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14. August 2018   Wissen

Vollgeld – Pro und Contra

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In Teil 1 „Vollgeld – was ist das?“ haben wir die grundsätzliche Idee des Vollgeldes und den Unterschied zum Goldgeld und Fiat-Geld beschrieben. Warum fordern nun die Befürworter die Einführung des Vollgeldes und warum lehnen die Kritiker dieses Geldsystem ab? Wir haben die Aspekte für Sie zusammengetragen.

 

Die Schweizer hatten 2018 die Wahl und hätten sich in einem Volksentscheid für das Vollgeldsystem entscheiden können. Letztlich fanden sich allerdings nicht genügend Pro-Stimmen und so lehnten die Eidgenossen das Ansinnen ab. Doch was sind die Gründe der Befürworter eines Vollgeldsystems ganz grundsätzlich?

 

Verhinderung von Preisblasen

Kern des Vollgeldsystems ist, den Geschäftsbanken das Recht zur Ausgabe von Giralgeld zu entziehen. Die Geldschöpfung ist in im Vollgeldregime ausschließlich der Zentralbank vorbehalten. Nur die Zentralbank bestimmt folglich die umlaufende Geldmenge. In Zeiten des Fiat-Geldes ist diese Geldmengensteuerung der Zentralbank faktisch entglitten. Und das schafft Probleme. Diverse Studien haben nämlich ergeben, dass Blasenbildungen an den Finanzmärkten meist eine ausufernde Ausweitung der Geldmenge durch das Bankensystem voraus gegangen ist. Durch prozyklische Kreditvergabe werden u. a. die Preise für Immobilien oder Aktien in die Höhe getrieben, weit über ihren fairen Wert hinaus. Das Platzen der Blase hat dann enorme Auswirkungen auf das System und die Realwirtschaft. Zuletzt konnte dies sehr eindrucksvoll beobachtet werden, als die Immobilienblase 2007 in den USA platzte und eine weltweite Finanzkrise und in der Folge eine Weltwirtschaftskrise auslöste

 

Genau solche Blasen könnten, so die Befürworter, durch ein Vollgeldsystem vermieden werden. Geschäftsbanken können nur noch Kredite in einem Umfang vergeben, wie sie (Voll-)Geld von der Zentralbank zur Verfügung gestellt bekommen oder sie sich von Kunden auf Spareinlagen oder am Kapitalmarkt geliehen haben. Das Geld auf den Girokonten müsste bei der Zentralbank real hinterlegt sein und würde so im Krisenfall einen Bankenrun verhindern, der ein schwächelndes Institut in der Regel endgültig umwirft und sogar gesunde Banken „infizieren“ kann. Der Bankkunde kann sich darauf verlassen, dass sein Geld nicht nur Buchgeld ist, sondern tatsächlich vorhanden ist mit einem Zahlungsversprechen der Zentralbank. Die Abwicklung einer insolventen Bank wäre im Vollgeldsystem zudem deutlich schmerzfreier.

 

Steuerung der Konjunkturzyklen

Durch die Übergabe der Geldmengensteuerung ausschließlich an die Zentralbank kann diese effizienter Einfluss auf die konjunkturellen Zyklen nehmen. In Phasen des Abschwungs kann sie beispielsweise die Geldmenge erhöhen, indem sie den Banken Geld leiht, die dieses per Kredit in den Umlauf bringen. Wenn die Banken das nicht machen oder keine Kredite nachgefragt werden, könnte die Zentralbank das Geld direkt an die Staaten verschenken, die es ihrerseits für Konjunkturprogramme, z. B. Investitionen in die Infrastruktur, nutzen. Im Extremfall ist sogar eine Ausgabe an die Bürger zur Konsumsteigerung denkbar (Stichwort Helikoptergeld).

 

Zusammengefasst lässt sich also sagen, dass sich die Befürworter des Vollgeldes ein stabileres Finanzsystem erhoffen, in dem Konjunkturzyklen moderater durchlaufen werden und der Bankenapparat stabiler aufgestellt ist sowie kriselnde Banken nicht durch Staatshilfen gestützt werden müssen.

 

Zu viel Macht in einer Hand

Gegner des Vollgeldsystems führen an erster Stelle mangelnde Erfahrungen mit diesem Geldsystem und folglich fehlende Erfolgsnachweise als Gegenargument an. Zudem würde es ggf. Bankprodukte noch kostspieliger machen, da die Banken tendenziell weniger Zinseinnahmen generieren können. Ebenfalls würde es wohl zu Verschiebungen in das bislang wenig regulierte Schattenbankensystem kommen und es würden an anderer Stelle neue unkalkulierbare Risiken aufgebaut.

 

Am schwersten wiegen allerdings die Argumente der Vollgeld-Kritiker, dass eine alleinige Steuerung der Geldmenge durch die Zentralbank gefährlich ist und zudem darüber hinaus nicht zwingend zielführend sein muss. Zielführend wäre sie nur dann, wenn die Zentralbank bessere Entscheidungen trifft als die Geschäftsbanken. Letztere sind aber deutlich näher am Kunden und der Wirtschaft, um beispielsweise beurteilen zu können, ob und in welchem Umfang Kredite notwendig sind. Eine Zentralbank kann nur versuchen, auf übergelagerter Ebene das Gesamtbild zu beurteilen. Und dies scheint nicht immer zu funktionieren. In der jüngeren Vergangenheit zeigte sich z. B., dass die Maßnahmen der Zentralbank zur leichteren Kreditvergabe, um die Konjunktur anzukurbeln, nicht fruchteten, weil die Wirtschaft angesichts der Unsicherheiten schlicht keine Kredite nachfragten.

 

Wenn der Zentralbank die alleinige Geldschöpfung zufällt, dann muss neben ihrer Expertise ihre absolute Unabhängigkeit gewährleistet sein. Ansonsten fällt das mächtige Werkzeug der Geldpolitik womöglich in die falschen Hände. Diese Unabhängigkeit müsste eigentlich schon heute gegeben sein. Aber sind die Zentralbanken tatsächlich unabhängig? Die aktuelle Niedrigzinsphase, die vor allem den über beide Ohren und darüber hinaus verschuldeten Staaten hilft, lässt daran berechtigte Zweifel aufkommen. Und wie sind die ständigen Einmischungen der Politik, US-Präsident Trump oder der türkische Präsident Erdogan seien exemplarisch genannt, zu werten? Doch nicht anders, als dass die Politik lieber früher als später auch in die Zentralbanken durchregieren möchte.

Wenn nun die Zentralbank als vierte Gewalt im Staat unter ständigem Beschuss der Politik, der Bankenlobby (um mehr Vollgeld zu erhalten), einzelner Parteien (welche in Wahlprogrammen Helikoptergeld der Zentralbank in Aussicht stellen) oder Volksinitiativen (ebenfalls Helikoptergeld) steht, ist tatsächlich fraglich ob sie unabhängige und rationale Entscheidung treffen kann. Darüber hinaus ist strittig, ob in einem heterogenen Wirtschaftsraum wie der EU eine effektive und zentrale Geldmengensteuerung überhaupt möglich ist – die Situation in Italien erfordert unter Umständen eine andere Geldpolitik als die Begebenheiten in Deutschland. Dieses Dilemma kennt die europäische Zentralbank EZB ja bereits.

 

Fazit

Ein Vollgeldsystem hat durchaus seinen Reiz, gerade mit Blick auf die derzeit ausschweifende Geldschöpfung und künstlich aufgeblähter Konjunkturzyklen mit deftigem Krisenpotenzial. In jüngster Vergangenheit wurde jedoch gerade diese Geldschöpfung von den Zentralbanken durch die lockere Geldpolitik und Niedrigzinsen selbst angeheizt. Dies stellt nicht nur die Kompetenz dieser Institutionen für die Verwaltung eines Vollgeldsystems in Frage sondern auch deren Unabhängigkeit. Ohne diese beiden Kriterien kann aber das Vollgeldsystem nicht die erhoffte Wirkung entfachen.

Christoph Richter, Redaktion AnlegerPlus



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