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14. April 2016   Wirtschaft

Zinswende oder Bluff?

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Mit einer echten Zinswende in den USA könnte der erste Dominostein auf dem Feld der Finanzmärkte fallen. Doch Geldpolitik ist weit entfernt solitär zu sein und selbst die amerikanische Notenbank wird ihre Zinsentscheidung von zahlreichen Bedingungen abhängig machen. Bewegung ins Spiel kommt möglicherweise erst Ende 2016.

Auf über 19 % hatte die amerikanische Notenbank Fed während der Ölkrise in den 70iger Jahren ihren Leitzins geschraubt – ein Niveau, das sich heute kaum jemand vorstellen kann. Ende 2015 wagte die Fed im weltweiten Niedrigzinsumfeld (zumindest in den Industriestaaten) erstmals seit der Finanzkrise einen vorsichtigen Spielzug und hob den Zielkorridor für den Leitzins auf 0,25 – 0,5 % an. Auf keinen Fall sollte die wirtschaftliche Erholung in den USA gefährdet werden. Für 2016 erwarten die Marktakteure von der Chefin der US-Notenbank Federal Reserve, Janet Yellen, weitere Zinsschritte nach oben.

Von der Schlossallee zur Badstraße
Amerika ist zwar aufgrund seines großen Binnenmarktes nicht ausgeprägt exportorientiert, aber auch die US-Wirtschaft würde ein globaler Abschwung treffen. Zudem taktieren die Staaten in Zeiten wirtschaftlicher Schwäche mit Währungsabwertungen. So offenbarten die Quartalszahlen 2015, dass die Dollarstärke bereits Umsätze sowie Gewinne der großen US-Konzerne schrumpfen ließ. Die Rückgänge zogen sich quer durch zahlreiche Branchen – wie etwa Nahrungsmittel, Bekleidung, Pharmazie, Baumaschinen sowie IT-Bereich.

Noch zeigen sich keine größeren Bremsspuren auf dem Arbeitsmarkt, dessen saisonbereinigte Arbeitslosenquote seit Monaten um 5 % oszilliert. Das mag auch darauf zurückzuführen sein, dass die Fed die Zinswende abschwächte und so den Dollaranstieg bremste. Denn anders als die EZB hat die amerikanische Notenbank nicht nur Preisstabilität, sondern auch maximale Beschäftigung sicherzustellen und diese könnte durch weitere Turbulenzen außerhalb der Landesgrenzen bedroht sein.

Schuldenmikado
In Zeiten des billigen Geldes haben sich viele Banken und Unternehmen der Schwellenländer massiv in US-Dollar verschuldet – allen voran China, Zentral- und Osteuropa sowie Lateinamerika. Schätzungen gehen davon aus, dass sich chinesische Unternehmen zu etwa 25 % in Dollar verschuldet haben. In der Regel müssen sich Firmen in China überwiegend durch Kredite und Anleihen finanzieren, da der chinesische Kapitalmarkt immer noch unterentwickelt ist.

Die amerikanische Notenbank verschob daher vor allem mit Blick auf China 2015 ihre Zinserhöhung mehrmals, ehe sie sich dann im Dezember zu einem ersten Zinsschritt durchrang. Zu groß war das Risiko, die in US-Dollar verschuldeten Schwellenländer mit höheren Zinsen und durch den Greenback höher bewerteten Schulden zu überfordern. Auf dem chinesischen Aktienmarkt jedoch gärt es trotz staatlicher Interventionen weiter. Und nicht nur dort. Fed-Chefin Yellen äußerte sich dazu im Februar wie folgt: „Die Turbulenzen in China und anderen Schwellenländern könnten das US-Wachstum dämpfen, während die Inflationserwartungen sinken.“ Das spricht nicht für steigende Zinsen im großen Stil.

Strategiewechsel

Das wahrscheinlichste Signal zur Leitzinserhöhung käme möglicherweise von der Preisseite, denn – wie die meisten großen Notenbanken – strebt auch die Fed inzwischen eine Inflationsrate nahe 2 % an, zu deren Messung die amerikanische Notenbank schon mehrfach ihre Berechnungsmethode gewechselt hat. Die Kerninflationsrate – also die Verbraucherpreise ohne Nahrung und Energie – übersprang bereits 2016 diese Zielmarke deutlich, während der von der Fed bevorzugte Index (Deflator des privaten Konsums) im Februar um 1,7 % gegenüber dem Vorjahr stieg. Zur Prognose verfolgt die amerikanische Notenbank außerdem die Entwicklung der Stundenlöhne.

Shutdown am Horizont
Im Herbst 2016 wird in den Vereinigten Staaten ein neuer Präsident gewählt. Den Wahlkampf möchte Notenbankchefin Yellen ungern mit überraschenden Zinsschritten – statt 4 sind nun 2 moderate Erhöhungen 2016 geplant – zusätzlich anheizen und setzt weiterhin darauf, Zinserhöhungspfade anzukündigen. Bis Ende 2018 soll der Leitzins dann bei 3 % liegen. Denn auch die USA hat – insbesondere seit 2008 – mit einer rasant gestiegenen Schuldenquote zu kämpfen. Immer wieder ist um die Schuldenobergrenze gepokert worden. Dass sich die Staatschuldenquote in den USA seit 2013 auf knapp über 104 % stabilisiert hat, ist weniger der Budgetdisziplin, sondern hauptsächlich der Erholung der US-Wirtschaft, den moderaten Zinsen und der Inflation zu verdanken. Da trifft es sich gut, dass die Fed mit einem Anziehen der Preise erst Ende 2016 rechnet.


Birgit Groschwitz-Fiebig, Redaktion AnlegerPlus



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