Wertpapier Banner2

6. Juni 2018   INVESTMENT

Gute und schlechte Berichterstattung

Geschftsbericht

Börsennotierte Gesellschaften sollten dem Anleger gegenüber ihre wirtschaftliche Lage eigentlich umfassend und ungeschönt darstellen. Doch laufen die Geschäfte nicht wie gewünscht, kommt das ein oder andere Unternehmen schon mal auf die Idee, die schlechten Zahlen „hübsch verpackt“ an den Mann oder die Frau zu bringen.

Wer sich für eine Aktie interessiert oder auch schon darin investiert ist und sich informiert halten möchte, der kommt nicht an der Lektüre des Geschäftsberichtes vorbei. Dieser zählt zu den wichtigsten Informationsquellen für Investoren.

Doch Geschäftsbericht ist nicht gleich Geschäftsbericht. Selbst wenn gesetzliche Vorgaben eingehalten werden müssen, so entscheidet doch häufig die Finanzkraft über die Ausgestaltung eines umfassenden Zahlenwerks. „Ein DAX-Konzern verfügt über mehr Personal und ist damit gegenüber einem kleinen Investor-Relations-Team im Vorteil“, erläutert BWL-Professor Jörg Baetge von der Universität Münster.

Ob allerdings offen und ehrlich berichtet wird, ist keine Frage des Geldes: „Gute Berichterstattung hängt vor allem von der Bereitschaft zu Transparenz und einer offenen Informationspolitik ab“, weiß der Münsteraner Professor. Ist die nötige Einstellung vorhanden, könnte ein Start-up genauso anlegerfreundlich informieren wie ein DAX-Konzern, indem es proaktiv die eigene wirtschaftliche Lage darstellt und Investoren über die gesetzlichen Anforderungen hinaus informiert.

Licht ins Dunkel bringen

Woran können Anleger nun aber ein „transparentes“ Unternehmen erkennen? „Es sollte bei der Berichterstattung auf den Punkt kommen, verbale Ausführungen mit Zahlen unterlegen und die Entwicklung der wesentlichen Erfolgsgrößen aufgliedern und näher erläutern“, zählt BWLer Baetge die wichtigsten Punkte auf. Ist zum Beispiel der Umsatz um 10 % gestiegen, reicht das allein an Information noch nicht aus. Der Anleger möchte wissen, auf welche Faktoren dieser Umsatzanstieg zurückzuführen ist: tatsächlich gestiegene Absatzmengen, Preisänderungen, Wechselkurseffekte, zusätzlichen Umsatz aus Akquisitionen oder einmalige Großaufträge.

Nun sollte man meinen, dass man zumindest bei den Indexunternehmen aus den vier wichtigsten deutschen Indizes qualitativ gleichwertige Geschäftsberichte erwarten kann. Tatsächlich beklagen Anleger aber ein Qualitätsgefälle zwischen DAX- und MDAX-Berichten und denen von Unternehmen aus dem SDAX- und TecDAX. Diesen Trend bestätigt Prof. Baetge trotz lobenswerter Ausnahmen ebenfalls. Doch nicht nur im Vergleich der Indizes gibt es starke Qualitätsunterschiede bei den Geschäftsberichten auch innerhalb der Indizes beobachtet der langjährige Bilanzexperte eine Zweiklassengesellschaft: „Eine Gruppe von Unternehmen nutzt diese Druckwerke nach wie vor als umfassendes Informationsinstrument, während sich die andere nur darauf konzentriert, Pflichtangaben zu veröffentlichen.“ Eine solche Zweitteilung sei besonders bei DAX-Unternehmen zu beobachten.

Wettbewerbspreise als Indikator

Wer sich selbst an die Geschäftsberichtslektüre macht und einschätzen möchte, ob es sich dabei nun um einen transparenten und qualitativ guten Bericht handelt, der kann sein Exemplar z. B. mit den Siegern diverser Wettbewerbe vergleichen. In diesen Wettbewerben werden Auszeichnungen für besonders transparente und damit anlegerfreundliche Berichterstattungen vergeben. Das Team um Prof. Baetge beispielsweise führt den Wettbewerb „Der beste Geschäftsbericht“ durch. Untersucht werden hierfür jährlich die wichtigsten Geschäftsberichte aus DAX, MDAX, SDAX und TecDAX mit dem Fokus auf transparente Berichterstattung. 2017 zählten ProSiebenSat.1 Media (DAX), Wacker Chemie (MDAX), United Internet (TecDAX) und DMG Mori (SDAX) zu den Siegern.

Weiter gefasst ist der Wettbewerb des manager magazins und der HHL Leipzig Graduate of Management. Beim „Investors‘ Darling“ wird die beste Kapitalmarkt-Kommunikation der 160 DAX-, MDAX-, SDAX- und TecDAX-Unternehmen ausgezeichnet. Dabei geht es um die Kommunikationsqualität beim Reporting und Investor Relations. Zudem werden die Reaktionen am Kapitalmarkt überprüft. „Investors‘ Darling 2017“ wurde Mercks Finanzchef Marcus Kuhnert – vor Fresenius, Continental, Allianz und Deutsche Telekom.

Defizite bei Start-ups

Während offenbar bei den Blue Chips der Markt zu größtmöglicher Transparenz anhält, tun sich kleinere Unternehmen und Start-ups eher schwerer damit, ihre geschäftliche Entwicklung offen darzustellen. „Gute Berichterstattung setzt einen gewissen Lernprozess voraus“, hat Baetge beobachtet. „Nur wenige Unternehmen berichten gleich aus dem Stand heraus überzeugend, das stellen wir bei unserem Wettbewerb immer wieder fest.“ Manchmal liege dies aber auch einfach nur dran, dass sich eine stark wachsende Firma so sehr auf ihre Geschäfte konzentriert, dass die Berichterstattung eher nebenbei laufe.

Thomas Müncher, Redaktion AnlegerPlus



Diese Website verwendet Cookies. Mit der weiteren Nutzung dieser Website, akzeptieren Sie unsere Datenschutzerklärung und die Verwendung von Cookies und um Ihnen spezielle Services und personalisierte Inhalte bereitzustellen. Weiteres erfahren Sie unter der Rubrik Datenschutz.

X schließen