15. Januar 2016   Börse

Noch fällt das Messer!

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Wer nach dem deutlichen Kursrückgang von gut 25 % zwischen Mitte April und Ende September 2015 auf eine nachhaltige Erholung der Linde-Aktie (ISIN DE0003483001) setzte, wurde Ende November erneut kalt erwischt. Seither fällt das Papier nämlich wie der berühmt berüchtigte Stein.

Dass der Traditionskonzern aus München unter anderem erhebliche Probleme im Bereich Anlagenbau hat, ist schon länger bekannt: Kunden der Öl- und Gasindustrie verschieben aufgrund der gesunkenen Rohstoffpreise ihre Anlageinvestitionen. So war es auch nicht verwunderlich, dass der Industriegas-Spezialist am 28. Oktober für diese Sparte und die ersten neun Monate 2015 einen Umsatzrückgang um rund 10 % sowie ein Minus beim operativen Ergebnis von rund 22 % bekannt gab.

Gewinnwarnung für 2017
Nur etwa vier Wochen später, am 1. Dezember, folgte dann sogar eine Gewinnwarnung für das Jahr 2017, woraufhin die Linde-Aktie an nur einem Tag um mehr als 14 % einbrach und seitdem von einem Mehrjahrestief zum nächsten fällt.  

Neben der lahmenden Konjunktur in wichtigen Absatzmärkten sowie niedrigen Preisen im Medizingeschäft belastet vor allem der nicht enden wollende Kursverfall beim schwarzen Gold, der die Produzenten zu milliardenschweren Investitionskürzungen zwingt. Da diesbezüglich auch keine schnelle Trendwende in Sichtweite ist, rechnet Linde im kommenden Jahr mittlerweile lediglich noch mit einem operativen Gewinn zwischen 4,2 und 4,5 Mrd. Euro statt der zuvor in Aussicht gestellten 4,5 bis 4,7 Mrd. Euro. Zudem wird man das ursprünglich angepeilte Ziel, eine Rendite auf das eingesetzte Kapital von 11 bis 12 % zu erzielen, verfehlen und voraussichtlich nur auf 9 bis 10 % Rendite kommen.  

Übernahme soll Healthcare-Bereich stärken
Probleme bereitet aber nicht nur die Rohöl- und Erdgas-Baisse, sondern auch die möglicherweise stärkeren Preis- und Leistungskürzungen im US-Gesundheitswesen, was sich negativ auf das Geschäft mit Medizingasen auswirkt. Um diese Herausforderung einfacher meistern zu können, wollen die Münchener ihre Stellung als globale Nr.1 im Bereich Healthcare durch die Übernahme von American HomePatient zu einem nicht näher bezifferten Preis weiter ausbauen. Doch ob mit dieser Übernahme, durch die Linde ca. 1,5 % an Umsatz hinzukauft, die Belastungen des US-Healthcare-Geschäfts durch staatliche Preissenkungen wettgemacht werden können, bleibt zumindest fraglich.

Die Zeit ist noch nicht reif
Thomas Blades, der im Linde-Vorstand u. a. für das Segment Healthcare verantwortlich zeichnet, scheint daran aber zu glauben. So zumindest könnte man seinen Aktienerwerb vom 9.12.2015 interpretieren, bei dem er immerhin fast 270.000 Euro in Linde-Aktien investierte.

Das wirtschaftliche Umfeld für Linde ist im Moment sehr herausfordernd. Dazu kommt die angekündigte Fusion des US-Anbieters Airgas mit dem französischen Rivalen Air Liquide. Hier droht für Linde der Verlust der Weltmarktführerschaft im Segment Industriegase.

Dennoch ist und bleibt Linde ein erstklassig aufgestelltes Unternehmen. Doch Anleger sollten sich trotz des jüngsten Kurssturzes hinsichtlich eines Neuinvestments Zeit lassen. Im momentanen Marktumfeld besteht nämlich durchaus die Möglichkeit für einen baldigen Test der starken Unterstützung des Aktienkurses um 100 Euro. Selbst bei Unterschreitung dieser Marke wäre der langfristige Aufwärtstrend seit 2003 im Wesentlichen noch intakt. Und wenn man die Aktie tatsächlich wieder für zweistellige Notierungen erwerben könnte, würde man auf Sicht von einigen Jahren aller Voraussicht nach nicht viel verkehrt machen.

Stefanie Drosihn/Marc Nitzsche, Redaktion AnlegerPlus



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