 % der Zinsüberschüsse, die gerade für die Ortsbanken von besonderer Bedeutung sind, durch die Geldpolitik der EZB gefährdet sind.

Auf Säulen gebaut

Das deutsche Bankensystem fußt auf einer „Drei-Säulen-Struktur“. Diese ist aufgeteilt auf die „Säulen“ Genossenschaftsbanken, öffentlich-rechtliche Institute und die privaten Geschäftsbanken. Die Zentralverbände der Genossenschaftsbanken sind die DZ-Bank und die WGZ-Bank. Über 1.200 genossenschaftliche Kreditinstitute, überwiegend Volks- und Raiffeisenbanken, gibt es in Deutschland. Zu den öffentlich rechtlichen Instituten zählen u. a. die ca. 450 Sparkassen, die acht Landesbanken, die DEKA Bank und KfW-Bank. Gerade die Ortsbanken dieser beiden Säulen sind für die Privatleute und KMUs (klein- und mittelständische Unternehmen) von großer Bedeutung hinsichtlich der Geldversorgung, dem Zahlungsverkehr und der Kreditvergabe. Die dritte Säule schließlich bilden die privaten Geschäftsbanken, darunter die deutschen Großbanken, die Privat- und Direktbanken sowie die Auslands- und Pfandbriefbanken.

Die Einnahmequellen erodieren
Zu den Aufgaben des Bankensektors in Deutschland gehören u. a. die Zahlungsverkehrsfunktion (Abwicklung von Zahlungsströmen), die Größenklassentransformation (kleine Sparbeträge werden zu größeren Kreditbeträgen zusammengefasst), die Fristentransformation (Ausgleich von Laufzeiten der Geldanlage und der Kreditvergabe) und weitere Dienstleistungen wie Wertpapieremissionen, Beratung etc..

Über diese Funktionen lassen sich bei deren Erfüllung Gebühren und Provisionen bei den Abnehmern der Bankdienstleistungen erheben, die der Finanzierung des Geschäftsmodells dienen. Einen wesentlichen Beitrag zur Finanzierung stellen aber die Zinseinnahmen dar. Diese werden zum Teil aus den Guthaben der meist unverzinsten Girokonten erwirtschaftet, aber auch in Form von Zinsdifferenzen zwischen dem Zinsaufwand für Spareinlagen und dem Zinsertrag für Kreditvergaben (= Passivmarge).

Und genau hier sehen die Autoren des zitierten Aufsatzes erhebliche Probleme vor allem auf die Ortsbanken der genannten ersten beiden Säulen unseres Bankwesens zukommen. Denn bei einem Zinsniveau von Null sind Passivmargen eben nicht mehr zu erzielen, die Fristentransformation bei einer glatten Zinsstrukturkurve bringt keine Erträge. Auch Zinserträge aus der Anlage der Girokontenguthaben lassen sich bei Nullzinsen nicht erwirtschaften, die Anlagen der Banken im Eigengeschäft können nach dem Auslaufen nur zu Null wieder angelegt werden.

Dazu kommt, dass sich der Wettbewerb um die zinsunabhängigen und transaktionsabhängigen Dienstleistungen verstärken wird. Wettbewerber werden genau hier ihre Bemühungen ansetzen und das klassische Bankenmodell unter Druck setzen. Dadurch wird auch diese Einnahmequelle nicht mehr so üppig sprudeln.
    
Aufgabenerfüllung in Gefahr
Dr. Flesch und Burkhard Gebauer gehen auf Basis einer Erfolgsquellenanalyse davon aus, dass den Kreditinstituten „ein Ertragsanteil am Zinsüberschuss aus dem Kundengeschäft in Höhe von zirka 40 Prozent“ bis 2018 verloren geht, wenn die EZB ihre Niedrigzinspolitik aufrecht erhält. Und auch die Erfolgsquellen der Fristentransformation und die Einnahmen aus der Anlage des eigenen Vermögens, die zusammen zirka 25 Prozent des gesamten Zinsüberschusses ausmachen, dürften bei dieser Politik gegen Null tendieren. Daraus errechnen die Autoren, dass den Kreditinstituten „zirka die Hälfte des gesamten Zinsergebnisses in den nächsten drei bis fünf Jahren verloren geht“.

Da den Banken durch das Aufsichtsrecht für die Eigenanlagen mit Blick auf die risikoabhängigen Eigenkapitalanforderungen enge Grenzen gesetzt sind und somit daraus kein wesentlicher Beitrag zur Ergebnisverbesserung erwartet werden kann, sehen die Autoren die mittelständische Kreditwirtschaft vor einer massiven Veränderung. Einmal müssen sich auch die Privatkunden in diesem Szenario mit Negativzinsen auseinandersetzen, zum anderen wird es eine massive Einschränkung im Kundengeschäft geben. Denn letztlich lassen sich die Einnahmeausfälle nur durch eine konsequente Reduzierung der Kostenseite kompensieren, mit entsprechenden Auswirkungen u. a. auf die Vertriebsorganisation, die Beratung, die Produktpalette und die Wertschöpfungsprozesse. Auch die Zahl der Geschäftsstellen wird sicher darunter leiden.

Im Umkehrschluss heißt dies, dass Kreditinstitute, die es nicht schaffen, die Kosten der schrumpfenden Ertragsseite (50 %, siehe oben) anzupassen, nicht überleben werden. Die nächste Bankenkrise scheint „ante portas“ zu stehen, der EZB – Notenbank und Aufsichtsbehörde zugleich – sei Dank.

Redaktion AnlegerPlus

Der hier besprochene Aufsatz „Nullzinspolitik der EZB – Existenzbedrohung für die Banken“  der Autoren Dr. Johann Rudolf Flesch und Burkard Gebauer, beide Die Einfache Bank – Beratungsgesellschaft mbH , ist in der „Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen“, Ausgabe 12/2015 erschienen. Der Aufsatz bezieht sich auf eine 2014 von der Deutschen Bundesbank veröffentlichte Analyse der Erfolgsquellen deutscher Kreditinstitute.




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