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31. Mai 2016   Börse

Global Player im Höhenflug

HOCHTIEF

Manchmal kann eine aufgezwungene Hilfe wie eine feindliche Übernahme segensreich sein. Alle Aktionäre, die nach der ACS-Mehrheitsübernahme an Hochtief (ISIN DE0006070006) dabei geblieben sind, durften sich im letzten und diesem Jahr über die Aktienkursentwicklung freuen.

Die Hochtief AG hat bewegte Zeiten hinter sich. Aufsichtsräte gaben sich die Klinke in die Hand, im Vorstand blieb kein Stein auf dem anderen und viele Geschäfte wurden verkauft, weil sie entweder zu viel Kapital erforderten oder zu weit vom Kerngeschäft „Bauen“ entfernt waren. Mit den verkauften Geschäftseinheiten wurde zudem ein Drittel aller Mitarbeiter ebenfalls „abgegeben“.

Neue Unternehmenskultur: Integrität und Verlässlichkeit
Ergebnis des Ganzen: die Umsatz- und Eigenkapital-Marge stieg. Der Börsenkurs zog an und Hochtief ist auf Jahressicht das Unternehmen mit dem größten Kursanstieg im MDAX. Jüngst wurde die Aktie mit der Aufnahme in den Index MSCI-World geadelt.

Das bescheidene Bekenntnis des Vorstandsvorsitzenden von Hochtief, Herrn Fernandez Verdes, der diese Aufgabe, als wäre sie nicht schon ein Fulltime Job, noch mit dem Vorstandsvorsitz bei CIMIC, der australischen Tochter und dem wertvollsten Teil von Hochtief, verbindet, „Ich bin stolz, für Hochtief arbeiten zu dürfen!“ spricht Bände.
Es drückt eine emotionale Verbundenheit mit dem Weltkonzern aus. Und es ist eine Verbeugung vor einem deutschen Unternehmen, das erst die spanische Mutter in all seinen Potenzialen entdeckt und entwickelt hat.

Hochtief hat es mit einem schwierigen und riskanten Geschäft zu tun. „Auf dem Bau“ regnet es keine Margen, sondern jeder Zehntelpunkt Marge will mühsam und beharrlich erarbeitet sein. Denn es gilt, nicht das abgerechnete Ergebnis zählt, sondern das vom Kunden bezahlte. Und ein Kunde zahlt umso lieber für sein Bauprojekt, wenn seine Erwartungen erfüllt werden. Weniger gern landen Kunden, wie es bei manchen Baufirmen vorkommt, durch ausgeklügelte Verträge am Ende vor Gericht.

Bessere Bilanz durch gezielte Verkäufe
Was sind nun die Erfolgsfaktoren, die diesen phänomenalen Kursanstieg begründet haben?

Zunächst wurden kapital- und personalintensive Geschäftseinheiten außerhalb des Kerngeschäfts Bauen wie Immobilien, Flughäfen weltweit und Telekommunikation in Australien für über 2 Mrd. Euro verkauft. Insgesamt konnten die Abschreibung damit um fast 400 Mio. Euro p. a. halbiert und der Investitionsbedarf 2015 um über 1 Mrd. Euro gegenüber 2011 durch diese Maßnahmen gesenkt werden.

Um die Bilanz der Hochtieftochter Leighton (jetzt CIMIC) weiter zu bereinigen und die zukünftig notwendige Kapitalkraft für milliardeschwere PPP (Public Private Partnership)-Infrastruktur-Projekte zu schaffen, wurde John Holland zu 100 % und 50 % der Leighton Services für 1,6 Mrd. Australische Dollar verkauft. Das führte 2015 auf vergleichbarer Basis zwar kurzfristig zu einem kleinen Ergebnisrückgang, wird aber lt. Planung des Managements 2016 wieder aufgeholt werden können, ein Ergebniswachstum von mindestens 15 % auf 300 Mio. Euro wird angestrebt, im besten Fall auf 360 Mio. Euro.
2016 wird CIMIC durch die stark verbesserte Cashposition zudem in der Lage sein, bis zu 10 % des ausstehenden Kapitals zurückzukaufen, um den in Zukunft wachsenden Gewinn mit immer weniger ausstehenden Aktionären teilen zu müssen.

Insgesamt wurden mit dem Geld der Verkäufe über 1 Mrd. Euro kurzfristige Schulden getilgt, das Eigenkapital leicht erhöht, die Cashposition um +700 Mio. Euro gestärkt sowie über Aktienrückkaufprogramme (über 810 Mio. Euro im Konzern) und gestiegene Dividenden (von 0 Euro auf 2,00 Euro) die Aktionäre am Erfolg beteiligt.

Leadership
Im nächsten Schritt begann man die Unternehmenskultur hin zu Integrität und Verlässlichkeit umzubauen, um das viel beschriebene Prinzip vom „Unternehmer im Unternehmen“ tatkräftig zu leben. Dazu gehörte auch die Trennung von Führungskräften, die diesen Weg nicht mitgehen mochten, vor allem aber gehörte dazu die Lösung von gravierenden Problemen und Bereinigung von Altlasten in den Gesellschaften.

Bei Leighton wurden (endlich) Vorstand und Aufsichtsrat entsprechend den Mehrheitsverhältnissen umbesetzt, Führung ausgesprochen und praktiziert sowie alle riskanten Bauabenteuer nach und nach bereinigt oder vom Risiko her eingegrenzt. Insgesamt wurden 2014 458 Mio. Euro pauschal für sämtliche Risiken zurückgestellt.
Für die 45 % Beteiligung Habtoor Leighton Group (HLG) wurden Profis aus der ACS/Hochtiefgruppe ins Management abgestellt. Ziel ist es, dass sich diese Gesellschaft selbst finanzieren kann und stärker auf eigenen Füssen steht, vielleicht auch börsenfähig wird, um das Hochrisikoengagement Golfstaaten, aber leider auch Naher Osten, auf mehr Schultern zu verteilen.

Durch geschickte Verhandlungen war der weltweit führende Minenbetreiber Thiess, der ebenfalls zum Hochtiefkonzern zählt, wiederum in der Lage, ein Agreement mit Gewerkschaften und Mineneigentümern herbei zu führen, dass trotz der gesunkenen Fördermengen und Rohstoffpreise die Margen stiegen.
Durch persönliches Engagement verhandelte CEO Fernandez 2014 selbst mit dem Hamburger Senat und deckelte den Endpreis für den Problemfall Elbphilharmonie. Es konnte dadurch weiter gebaut werden, ein Hochrisikobereich wurde einer Lösung zugefügt und Anfang nächsten Jahres soll das neue Wahrzeichen Hamburgs im Hamburger Hafen eröffnet werden.
Weitere Groß-Projekte wie die St-Lorenz-Querung in Montreal als Gemeinschaftsprojekt von Hochtief-Europe-PPP Solutions und Flatiron-Construction, die erste amerikanische Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Los Angeles und San Francisco oder das höchste Hochhaus in Hanoi mit über 350 m können so mit Reputationsgewinn angegangen werden.

Fazit
Die Hochtief AG hat sich in kurzer Zeit zu einer Qualitätsaktie entwickelt. Zwar ist der Aktienkurs schon stark gestiegen, die Ausrichtung des Unternehmens, ein positiver Ausblick des Managements auf 2016 und der begonnene Wachstumspfad nach Jahren der Transformation sprechen mittelfristig für ein Engagement in dieser Aktie.

Joachim Kregel, JKU GmbH / Redaktion AnlegerPlus



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