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14. Januar 2020   HV-Bericht

Ganz Europa abgedeckt? Noch nicht!

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Kurz vor Weihnachten hatte die NFON AG zur außerordentlichen Hauptversammlung (HV) nach München eingeladen und dort die Marschroute bestätigt: Das Ziel ist, die Nr. 1 der Cloud-Telefonie in Europa zu werden. Der Weg dorthin soll durch einen ordentlichen Schluck aus der Pulle „anorganisches Wachstum“ befeuert werden.

 

In den knapp zwei Jahren seit dem Börsengang haben die Aktionäre des Münchner Cloud-Telefonie-Anbieters schon so einiges erlebt, darunter die erste Akquisition, die Gründungen der Töchter in Frankreich und Italien, eine Umsatzwarnung und kuriose Übernahmegerüchte. Doch der Trubel scheint bei näherem Betrachten nicht verwunderlich – das Geschäftsfeld ist eines der disruptivsten in der gesamten IT-Landschaft.

Das Kernprodukt der NFON AG ist eine cloudbasierte Telefonanlage. Ergänzt wird diese von zahlreichen Premiumlösungen, wie beispielsweise Gruppenchats, Video-Konferenzen und das Teilen von Bildschirmen. Da gerade in diesen ergänzenden Dienstleistungen hohe Margen schlummern sollen, präsentiert sich die Gesellschaft als Komplettanbieter von Cloud-Kommunikationslösungen.

 

Die europäische Invasion

Der Cloud-Telefonie-Markt in Europa steckt noch in den Kinderschuhen. Die Marktdurchdringung liegt bei lediglich 10 % – das Potenzial für NFON scheinbar gewaltig. Auch der Blick über den großen Teich bestätigt dies. Die US-Konkurrenten RingCentral, Five9 und 8x8 haben besonders eines gemeinsam – sie sind allesamt groß, profitabel und Lieblinge der Börsianer. Allein RingCentral erzielte im Jahr 2018 einen Umsatz von 674 Mio. US-Dollar – eine ganz andere Liga im Vergleich zum prognostizierten 2019er-Umsatz der NFON AG von 56 Mio. Euro.

Der Markt in Europa profitiert zudem von zahlreichen weiteren Faktoren. Der überlagernde Trend geht zu mobilen Arbeiten. Die vielfältigen Kommunikationslösungen bieten hierfür das notwendige Werkzeug. Weiter steht die Abschaltung der ISDN-Anschlüsse bevor. Spätestens 2022 soll es kein ISDN mehr in Deutschland geben. Unternehmen, die dadurch einem starken Handlungsdruck ausgesetzt sind, gilt es nun für NFON als Kunden zu gewinnen.

 

Kapitalstarke und aktivistische Großaktionäre

Um den Abstand zu den US-amerikanischen Konkurrenten zu verringern, sollen die Aktionäre sich schonmal bereit machen, ihre Geldbeutel zu öffnen. Das Lieblingswort der außerordentlichen HV war „Wachstumsbeschleunigung“ – der Grund für die Einberufung die Weichenstellung für die Durchführung von Kapitalerhöhungen.

Dazu gehörte die Wahl von zwei Großaktionärs-Vertretern in den Aufsichtsrat. Mit Florian Schuhbauer von Active Ownership Capital (AOC) und Günther Müller von Milestone Venture Capital (MVC) sind dort nun nicht nur zwei kapitalstarke, sondern auch aktivistische Investoren vertreten. Ihr vermutliches Ziel: So große Akquisitionen wie möglich mit neuem Eigenkapital zu finanzieren, um in diesem Zuge den eigenen Anteil am Unternehmen drastisch zu erhöhen.

 

Break-even nicht in Sicht

Die Mischung aus technologischem Know-how, einem erfahrenen Management, einem großen und profitablen Markt, ausreichend zur Verfügung gestelltem Eigenkapital und einer aktivistischen Aktionärsbasis könnte ein Investment in die NFON AG lukrativ erscheinen lassen.

Dennoch könnte den Anlegern ein langer Atem und weiterer Kapitaleinsatz abverlangt werden. Denn das schnelle Wachstum zieht einen hohen Jahresfehlbetrag mit sich, ein Break-even wurde vom Management noch nicht einmal vage anvisiert. Doch falls die Strategie des Managements aufgeht, könnte nach ein paar Jahren, geprägt von reichlich Akquisitionen, möglicherweise ein größerer Anteil am europäischen Markt als Belohnung winken.

 

Bild von Wynn Pointaux auf Pixabay

Paul Petzelberger



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