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20. November 2018   Wissen

Stillhaltergeschäfte: Renditestrategie für seitwärts laufende Märkte

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Haben Sie die Einschätzung, dass sich die Märkte und die Einzelwerte in Ihrem Depot in der nächsten Zeit eher seitwärts oder leicht abwärts bewegen werden? Dann könnte für Sie der Abschluss von Stillhaltergeschäften (SHG) eine interessante Strategie zur Renditesteigerung sein.

 

Die Konzeption von SHG wird nachfolgend am Beispiel der Aktie der Bayer AG dargestellt. Alle Berechnungen basieren dabei auf den dem Kurs von 80,90 Euro am 20.8.2018, ca. 17:30 Uhr. Bankgebühren blenden wir wegen deren Unterschiedlichkeit zwischen den Instituten vereinfachend aus. Um ein SHG abschließen zu können, müssen Sie über mindestens 100 Bayer-Aktien verfügen, die übliche Kontraktgröße an der Terminbörse EUREX.

 

Funktionsprinzip von SHG

„Stillhalter in Aktien“ (SH), z. B. in Bayer-Aktien, verpflichten sich, bis zu einem bestimmten Termin (= Stillhaltezeitraum oder Verfalltermin) jederzeit 100 Bayer-Aktien zu einem bestimmten Kurs (= Basiskurs des SHG) zu liefern. Während des Stillhaltezeitraums werden die Aktien banktechnisch gesperrt und können nicht verkauft werden, denn Sie müssen ja stets lieferfähig bleiben.

Für dieses „Stillhalten“ bekommen Sie eine Prämie, die „Stillhalterprämie“ (SP). Diese schwankt mit dem Kurs der Bayer-Aktie. Geht er nach unten, dann reduziert sich die SP; geht er nach oben, dann werden höhere SP gezahlt. Längere Stillhaltefristen führen zu höheren Prämien, da der Stillhalter länger gebunden ist und sein Gegenpart, der auf deutlich steigende Kurse von Bayer setzt, länger warten kann, ob seine Spekulation aufgeht. Und generell haben volatilere Aktien höhere SP als weniger volatile. Die aktuell gezahlten Stillhalterprämien werden an der EUREX börsentäglich fortlaufend notiert, http://www.eurexchange.com/exchange-en/products/equ/opt

 

Beispiel und Renditeanalyse

Da Sie auf Sicht von einem Jahr keinen großen Anstieg der Bayer-Aktie erwarten, entschließen Sie sich zu einem SHG bis zum Verfalltermin 21. Juni 2019 (immer der dritte Freitag im Monat) zu einem Basispreis von 88 Euro. Dafür erhalten Sie eine SP in Höhe von 3,47 Euro je Aktie, insgesamt also 347 Euro. Da Ihr Stillhaltezeitraum insgesamt 301 Tage beträgt, errechnet sich daraus auf Basis des Bayer-Kurses (80,90 Euro) eine Rendite des Stillhalters von 4,81 % p. a. Die Rendite der Stillhalterprämie kommt „on Top“ zur Dividendenrendite der Bayer-Aktie. Bei einer erwarteten Dividende von 2,82 Euro 2019 wären das beim aktuellen Kurs 3,49 %. SP und Dividende zusammen führen also die Jahresrendite in die Nähe des zweistelligen Bereichs, bei manchen volatilen Werten auch darüber – und zwar unabhängig davon, ob Sie die Aktie liefern müssen oder nicht.

 

Sollten Sie die Bayer-Aktie zum aktuellen Kurs von 80,90 Euro gekauft haben und dann im Juni 2019 für 88 Euro abgeben müssen, dann erzielen Sie zusätzlich noch einen Kursgewinn von 7,10 Euro, was in Addition mit SP (3,47 Euro) und Dividende (2,82 Euro) zu einem Gesamtgewinn in der Haltezeit von 13,39 Euro je Aktie führt. Das entspricht aufs Jahr gerechnet einer Rendite von 16,55 %.

 

Risiken

Da Sie im Besitz der Bayer-Aktien sind, liegt hier ein „gedecktes SHG“ vor. Und das ist ein sehr konservatives und risikoarmes Geschäft. Grundsätzlich können SHG auch „ungedeckt“ eingegangen werden, d. h., man verpflichtet sich zur Lieferung von 100 Bayer-Aktien zu einem Kurs von 88 Euro, die man gar nicht besitzt. Nun stellen Sie sich vor, der Bayer-Kurs steigt 2019 auf 130 Euro. Dann müssten Sie sich an der Börse für 130 Euro eindecken, um die gleichen Aktien für 88 Euro an den Gegenpart des SHG liefern zu können. Die Verlustrisiken ungedeckter SHG sind also unkalkulierbar. Für Kleinanleger heißt das: Finger weg!

 

Für die Risikoanalyse gedeckter SHG müssen wir in unserem Beispiel vier Szenarien unterscheiden:

 

Szenario 1: Der Bayer-Kurs bricht deutlich ein und Sie möchten zur Vermeidung weiterer Verluste eigentlich verkaufen. Wegen des SHG sind die Aktien aber gesperrt. In diesem Fall können Sie selbst den Kontrakt wieder über die EUREX zurückkaufen. Wegen des gesunkenen Bayer-Kurses ist das mit einer geringeren Prämie möglich, sodass Ihnen immer noch ein kleiner Gewinn aus der ursprünglich vereinnahmten SP verbleibt.

 

Szenario 2: Der Bayer-Kurs bleibt bis zum Verfalltermin unter 88 Euro. Ihr Gegenpart wird die Aktie bei Ihnen nicht abrufen, denn er könnte sie jederzeit an der Börse billiger erwerben. SP und Dividende verbleiben bei Ihnen. Nach dem Verfalltermin kann sofort wieder ein neues SHG abgeschlossen werden.

 

Szenario 3: Der Bayer-Kurs steigt vor dem Dividendentermin deutlich über 88 Euro. Dann steigt der Anreiz für Ihren Gegenpart, die Aktie abzurufen, um auch noch die Dividende zu vereinnahmen. Die Dividende ist nicht weg, sie hat nur ein anderer. Ihnen bleibt die Stillhalterprämie.

 

Szenario 4: Der Bayer-Kurs steht am Verfalltermin über 88 Euro. Ihr Gegenpart wird dann die Aktie abrufen und Sie haben einen entgangenen Gewinn in Höhe der Differenz zwischen aktuellem Börsenkurs von Bayer und den von Ihnen vereinnahmten 88 Euro. Wenn diese Differenz sehr groß ist, dann kann das schon recht ärgerlich sein. Mehr aber auch nicht! Denn Sie haben ja trotzdem einen Gewinn erzielt. Er hätte halt nur größer sein können. Aber dieses „Risiko des Ärgerns“ hat man bei jedem Verkauf einer Aktie, wenn der Kurs danach weiter steigt.

 

Fazit: SHG können zwar das Schwankungsrisiko von Aktien nicht eliminieren, aber für sich betrachtet können sie nicht zu einem Verlust führen. Allenfalls können sie den potenziellen Gewinn eines Aktienengagements schmälern. Da aber gilt die alte Börsenweisheit: „Von realisierten Gewinnen ist noch keiner in die Pleite gegangen.“

 

Einzelfragen

Auf welche Aktien kann man stillhalten?

Stillhalterfähig sind im Grundsatz die Aktien aus DAX, MDAX, TecDAX sowie einige SDAX-Werte und große europäische Standardaktien. Der mit Abstand liquideste Markt existiert dabei bei den DAX-30-Werten.

 

Wie lange und zu welchen Terminen kann man stillhalten?

Bei einigen Aktien werden im Grundsatz Stillhaltefristen über mehr als vier Jahre angeboten. Hinreichend liquider Handel existiert bei DAX-Werten im Laufzeitbereich bis zu etwa zwei Jahren. Kleinanlegern kann man unter Abwägung von Abschlusskosten für das SHG und Prognosesicherheit für den Aktienkurs wohl am ehesten Stillhaltezeiten zwischen 6 und 15 Monaten empfehlen. Die möglichen Verfalltermine an der EUREX werden für diesen Zeitraum immer quartalsweise angeboten. Es ist immer der dritte Freitag in den Monaten März, Juni, September, Dezember.


Wie läuft ein SHG rein technisch ab?

Es kann persönlich oder telefonisch über den Berater in der depotführenden Bank abgewickelt werden. Online-Eingaben durch den Kunden selbst werden in der Regel nicht möglich sein. Man disponiert ja immer über 100er-Pakete von Aktien und da ist eine menschliche Kontrollinstanz ganz sinnvoll. Das ist auch der Grund, warum SHG meist nur von Filialbanken, nicht aber von Direktbanken angeboten werden. Der Kunde selbst benötigt eine Zulassung für die SHG. Die wird aber jeder erfahrene Anleger nach einer Risikoaufklärung durch die Bank unkompliziert erhalten.

 

Welche Kosten fallen an?

Der Abschluss von SHG ist kostenintensiver als der Kauf/Verkauf von Aktien. Manche Banken stellen nur den Abschluss des Stillhalters in Rechnung und erledigen den Rückkauf (= Closing) kostenfrei. Die genauen Modalitäten müssen bei der eigenen Hausbank erfragt (und verhandelt) werden. Wird die Aktie vom Gegenpart abgerufen, fallen die normalen Verkaufsspesen an.


Wie sieht die Besteuerung aus?

Stillhalterprämien unterliegen wie alle Kapitaleinkünfte der Kapitalertragssteuer von 25 % zzgl. Solidaritätszuschlag und ggf. Kirchensteuer. Der Rückkauf eines abgeschlossenen Stillhalters (Closing) wird steuerlich wie ein Verlust behandelt und mindert den zu versteuernden Kapitalertrag. Bei abgerufenen Aktien dient die Differenz zwischen Kaufkurs und Abgabekurs – wie bei jedem anderen Aktiengeschäft auch – der Steuerbemessung für die Kapitalertragssteuer.

Dr. Klaus Watzka, Professor für Allgemeine Betriebswirtschaft an der Ernst-Abbe-Hochschule in Jena



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