Die Macht des Preises

Euro Inflation

Hohe Preissteigerungsraten wie in den letzten Monaten verunsichern Konsumenten, Unternehmen und Investoren gleichermaßen. Die Inflation ist auf dem Vormarsch und vernichtet die Kaufkraft des Geldes. Aktienanleger haben im Inflationsszenario grundsätzlich jedoch gute Karten. 

In der klassischen monetären Denkschule wird Inflation durch ein zu großzügiges Geldmengenwachstum ausgelöst. Im Mittelpunkt dieser Wirtschaftstheorie steht die Quantitätsgleichung: Dabei steht M für die Geldmenge, V für die Geldumlaufgeschwindigkeit, P für das Preisniveau und Y für das Handelsvolumen von realen Gütern. 

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Von der Theorie zur Praxis

Anhand dieser Gleichung lässt sich sehr gut die augenblickliche Situation beschreiben. Schon seit Jahren erhöhen die Zentralbanken die Geldmenge (M). Doch das neugeschaffene Geld kam nicht bei den Konsumenten an, sondern landete auf dem Immobilien- und Aktienmarkt. Das „M“ der Gleichung änderte sich praktisch nicht, die Preise blieben stabil. 

Corona war dann der Gamechanger. Von nun an floss das Geld an die Staaten und von dort zur Stützung der Wirtschaft und der Arbeitnehmer in die reale Wirtschaft (M steigt). Das löste eine gesteigerte Nachfrage nach Konsumgütern aus, doch aufgrund der Lieferkettenproblematik und knappen Vorprodukten konnte das Handelsvolumen (Y) nicht entsprechend ausgeweitet werden. Die Folge daraus: Die Preise (P) steigen und die Gleichung ist wieder im Gleichgewicht. 

In der Erwartung steigender Preise und somit Kaufkraftverlust des Geldes versuchen die Konsumenten, Geld noch schneller in Güter zu tauschen. Damit erhöht sich die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes (V) und somit erneut die linke Seite der Gleichung. Wenn das Handelsvolumen (Y) dann immer noch beschränkt ist, muss das Preisniveau (P) zum Ausgleich noch stärker steigen. Ein Teufelskreis beginnt. 

Ursachen der Teuerung

Die erhöhte Geldmenge kann also derzeit nicht mehr durch die reale Produktion absorbiert werden. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Exemplarisch seien die steigende Preise für Rohstoffe wie Kaffee, Kakao, Getreide, Rohöl, Industriemetalle oder Holz und Papier genannt. Manche beruhen z. B. auf Frostschäden oder Unwettern und sind vorübergehender Natur. Andere dagegen sind dauerhaft, etwa wenn die Förderung von Erzen und Metallen zunehmend schwieriger und kostenintensiver wird oder protektionistische Maßnahmen wie Zölle die Waren verteuern. 

Es geht also um Kausalketten, wobei diese sich verstärken können. Werden Güter und Dienstleistungen nachhaltig teurer, werden die Arbeitnehmer Anpassungen der Löhne und Gehälter fordern. Dieser Prozess ist als „Lohn-Preis-Spirale“ oder Zweitrundeneffekt bekannt. Auch der Staat mischt mit, indem er die „administrierten Preise“ erhöht, also Umlagen, Abgaben, Gebühren, Steuern. In München beispielsweise will die grün-rote Rathausmehrheit für die Parkausweise der Gewerbetreibenden teilweise fünfmal mehr verlangen als bisher. Bezahlen muss das am Ende der Konsument. Der Domino-Effekt führt so zu immer weiteren Preissteigerungen. 

Preissetzungsmacht wichtiges Kriterium

Aus Anlegersicht gilt es in einem sich verändernden Umfeld die Konsequenzen der Entwicklung abzuwägen und entsprechende Anpassungen im Portfolio vorzunehmen. Obwohl alle Aktien Unternehmensbeteiligungen und damit Sachwerte sind, sind doch nicht alle Unternehmen in der Position, die Preissteigerungen an ihre Kunden weiterzugeben. 

Viele Produkte und Dienstleistungen werden z. B. in einem von steigenden Inflationserwartungen geprägten Wirtschaftsklima weniger nachgefragt, weil sie für Konsumenten nicht essenziell sind, so wie langlebige Konsum- und Gebrauchsgüter. Wenn sich die Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben immer weiter öffnet, werden neue Haushaltsgeräte oder Zweitfahrzeuge in der Prioritätenliste nach hinten rücken. Das gilt ebenso für Tourismus- und Freizeitaktivitäten. 

Die Hersteller von unverzichtbaren Konsum- und Gebrauchsgütern wie Nahrung, Getränke, Pflege-, Hygiene- und Reinigungsmittel, sogenannte „Consumer Staples“, sind dagegen in einer guten Position, um die Preise angemessen zu erhöhen. Der Wettbewerb ist zwar intensiv, doch alle Player sind gleichermaßen an gesunden Gewinnmargen interessiert. 

Zu den interessanten Sektoren im Umfeld steigender Preise zählt die Gesundheitswirtschaft. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse und therapeutische Möglichkeiten sowie der demografische Faktor sprechen für Healthcareinvestments. Deshalb schauen wir uns die Medizintechnikbranche auf den kommenden Seiten etwas näher an. Und dazu Sektoren wie Infrastruktur, Telekommunikation, Versorger, Oil & Gas sowie Security. Alles Branchen, die sich in einem Inflationsumfeld gut behaupten können.

Doch blind sollte man auch hier nicht zugreifen. Anleger müssen derzeit noch stärker Wert auf solide Bilanzrelationen und eine geringe Verschuldung legen. Denn Inflation geht früher oder später mit steigenden Zinsen einher und die können für höher verschuldete Unternehmen zur Belastung werden.

Teil 1 unserer zweiteiligen Inflationsserie mit den Branchen Umwelt- und Logistikdienstleister erschien in den AnlegerPlus News 2022, Heft 2, am 19. Februar.

Foto: © unsplash.com

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