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2. Dezember 2019   Wirtschaft

Minuszinsen treffen immer mehr Kleinsparer

Minuszinsen

Minuszinsen ab dem ersten Euro auf Giro und Tagesgeldkonten treffen immer mehr Verbraucher. Die Politik denkt über Hilfen nach – und Sparer suchen nach Alternativen.

 

Immer mehr Bankkunden in Deutschland reiben sich die Augen: Statt Zinsen auf das Ersparte zu bekommen, werden künftig immer häufiger Gebühren für das Verwahren von Geldern auf Spar- und Tagesgeldkonten fällig. Die Politik der Minuszinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) dringt nach und nach zu den Endkunden durch. Firmenkunden kennen es schon länger, dass die Kosten der EZB-Politik an sie weitergereicht werden. Und nun folgen immer mehr Privatkunden: Die Volksbank Raiffeisenbank Fürstenfeldbruck beispielsweise kündigte an, ab 1. Oktober von Neukunden ab dem ersten Euro auf dem Tagesgeldkonto 0,5 % Minuszinsen zu verlangen. Dieses Vorgehen demonstriert nach Ansicht des Genossenschaftsverbands Bayern (GVB) die paradoxen Folgen der Niedrigzinspolitik der EZB: Banken versuchen, mit Hilfe von Negativzinsen neue Kunden abzuwehren, die Geld anlegen wollen. Doch Fürstenfeldbruck ist kein Einzelfall: Nach einer Untersuchung des Verbraucherportals Biallo erheben mittlerweile mehr als 150 Banken und Sparkassen Negativzinsen bei Sparern. Nach Zahlen der Bundesbank ist fast ein Viertel aller Sparguthaben davon betroffen.

 

Politik reagiert auf Empörungswelle

Die Negativzinsen, die auf breiter Front bei Sparen ankommen, haben eine derart große Empörungswelle ausgelöst, dass auch die Politik nicht länger schweigen kann. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) meldete sich umgehend zu Wort und forderte für Bankkunden einen steuerlichen Ausgleich von Negativzinsen. „Es braucht jetzt endlich einen großen Masterplan, wie man die Sparer schützt und von Negativzinsen befreit“, sagte er. Selbst ein Verbot will der CSU-Chef prüfen lassen. Der finanzpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Florian Toncar, warf Söder umgehend Populismus vor: „Banken führen Negativzinsen nicht aus Willkür oder Bösartigkeit ein, sondern weil sie von der EZB mit Rückendeckung der Politik dazu gezwungen werden“, konterte er. In der Tat: Die europäischen Banken stecken durch die EZB-Politik in der Klemme, verdienen immer weniger Geld. Und ein weiterer Rückgang sei in den nächsten Jahren „sehr wahrscheinlich“, stellten die Finanzaufsicht BaFin und die Deutsche Bundesbank kürzlich fest.

 

Merkel nickte Lagarde ab

Dass die Politik das Thema erst jetzt aufgreift, ist bezeichnend. Gerade die deutsche Bundesregierung hat in der Vergangenheit jede Gelegenheit verpasst, sich gegen die ultralockere Geldpolitik der EZB zu stemmen. Kein Wunder: Als Gläubiger ist der Staat einer der großen Profiteure dieser Politik. Wenn der Kleinsparer Söder wirklich am Herzen liegen würde, hätte er sich einmischen können, als Bundeskanzlerin Angela Merkel die Französin Christine Lagarde als neue EZB-Chefin abgenickt hat. Mit ihr, so sind sich die Experten einig, wird die Politik des ehemaligen Chefs Mario Draghi nahtlos fortgesetzt. Der Geist der stabilitätsorientierten Bundesbank ist bei der EZB jedenfalls kaum noch zu finden, stattdessen dominieren die Weichwährungsbefürworter Südeuropas – mit Billigung der deutschen Bundesregierung.

 

Sparer wenden sich Aktien zu

Und die Sparer? Für sie wird es künftig noch schwerer, irgendwo Zinsen auf das Ersparte zu bekommen. Negativzinsen können Banken aber nur bei Neukunden oder mit ausdrücklicher Zustimmung der Bestandskunden einführen. Wer mit Negativzinsen konfrontiert wird, kann das Konto kündigen und sich eine andere Bank suchen. Viele Deutsche gehen auch stärker ins Risiko: 2011 lag der Anteil der Aktien- und Fondsbesitzer bei lediglich 17 %, so das Ergebnis einer Postbank-Vergleichsumfrage zum Sparverhalten. Acht Jahre später knackt der Anteil der Wertpapierbesitzer erstmalig die 30-%-Marke. Grundsätzlich handelt der Sparer damit erfreulich ökonomisch, wendet er sich doch Sachwertanlagen zu. Allerdings sind die Kurse vieler Aktien mittlerweile nicht mehr billig, vor allem in den USA – und damit auch das Risiko erhöht.

 

Bild von Wilfried Pohnke auf Pixabay

Christian Weber, Redaktion AnlegerPlus



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