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18. Juni 2018   INVESTMENT

Was läuft schief mit der deutschen Aktienkultur?

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Die Deutschen sind wahrlich kein Volk von Aktionären. Dabei waren wir um die Jahrtausendwende auf einem guten Weg dorthin. Doch die Dotcom-Krise, enttäuschende Aktienemissionen der Telekom und hausgemachte Stolperfallen haben für die deutsche Aktienkultur viel verbrannte Erde hinterlassen.

Stark gelitten hat diese Aktienkultur unter dem Neuen Markt. Mit großen Ambitionen ging das Börsensegment der Deutschen Börse 1997 an den Start. Der Neue Markt sollte das Segment für die damals aufstrebende „New Economy“ werden, ganz nach dem Vorbild des großen Bruders in Amerika, der Technologiebörse NASDAQ. Jungen Unternehmen in Zukunftsbranchen wollte der Neue Markt eine Plattform zur Eigenkapitalfinanzierung bieten. Und die wurde auch fulminant genutzt. Den Höhepunkt verzeichnete das Marktsegment im Jahr 2000 mit 160 Neuemissionen. Damals verpasste sich sprichwörtlich jede Würstchenbude einen technologischen Anstrich und versuchte die euphorische Stimmung an der Börse für sich und die eigene Kasse zu nutzen.

Doch nach jeder Party folgt der Kater und ohne nachhaltiges Geschäftsmodell verbleibt am Ende des Tages kein Geld in der Kasse. Und so kam, was kommen musste, die Unternehmen gingen reihenweise pleite und die Börse in die Knie. Die Stammtische, an denen sich die Anleger zuvor mit ihren Anlageerfolgen brüsteten, leerten sich schlagartig. Kein Wunder, hatten doch nicht wenige Aktionäre Haus und Hof für das Aktieninvestment versetzt.

Genau in diese „wilde“ Zeit fiel auch der Börsengang der Deutschen Telekom am 18. November 2016. 713 Millionen Aktien zu 14,57 Euro wurden damals an den Mann oder die Frau gebracht. Und es hätten deutlich mehr sein können, die Nachfrage nach der „Volksaktie“ war gigantisch. Schließlich wurden sie dem „Volk“ ja auch prominent vom damaligen Publikumsliebling und Schauspieler Manfred Krug ans Herz gelegt. „Die Aktie wurde beworben wie ein Waschmittel“, erinnert sich Klaus Rainer Kirchhoff, Vorstandsvorsitzender der Kirchhoff Consult. „Dadurch sind viele Privatanleger unkritisch auf Werbekampagnen von Unternehmen im Neuen Markt reingefallen.“ Dem Börsengang folgten noch zwei weitere große Aktienemissionen der T-Aktie: im Juni 1999 zum Ausgabepreis von 39,50 Euro und mitten im Börsencrash ein Jahr später zu einem Preis von 66,50 Euro. Dazwischen lag der Höchststand der T-Aktie bei 103,50 Euro. Doch nur wenig Aktionäre trennten sich damals von ihrem Investment und blieben der Volksaktie treu und sind, je nach Einstiegszeitpunkt, bis heute nicht aus den Miesen heraus.

Gesetzgeber wider der Aktienkultur

Nun könnte man die Krise der deutschen Aktienkultur unter dem Eindruck der geschilderten Vorgänge als selbstverschuldet bezeichnen. Und sicherlich waren die Verluste der Anleger Großteils durch ihre Unerfahrenheit auf dem Kapitalmarkt bedingt. Doch statt Vertrauen wieder aufzubauen. hat der Gesetzgeber im Verbund mit der Rechtsprechung danach weiter am Fundament einer gesunden Aktienkultur gekratzt. Als ein Beispiel hierfür sind die unerfreulichen und oftmals von den Medien unbeachteten Delistingentscheidungen zahlreicher börsennotierter Unternehmen zu nennen. „Allein seit 2014 haben sich mehr als 100 Firmen quasi durch die Hintertür vom Kurszettel zurückgezogen und ihren Aktionären dadurch reihenweise Verluste beschert“, erläutert Gereon Kruse, Inhaber von www.boersengefluester.de. „Besonders schlimm ist, dass diese Entwicklung ausgerechnet durch die gesetzlichen Rahmenbedingungen entscheidend forciert wurde.“

Aus Schaden wird man vielleicht nicht unbedingt klug, aber in jedem Fall vorsichtig. Und so ist auch der deutsche Anleger bis heute ein gebranntes Kind. „Der Zugang zum Kapitalmarkt ist traditionell in Europa und Deutschland schwieriger als in den USA“, weiß Georg Hansel, Chef für deutsche IPOs bei der Bank of America. Zu wenig Anleger sind hierzulande bereit, ihr Geld in wachstumsstarke Start-ups zu investieren. Gegenüber angelsächsischen Ländern fällt Deutschland dadurch immer mehr zurück.

Gibt es Lösungsansätze?

In Zahlen verpackt liest sich dies dann wie folgt: Nur jeder siebte Deutsche besitzt Aktien oder Aktienfonds. In den USA und Großbritannien hat jeder Vierte ein Wertpapierdepot. In diesen Ländern setzt auch die Altersvorsorge viel stärker auf den Kapitalmarkt, deutlich höhere Vermögensteile fließen in Aktien und Beteiligungskapital. Die Deutschen parken ihr Erspartes, satte 2,4 Billionen Euro, dagegen lieber auf Sparkonten. Und es ist ihnen dabei Schnuppe, dass ihr Geld wegen der Inflation und der darunter liegenden Zinsen täglich an Wert verliert.

Wie kann sich unter diesen Bedingungen nun aber wieder eine neue Aktienkultur entwickeln? In erster Linie bräuchte es wieder neue und erfolgreiche Börsengänge von Unternehmen mit belastbaren Geschäftsmodellen. „Wegen der gestiegenen Compliance-Anforderungen und einer Welle von Delistings kommt es darauf an, wie viele Neuzugänge die Börsen gewinnen können“, sagt Dr. Mirko Sickinger, Partner bei Heuking Kühn Lüer Wojtek. „Scale als Nachfolgesegment des Entry Standards wird nun beweisen müssen, ob die stark gestiegenen Qualitätsanforderungen ein nachhaltig erfolgreiches Einstiegssegment etablieren können.“

Sollen die Börsen aber ein wichtiges Instrument für Unternehmen zur Kapitalgewinnung und für Anleger zum Vermögensaufbau bleiben, ist vor allem die Politik gefordert. „Eine überbordende Regulierung in Deutschland und Europa dürfen sie nicht weiter einschränken“, fordert Dr. Marc Feiler, Mitglied der Geschäftsführung der Bayerischen Börse. „Angesichts des Wachstums in Asien und anderen Emerging Markets droht uns sonst die Gefahr, im internationalen Wettbewerb nicht mehr konkurrenzfähig zu sein.“ Um die Aktienkultur in Deutschland wäre es dann endgültig geschehen.

Thomas Müncher, Redaktion AnlegerPlus



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