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31. Januar 2019   Versicherungen

Herr Kaiser kommt nicht mehr

NDAC Bulle2

Längst vergangen sind die Zeiten, als die freundlichen Versicherungsvertreter vom Schlage eines Herrn Kaiser von der Hamburg-Mannheimer vor der Tür standen und die Kunden in allen Versicherungsbelangen berieten und betreuten.

Für unsere jüngeren Leser kurz erklärt: Herr Kaiser war eine Sympathie und Seriosität ausstrahlende Werbefigur des genannten Versicherungskonzerns, der allabendlich von 1972 bis 2009 in den Werbeblöcken auftauchte und so in ganz Deutschland bekannt wurde. Nun, Herrn Kaiser gibt es nicht mehr und die Hamburg-Mannheimer auch nicht, sie ging im Ergo-Konzern auf.

 

Die Branche hat sich verändert

Ein deutscher Versicherungsmakler, der mit Aktentasche voll dicker Ordner von Tür zu Tür eilt, hat heute kaum mehr eine Chance. Die Versicherungskunden sind in der Regel internetaffin und schließen eine Versicherung beim Unternehmen ihrer Wahl per Mausklick ab – aber erst, nachdem sie sich die Angebote anderer Versicherer in Vergleichsportalen angeschaut haben.

Wird es bald so sein wie in Asien? Dort stehen die Kunden auf schnelle Deals. Langes Überlegen und das Studium und Abwägen von tonnenweisem Papier sind in Fernost verpönt. Versicherungen werden in Asien digital und sofort abgeschlossen. Die Grundlage sind Standardversicherungen, die millionenfach kreiert wurden, viele mögliche Wechselfälle des Lebens abbilden und über das Internet verkauft werden.

Wie Versicherung heute funktioniert, zeigt der seit 2017 an der Hongkonger Börse notierte Onlineversicherer ZhongAn Online P & C: ZhongAn setzt ganz auf digitale Automatismen und den Einsatz von künstlicher Intelligenz. Das führt zu Versicherungspolicen en masse und zu sehr niedrigen Preisen. ZhongAn gleicht mehr einem Internetunternehmen denn einem klassischen Versicherungskonzern.

 

Die Versicherungsbranche wird sich also weiter wandeln. Zum einen ändern sich die Vertriebswege. Policen werden künftig ausschließlich übers Internet abgeschlossen; das spart die Provisionen der Vermittler. Auch Rückfragen der Kunden, Schadensmeldungen, Kündigungen etc. werden online abgewickelt.

Zum anderen werden die Policen selbst, ihre Entwicklung und Ausgestaltung eine neue Grundlage haben. Dazu sammelt zum Beispiel ZhongAn eine große Menge an Daten von Internetgiganten wie Google und Amazon, um diese schier unvorstellbaren Datenmengen in die Kreation neuer bedarfsgerechter Policen einfließen zu lassen. Das Internet der Dinge, die Telematik, tragbare Technologien – all das und noch viel mehr wird dabei zur Datengenerierung genutzt. Diese Daten werden dann dazu verwendet, maßgeschneiderte und attraktive Angebote für den Versicherungskunden zu vernünftigen Preisen zu entwerfen. Bestandskunden des chinesischen Konzerns erhalten ebenfalls überarbeitete, verbesserte Angebote.

Nicht umsonst wird dem Versicherungsmarkt in China bis 2028 ein Wachstum von 12,9 % zugetraut. Im Vergleich zu Westeuropa mit einer Wachstumsprognose von nur 2,8 % ist dort Goldgräberstimmung angesagt, und nicht nur dort, sondern auch in allen anderen Schwellenländerregionen.

 

Und das gute alte Europa?

Asien entwickelt sich also zum weltgrößten Versicherungsmarkt. Für die traditionellen Versicherungskonzerne hierzulande stellt es hingegen eine große Herausforderung dar, mit der Digitalisierung Schritt zu halten. Dabei stehen Allianz, Münchner Rück, Zurich & Co. gar nicht mal so schlecht in diesem Bereich da. Doch sie müssen begreifen, dass Digitalisierung mehr bedeutet als nur die Automatisierung von Prozessabläufen und die Erweiterung der Möglichkeiten, mit dem Kunden Kontakt aufzunehmen. Nur 13 % der befragten Versicherungsgesellschaften gaben in einer Studie des Marktforschers Lünendonk an, sich mit der Entwicklung von Produkten zu beschäftigen, die auf über das Internet der Dinge gesammelten Daten basieren. Daten, die der Versicherer mithilfe von Sensoren über die Beschleunigung und Geschwindigkeit ermittelt, könnten so in die individuelle Prämie für die Autoversicherung einfließen.

 

Die Versicherungsbranche muss aber schneller und besser auf die Wandlungsprozesse in ihrem Bereich reagieren, sonst machen Konzerne aus China auch in Europa und dem Rest der Welt das große Geschäft. Und wenn diese Konzerne auf Daten der Internetriesen zurückgreifen, werden Facebook, Google und Amazon sicher bald selbst mit eigenen Policen auf den Markt gehen. Dann kann es für die Traditionskonzerne richtig gefährlich werden.

Der schnelle Markteintritt der Chinesen in Europa konnte bisher nur dank der vielen gesetzlichen Bestimmungen, die hierzulande zu beachten sind, verzögert werden. Das umfangreiche Kleingedruckte bei den Policen wird jedoch nicht auf Dauer davor schützen.

 

Die Anleger sind skeptisch

An den Börsen fallen unsere Versicherungskonzerne durch relativ günstige Bewertungen auf. Das spiegelt die Skepsis der Anleger hinsichtlich der Zukunft der Versicherungen wider. Doch es gibt auch Versicherungsunternehmen, die in Sachen Digitalisierung ihre Hausaufgaben machen. Hier liegen die Chancen für die Anleger, günstig bewertete Aktien zu erwerben.

 

Torsten Arends, NDAC




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