25. Juni 2020   Börse

Unkontrolliert in den Bilanzskandal

WirecardAGHauptsitzAschheim2300dpi03

Im Zuge möglicher Bilanzmanipulationen beim Zahlungsdienstleiter Wirecard muss u. a. auch die Rolle der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) genau durchleuchtet werden. Aufklärung tut Not, nicht nur um mögliche Marktmanipulationen, sondern auch deren Kontrollinstanz.

 

Erst das verweigerte Wirtschaftsprüfertestat für den Geschäftsbericht 2019, dann der sich ausweitende Bilanzskandal, schließlich der Rücktritt des Konzernlenkers und letztendlich der Insolvenzantrag. In nur einer Woche ist der DAX-Konzern Wirecard regelrecht kollabiert. Der Zahlungsdienstleister hat heute beim Amtsgericht München für die börsengelistete Wirecard AG wegen drohender Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung den Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gestellt. Offen ist derzeit noch, ob weitere Insolvenzanträge für die Tochtergesellschaften folgen werden.

 

Ungeklärt bleibt außerdem, was am Ende vom einstigen Börsenüberflieger an Unternehmenswert übrigbleiben wird. Klar ist aber schon jetzt, dass der Bilanzskandal dem Finanzplatz Deutschland einen enormen Schaden zugefügt hat. Eine der zentralen Fragen ist, welche strafrechtlichen und aufsichtsrechtlichen Konsequenzen der Fall Wirecard haben wird. „Bei Rechnungslegung und Bilanzkontrolle scheinen Wirtschaftsprüfer wie Aufsichtsbehörden nicht effektiv gewesen zu sein“, räumt inzwischen Finanzminister Olaf Scholz ein, nachdem er noch zu Wochenanfang die Aufsichtsbehörden gelobt hatte, „sehr hart gearbeitet“ zu haben.

 

Ungereimtheiten lange bekannt

Jetzt muss bis ins letzte Detail geklärt werden, wie das frühere Wirecard-Management um den ehemaligen Konzernchef Markus Braun möglicherweise über Jahre Bilanzsumme und Umsatzvolumen durch fingierte Einnahmen aufblähen konnte, ohne dass dies aufflog und der langjährige Wirtschaftsprüfer Ernst & Young etwas zu beanstanden hatte. Im Kreuzfeuer der Kritik stehen aber nicht nur Management und Wirtschaftsprüfer, das unglückliche Agieren – oder besser „Nicht-Agieren“ – der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht muss ebenfalls durchleuchtet werden. Kritik an Ungereimtheiten in der Bilanz von Wirecard und an der intransparenten Ertragslage der Banksparte des Unternehmens gab es schließlich schon seit mehr als zehn Jahren und wurde erstmals 2008 von der SdK Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger e. V. erhoben, ohne dass die Bafin auch nur ansatzweise in Richtung Wirecard ermittelte. Und so kommt inzwischen auch Felix Hufeld, Chef der Bafin zu der Einsicht: „Das ist ein komplettes Desaster, das wir da sehen, und es ist eine Schande, dass so etwas passiert ist“ und „viele private und öffentlich Institutionen, inklusive meiner eigenen, waren nicht effektiv genug, um so etwas zu verhindern.“

 

Was wusste die BaFin?

Wann genau aber wusste die BaFin von Unregelmäßigkeiten bei Wirecard? Fakt ist, dass die Finanzaufsicht selbst dann nicht in Richtung Wirecard aktiv wurde, als die international bekannte Wirtschaftszeitung „Financial Times“ Anfang 2019 in einer Artikelserie die unklare Herkunft von Einnahmen bei Wirecard und die Rolle dubioser Drittparteien thematisierte. Stattdessen erstattete die Bafin gegen die bei der Financial Times mit dem Thema befassten Autoren bei der Staatsanwaltschaft München I Strafanzeige wegen angeblicher Marktmanipulation unter Zusammenarbeit mit Shortsellern. Mehr als ungewöhnlich war außerdem die Allgemeinverfügung der Bafin vom 18. Februar 2019. Darin wurde über einen Zeitraum von zwei Monaten unter Berufung auf Artikel 20 der EU-Leerverkaufsverordnung Nr. 236/2012 die Aufnahme und die Vergrößerung von Netto-Leerverkaufspositionen in Aktien der Wirecard AG untersagt. Diese Maßnahme führte dazu, dass viele Investoren die Kritik an Wirecard als unangebracht einstuften und Aktie der Gesellschaft erwarben. Eine solche Maßnahme wurde letztmals 2008 in den ersten Monaten der Finanzkrise für den gesamten deutschen Finanzmarkt verhängt. Eine Anzeige gegen über Organen der Wirecard wegen potenzieller Marktmanipulation erstattete die BaFin dagegen erst Anfang Juni 2020, als das „Kartenhaus Wirecard“ nach der Sonderprüfung durch KPMG und der mehrmals verschobenen Veröffentlichung des Geschäftsberichts 2019 bereits vor dem Zusammenbruch stand und eine Ad-Hoc-Mitteilung des Zahlungsabwicklers zum Ergebnis der KPMG-Sonderprüfung der Behörde gar keine andere Wahl mehr ließ.

 

BaFin muss neu aufgestellt werden

Mit dem Wirecard-Skandal müssen interne Abläufe der BaFin auf den Prüfstand kommen, angefangen von kontrollrechtlichen Regelungen bis zu Fragen der Compliance für Mitarbeiter. Denn nicht auszuschließen ist angesichts der einseitigen Ermittlungsbemühungen seitens der Behörde, dass BaFin-Mitarbeiter in irgendeiner Art und Weise finanzielle Interessen an der Causa Wirecard hatten. Hier gilt laut BaFin gemäß § 28 WpHG ein internes Kontrollverfahren für private Finanzgeschäfte, demzufolge private Finanzgeschäfte von BaFin-Beschäftigten grundsätzlich zu melden und im Hinblick auf Zugang zu Insiderinformationen zu überprüfen sind. Wenn die Behörde ihren eigenen Kontroll- und Compliancevorgaben zu lax nachgekommen sein sollte, wäre dies ein weiteres Armutszeugnis und Wettbewerbsnachteil für den Finanzplatz Deutschland. Umso mehr, da in Zeiten dauerhafter Niedrigzinsen immer mehr Anleger auf der Suche nach einer auskömmlichen Rendite überlegen, in Aktien zu investieren. Der Wirecard-Skandal muss hier eine Zäsur bilden, Angefangen bei der obersten Wertpapieraufsicht, der BaFin“. Der FDP-Finanzexperte Frank Schäffler fordert daher auch: „Die Wirecard-Vorkommnisse zeigen, dass die BaFin erstmal intern aufräumen muss, anstelle sich neuen Aufgaben zu widmen."

 

Stefan Riedel / Redaktion AnlegerPlus

 

Die SdK Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger e. V. plant ein gemeinsames Vorgehen geschädigter Wirecard-Aktionäre (WKN: 747206) und -Anleiheinhaber (WKN: A2YNQ5) zu organisieren um dadurch die bestmögliche Wahrung der Interessen der Kapitalanleger gewährleisten zu können. Betroffene Aktionäre und Anleiheinhaber können sich hierzu (ausschließlich online) unter www.sdk.org/wirecard für einen kostenlosen Newsletterservice eintragen. Es ist unter anderem geplant, mögliche Ansprüche zusammen mit einer Prozessfinanzierungsgesellschaft zu verfolgen. 

Anschauliche Erklärungen zum Thema Bilanzfälschung ausgehend von dem Fall Wirecard gibt die SdK HV-Sprecherin Dr. Carola Rinker in ihrem Videoblog unter https://www.youtube.com/watch?v=cqUm9ZLyDIM

(Bildquelle: Wirecard AG)



Diese Website verwendet Cookies. Mit der weiteren Nutzung dieser Website, akzeptieren Sie unsere Datenschutzerklärung und die Verwendung von Cookies und um Ihnen spezielle Services und personalisierte Inhalte bereitzustellen. Weiteres erfahren Sie unter der Rubrik Datenschutz.

X schließen