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17. April 2018   INVESTMENT

Go East!

Vektor

Die Staaten in Osteuropa und Südosteuropa stehen vor einem neuen Wachstumsschub. Aktien aus diesen Regionen sind deshalb eine spannende Beimischung fürs Depot. Für die richtige Titelauswahl müssen Anleger jedoch eine Vielzahl an Faktoren beachten.

Politische Konfrontation mit Russland, Auseinandersetzungen innerhalb der EU mit Ländern wie Ungarn und Polen um die Einhaltung rechtsstaatlicher Prinzipien, grundlegende Differenzen in der Flüchtlingspolitik – eine Vielzahl von politischen Spannungsfeldern bestimmt aktuell die öffentliche Wahrnehmung von Osteuropa. Weniger beachtet wird dagegen der wirtschaftliche Aufschwung, der seit zwei Jahren wieder Fahrt aufgenommen hat.

Neue Aufschwungphase

Getragen wird diese Entwicklung von der konjunkturellen Erholung in Europa. Mit ihren niedrigeren Lohnkosten stellen die osteuropäischen Staaten attraktive Produktionsstandorte für die verarbeitende Industrie in den Ländern der Eurozone. Zugleich sind sie wachsende Absatzmärkte für Konsumgüter. Russland wiederum hat dank der erneut anziehenden Erdöl- und Rohstoffpreise die Rezession hinter sich gelassen.

„Es sieht danach aus, dass sich der über die gesamte Region Osteuropa verteilte wirtschaftliche Aufschwung auch in diesem Jahr fortsetzt. Die Reallöhne werden im hohen einstelligen Bereich zulegen und im Verbund mit einer Beinahe-Vollbeschäftigung, hohem Verbrauchervertrauen und steigenden Immobilienpreisen das Wachstum weiter befeuern “, meint Colin Croft, Portfolio Manager bei Jupiter Asset Management. Laut Schätzungen wird das Bruttoinlandsprodukt der meisten osteuropäischen Staaten 2018 und 2019 doppelt so hoch wachsen wie in den Kernländern der Eurozone (siehe Infografik). Dieser positive Aufwärtstrend spiegelt sich in der Kursentwicklung der einzelnen Börsenbarometer unterschiedlich wider. Gerade „Exoten“-Börsen mit niedriger Liquidität haben zuletzt am meisten zugelegt (siehe Tabelle).

Im Vergleich zu den Boomjahren vor der Finanzkrise haben die meisten Staaten in der Region ihren Staatshaushalt konsolidiert und die Inflation unter Kontrolle gebracht. Bleibt die Frage, wie sich künftige Wettbewerbsfähigkeit im Zeichen der Globalisierung realisieren lässt. „Neue Wachstumsquellen jenseits dieses Outsourcings in der verarbeitenden Industrie zu erschließen, bleibt die größte Herausforderung für die meisten Staaten“, meint Sebastian Kahlfeld, Fondsmanager bei DWS.

Russland und Türkei: Die zwei Giganten

Ein Fragezeichen bleibt zudem die Nachhaltigkeit der wirtschaftlichen Erholung in Russland. Positiv sieht Fondsmanager Croft, dass die Regierung der langfristigen Stabilität eine höhere Priorität als in der Vergangenheit einräume: „Seit sich die Ölpreise wieder erholt haben, hat die Regierung darauf geachtet, dass die Währung nicht zu stark abgewertet wurde. Dank dieser Geldpolitik ist die Inflation in den niedrigen einstelligen Prozentbereich gesunken. Als nächster Schritt wurden die Leitzinsen gesenkt, was es den russischen Bürgern erleichtert, wieder Hypotheken für Darlehen aufzunehmen.“ Davon profitieren Geldhäuser wie die Sberbank, die in Crofts Aktienfonds Jupiter New Europe L (ISIN LU0300038378) auch die größte Position bildet.

Skeptischer sieht es DWS-Fondsmanager Kahlfeld, der in absehbarer Zeit keine Lösung der strukturellen Probleme erwartet, vor allem im Hinblick auf eine stärkere Diversifizierung der Wirtschaft. Hier zeigt die Türkei für Kahlfeld, der unter anderem den Investmentfonds DWS Türkei (ISIN LU0209404259) managt, ein ganz anderes Bild. „Das Wirtschaftswachstum wird durch mehr Sektoren getrieben als in Russland, basiert aber auf starker Einflussnahme durch den Staat.“ Nach der Wachstumsdelle von 2016 hat die türkische Wirtschaft 2017 mit 7,4 % ungeachtet der politischen Turbulenzen das größte Wachstum seit vier Jahren hingelegt. Treibende Kräfte für diesen Boom waren die gestiegenen staatlichen Investitionen in Kombination mit dem weiter anziehenden Binnenkonsum. Als größte Problemfelder sieht Kahlfeld die rapide Abwertung der Währung, die anhaltend hohe Inflation und das hohe Leistungsbilanzdefizit.

Vielzahl an Investmentkriterien

Für Investments in Osteuropa und Südosteuropa sprechen der anhaltend stabile Ölpreis, die sich insgesamt verbessernden volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die Dividendenstabilität bei vielen Firmen und die selbst im Schwellenländervergleich weiterhin günstige Bewertung.

Wer in Osteuropa investiert, muss allerdings eine Vielzahl an Faktoren berücksichtigen. Dazu gehören länderspezifische Eigenheiten im Hinblick auf politische Stabilität und den wirtschaftlichen Reformprozess. Aber auch außenpolitische Risiken spielen eine große Rolle, wie sich jüngst an der Börse Russland zeigte. Überraschend neue US-Sanktionen lösten am Montag in Moskau einen Börsenchrash aus. Der Leitindex RTS stürzte um mehr als 12 % ab.

Die Börsenindizes der einzelnen Länder sind ein Spiegelbild der jeweiligen Volkswirtschaft: Während in Russland etwa Öl- und Gaskonzerne den Ton im Leitindex angeben, dominieren in Polen oder Ungarn die Banken. Die Börse Istanbul wiederum bietet für Anleger ein breites Spektrum an Branchen.

Darüber hinaus bringen nicht alle Länderbörsen das für internationale Investoren notwendige Mindestmaß an Transparenz und Liquidität mit. Wegen der Vielzahl an Risikofaktoren, so Fondsmanager Kahlfeld, werden die osteuropäischen Märkte von der Bewertung mit einem größeren Risikoabschlag versehen als andere Schwellenmärkte-Regionen wie Ostasien.

Legt man den MSCI Emerging Markets Europe als wichtigsten Aktienindex für die Region zugrunde, sind sechs Staaten für Anleger relevant. Dominant ist Russland, das zum Kursbarometer knapp die Hälfte beisteuert. Polnische und türkische Aktien tragen etwa je ein Fünftel bei, die übrigen 13 % entfallen auf griechische, ungarische und tschechische Titel.

Als Beimischung in Aktienfonds kommen Unternehmen aus den baltischen Staaten, Südosteuropa oder Georgien. Auf Branchenebene lässt sich über die Sektoren Verbrauchsgüter und langlebige Konsumgüter der anziehende Binnenkonsum spielen. Auch die Finanzbranche ist interessant, da sie sich für gewöhnlich im Gleichlauf mit dem Wirtschaftswachstum entwickelt. Telekomkonzerne, Versorger und Energiekonzerne sind in unterschiedlicher Ausprägung noch in staatlicher Hand, schütten im Gegenzug aber hohe Dividenden aus.

ETFs und Fonds

Ausgewählte ETFs und Aktienfonds bieten die besten Renditechancen bei ausbalancierten Risiken. Ein Basisinvestment unter den ETFs ist der Lyxor Eastern Europe. Das Produkt umfasst Titel aus Polen, Ungarn, Österreich und der Tschechischen Republik. Die am stärksten vertretenen Branchen sind der Finanzsektor, die Energiewirtschaft und die Versorger.

Der in US-Dollar notierende iShares MSCI Eastern Europe Capped ETF sticht dagegen durch eine hohe Russland-Gewichtung heraus: Die vier größten Positionen kommen aus dem russischen Öl- und Bankensektor.

Unter den Investmentfonds zeichnet sich der 2014 aufgelegte SEB Eastern Europe Small Cap durch die Verbindung von Outperformance und niedrigen Kosten aus. Mit knapp 26 % und 22 % stellen russische und türkische Aktien die größten Länderpositionen im breit gestreuten Fondsportfolio, gefolgt von Kasachstan mit 9 %. Rund ein Viertel der Unternehmen stammen aus Westeuropa, erwirtschaften aber einen Großteil ihrer Umsätze in Osteuropa.

Der Amundi Osteuropa Stock T setzt von seiner Ländergewichtung schwerpunktmäßig auf Russland, Polen und die Türkei. Mit großem Abstand auf Branchenseite am höchsten gewichtet sind die Finanztitel mit 42 %, gefolgt von Rohstoff- und Energiekonzernen.

 

 ETF/Investmentfonds

 ISIN

 Kosten

 Replik.

 Art

 Lyxor Eastern Europe

 FR0010204073

    0,50 %

 syn.

 th.

 iShares MSCI Eastern Europe   Capped

 IE00B0M63953

    0,74 %

 syn.

 th.      

 SEB Eastern Europe Small Cap

 LU0086828794

    2,11 %

 phy.

 th.

 Amundi Osteuropa Stock T

 AT0000685227

    2,15 %

 phy.

 as.

Quelle: finanzen.net | Stand: 17.4.2018 | Anmerkung: syn. = synthetisch , phy. = physisch, th. = thesaurierend, as. = ausschüttend,

Stefan Riedel, Redaktion AnlegerPlus



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