Kay Bommer über Coronafolgen & Investor Relations

Kay Bommer
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Kay Bommer, Geschäftsführer des DIRK – Deutscher Investor Relations Verband

Die durch Covid-19 ausgelösten ökonomischen Verwerfungen sind zumindest in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte beispielslos und werden uns noch viele Jahre begleiten. In diesen Tagen erleben wir, dass sich auch große Teile einer Marktwirtschaft relativ rasch und geordnet „herunterfahren“ lassen, sich jedoch deren Wiederanfahren deutlich schwieriger gestaltet.

Die globalen Aktienmärkte haben bisher nur auf den Lockdown reagiert. Ab jetzt werden die Börsen ein Barometer für die noch kritischere Wiederanfahrtsphase darstellen. Und diese wird sich aus Sicht der Unternehmen wesentlich komplexer gestalten als aus der Perspektive der Politik, welche lediglich ihre Lockdown-Maßnahmen (schrittweise) zurücknehmen muss, um den Status quo ante zu erreichen.

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Unternehmen hingegen stehen vor der Herausforderung, die unterbrochenen Logistikketten möglichst rasch wiederherzustellen und langfristig neu zu konzipieren, um anschließend ihre Produkte und Dienstleistungen in einem Umfeld drastisch reduzierter Nachfrage zu platzieren. Eine Herkulesaufgabe, für welche es weder in der Theorie noch in der Praxis eine Vorlage gibt.

Kommunikation schafft Sicherheit

Neben den skizzierten operativen Herausforderungen kommt in diesem Umfeld der Kapitalmarktkommunikation eine zentrale Rolle zu: Der Kapitalmarkt erwartet von den Unternehmen zeitnahe Antworten, wie diese die Krise bewältigen wollen. Die Herausforderungen sind zudem in hohem Maße unternehmensspezifisch und gestalten sich naturgemäß für Unternehmen in der Luftfahrt ganz anders als etwa für Anbieter im Bereich Healthcare.

Trotz der beispiellosen Umstände bleibt ein Naturgesetz am Finanzmarkt bestehen: Nichts mögen Investoren weniger als Unsicherheiten, selbst mit schlechten, aber proaktiv zur Verfügung gestellten Informationen kann der Markt besser umgehen. In einem solchen Umfeld kommt Investor Relations (IR) eine zentrale Rolle bei der Bewältigung der Krise zu.

Lösungskonzepte gefragt

Der Grundsatz, dass professionelle IR niemals als Marketing für die Kapitalmarktinstrumente eines Unternehmens verstanden werden darf, ist in einer solchen Situation relevanter als je zuvor. Keine der aktuell meist offensichtlichen Problemstellungen dürfen deshalb beschönigt werden. Der Kapitalmarkt verlangt von IR demensprechend detaillierte Informationen über die jeweiligen unternehmensspezifischen Herausforderungen – idealerweise ergänzt durch Lösungskonzepte.

Zusätzlich muss das Bewusstsein vorhanden sein, dass der Kapitalmarkt ein langes Gedächtnis aufweist. Unternehmen sollten in der aktuellen Lage besonders vorsichtig mit Aussagen zum Ausmaß und Dauer der Verwerfungen sein. Vor diesem Hintergrund ist es ein Ausdruck von Professionalität, dass viele Unternehmen ihre vor dem Ausbruch der Krise erarbeitete Jahresprognose für 2020 relativ rasch zurückzogen, ohne diese zum gegenwärtigen Zeitpunkt zu modifizieren.

Schließlich können derzeit auf viele zentrale Fragen keine belastbaren Antworten gegeben werden. Unternehmen sollten deshalb auch aufzeigen, warum bestimmte Fragestellungen aktuell nicht mit hinreichender Sicherheit beantwortet werden können und welche Entwicklungen hierfür erst abgewartet werden müssen. Umgangssprachlich könnte man eine solche Einstellung mit „sich ehrlich machen“ beschreiben.

Neue Anforderungen

Neben den Anforderungen im Bereich der Finanzmarktkommunikation muss professionelle IR in der gegenwärtig stark veränderten Lage rasch neue Themengebiete umsetzen. Ein wichtiges Beispiel hierfür ist die Konzeption und Durchführung einer virtuellen Hauptversammlung. Diese birgt hohe technologische und rechtliche Herausforderungen, für welche bisher keinerlei Erfahrungswerte vorliegen.

Investor Relations werden die aktuellen operativen Herausforderungen der Unternehmen nicht lösen können. Allerdings sorgen diese in hohem Maße dafür, Reputationsschäden abzuwenden und technologische und rechtliche Neuerungen in einem sich rasant verändernden Umfeld professionell zu etablieren.

Foto: © DIRK

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