Von Lieferengpässen zu neuen Lieferketten

Jürgen Michels Lieferketten

Von Dr. Jürgen Michels, Chefvolkswirt und Leiter Research Bayerische Landesbank

Mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine hat sich nicht nur der kurzfristige Ausblick für Konjunktur, Inflation und Finanzmärkte deutlich verändert. Vielmehr wird die Zeitenwende in der Geopolitik auf mittlere Sicht zu einer Neu-Adjustierung der globalen Handels- und Finanzströme führen und in einzelnen Staaten insbesondere bei der Energieversorgung weitreichende Umbrüche nach sich ziehen. Auch wenn sich in dieser Neuordnungsphase viele neue Geschäftsmöglichkeiten ergeben, dürfte die Wachstumsdynamik insgesamt abnehmen. In einem Umfeld erhöhten Inflationsdrucks werden die Zentralbanken reagieren und zu restriktiveren Finanzierungskonditionen beitragen.  

Die während der Coronapandemie aufgetretenen Lieferengpässe haben viele Unternehmen zu einer Überprüfung ihrer globalen Lieferketten veranlasst. Um künftig besser gegen Pandemien oder Naturkatastrophen gewappnet zu sein, dürften viele Unternehmen ihre Beschaffungs-, Produktions- und Absatzketten stärker diversifizieren und zugleich größere Puffer (Lager) einbauen.

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Während die Coronaeffekte weltweit zu Verwerfungen geführt haben, ist das von russischer Energie besonders stark abhängige Europa überproportional vom Wegfall der russischen Kohle-, Öl- und Gaslieferungen betroffen. Bei Erdgas ist die Emanzipation Europas und insbesondere Deutschlands von Russland trotz der derzeit vollen Speicher noch längst nicht erreicht, weshalb Europa verwundbar bleibt. Durch forcierte Investitionen in die Gas-Infrastruktur, vor allem für den Import von Flüssiggas, sollte aber das Erpressungspotenzial Putins zumindest bis zum Winter 2023/24 reduziert werden können. Allerdings bleibt Flüssiggas deutlich teurer als Pipelinegas. 

Neben den unmittelbaren Auswirkungen des Kriegs auf den Handel mit Russland wird die geopolitische Zeitenwende den globalen Austausch von Waren, Dienstleistungen, Finanzströmen und Wissen verändern. Dabei dürfte die Interaktion zwischen dem „Westen“ (dessen Geschlossenheit spätestens bei den US-Präsidentschaftswahlen auf die Probe gestellt werden dürfte) und dem „Osten“ deutlich abnehmen. Innerhalb dieser Blöcke ist dagegen mit einer Intensivierung der Zusammenarbeit zu rechnen. Gleichzeitig werden beide Blöcke versuchen, die Beziehungen mit den eher neutralen Staaten (hierbei dürfte Afrika vor allem wegen seiner Rohstoffe an Bedeutung gewinnen) auszubauen. Im Ergebnis dürften wirtschaftliche Belange mit steigendem Einfluss geopolitischer Aspekte im globalen Handel in den Hintergrund treten und zu Effizienzverlusten führen, was sich in geringerem Wirtschaftswachstum und höherem Inflationsdruck bemerkbar machen dürfte.

Dies gilt insbesondere im Hinblick auf die Neuorientierung der Politik in China. Mit der dritten Amtszeit von Xi Jinping als Generalsekretär und Vorsitzender im siebenköpfigen ständigen Ausschuss des Politbüros wird die Politik künftig noch stärker von Xi bestimmt werden. Der Parteitag und seine Ergebnisse sind eindeutig: Zum ersten Mal seit Mao Zedong herrscht ein Führer mit nahezu unbeschränkter Machtfülle, der einen Kurs von nationalistisch-marxistischer Ideologie eingeschlagen hat. China wird (wie auf der anderen Seite die USA) eine stärkere technologische Unabhängigkeit anstreben. Dieser von beiden Seiten mit harten Bandagen geführte Technologiekrieg wird auf globaler Ebene Wachstum kosten – genauso wie die Übergewichtung von politischen Zielen gegenüber den Unternehmenszielen in China. 

Zudem strebt Xi die Änderung internationaler Regeln an. Hier versucht das Reich der Mitte zunehmend die Interessen der Schwellenländer zu bündeln und als deren Anwalt aufzutreten. Daher könnte sich die Blockbildung zwischen den USA und China zu einer Separierung zwischen den Industrie- und Schwellenländern ausweiten. Eine fortschreitende ideologische, wirtschaftliche oder militärische Blockbildung erscheint für die EU aufgrund ihrer geografischen Lage und wegen der wirtschaftlichen Verflechtungen kaum erstrebenswert. Auch und besonders vor diesem Hintergrund wäre eine sicherheitspolitisch stärkere EU wünschenswert, welche gegenüber China zwar weiterhin pragmatisch, aber geschlossen und mutig auftritt und zur Verbesserung der eigenen geostrategischen Position Krisenresilienz und Unabhängigkeit stärker gewichtet.

Im Prinzip sind sich die EU-Staaten darüber einig, ihre Position im neuen Umfeld durch eine größere Geschlossenheit zu stärken. Aber gerade in der Sicherheitspolitik bröckelt die zwischenzeitliche Einigkeit, da sich die Mitgliedstaaten bei der Übertragung von Souveränitätsrechten schwertun. Zudem will die EU durch Investitionen die wahrscheinlich abnehmenden Wachstumsbeiträge der Exporte durch eine Steigerung der Binnennachfrage kompensieren und Wachstumsperspektiven durch Investitionen in eine moderne Infrastruktur stärken. Neben steigenden Investitionen in Digitalisierung soll dies insbesondere durch den Ausbau erneuerbarer Energien geschehen, die sowohl bei der Erzeugung als auch bei der Speicherung und Distribution massive Investitionen und globale Partnerschaften erfordern. 

Da sich die Budgetsituation in vielen EU-Staaten seit der Pandemie deutlich verschlechtert hat und die hohen Schulden im Umfeld steigender Zinsen immer mehr zum Problem werden, ist der staatliche Spielraum eingeschränkt. Daher wird der Privatsektor einen größeren Teil dieser Investitionen stemmen müssen, was auch hier aufgrund gestiegener Finanzierungskosten und Kaufkraftverlusten schwieriger geworden ist. Daher dürften angesichts der in den kommenden Jahren steigenden CO2-Abgaben die immer wichtigeren Investitionen in die Dekarbonisierung nicht mehr zusätzlich zu anderen Investitionen, sondern anstelle dieser getätigt werden. 

Der Wachstumsimpuls steigender Verteidigungsausgaben dürfte zumindest in Deutschland recht gering ausfallen, da ein Großteil der vorgesehenen Sonderausgaben in importierte Rüstungsgüter investiert werden. Auch wenn die deutschen Produktionsstandorte im Rüstungsbereich von der Zeitenwende profitieren werden, dürfte dies am Ende nicht den Wegfall der „Friedensdividende“ kompensieren. Unter Einbeziehung des Ausscheidens der Baby-Boomer aus der Erwerbsbevölkerung erwarten wir, dass das Potenzialwachstum in den kommenden Jahren sinkt und statt erhöhter Arbeitslosigkeit eher der Mangel an Arbeitskräften an Bedeutung gewinnt. 

Auch wenn sich die Wirtschaft nach der bevorstehenden Rezession wieder erholen wird, werden die veränderten geopolitischen Rahmenbedingungen die wirtschaftliche Belebung erschweren. Bei der Inflation wird sich im Verlauf des Jahres 2023, u. a. aufgrund der globalen Straffung der Geldpolitik, ebenfalls eine Entspannung einstellen. Aber auch hier wird die Zeitenwende mittelfristig für höheren Inflationsdruck sorgen, der eine straffere Geldpolitik zur Folge hat. Zudem dürfte die hohe politische Unsicherheit anhalten und zu erhöhten Risikoprämien und damit restriktiveren Finanzierungskonditionen führen. Trotz des durch die Zeitenwende eingetrübten wirtschaftlichen Ausblicks könnte Europa dies als Chance nutzen, um seine Position mit einer größeren Geschlossenheit zu stärken und sich durch höhere Investitionen langfristig besser aufzustellen.

Dr. Michels studierte Volkswirtschaft an der Universität Bonn und promovierte mit einer Arbeit zu Zentralbankstrategien an der Universität Frankfurt. Er ist seit Oktober 2013 Chefvolkswirt und Leiter Research der BayernLB in München. Zuvor arbeitete Dr. Michels zwischen 2002 und 2013 als kapitalmarktorientierter Euro-Raum-Volkswirt bei der Citigroup in London, seit 2008 als Euro-Raum-Chefvolkswirt. Von 1997 bis 2002 arbeitete er als Volkswirt bei Sal. Oppenheim in Köln und von 1996 bis 1997 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Internationale Wirtschaftspolitik der Universität Bonn. 

Dieser Artikel stammt aus der AnlegerLand 2023.

Foto: © BayernLB

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