Sieben „goldene Regeln“ für den Anlageerfolg?

Tafel mit der Aufschrift Golden Rules

Marcel Meier, Börse Stuttgart

Anleger treffen an der Börse auf eine Unmenge von Weisheiten, die beschreiben, wie sich der eigene Erfolg steigern lässt. Doch was ist dran an solchen Regeln?

Im vergangenen Jahr haben dem deutschen Aktieninstitut zufolge bundesweit 12,4 Millionen Menschen in Aktien und Aktienfonds investiert – so viele wie seit 20 Jahren nicht. Besonders die jüngere Generation strömte regelrecht an die Börse. Dabei stoßen neue und alte Anleger an den Finanzmärkten auf eine ganze Flut an Börsenweisheiten. Diese wurden aus langjährigen Erfahrungswerten abgeleitet und sollen bei Anlageentscheidungen Orientierung bieten.

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Doch ist es nun Glück, Zufall oder Gesetzmäßigkeit, wenn sich ein solcher Spruch wieder einmal bewahrheitet? Bevor Anleger solchen Weisheiten folgen, sollten sie sich unbedingt mit dem realen Hintergrund solcher Sprichwörter beschäftigen.

1. „The trend is your friend“

Diese Weisheit rät Anlegern, mit dem Einstieg zu warten, bis sich ein langfristiger Trend herauskristallisiert hat. Aktien, deren Kurse in der Vergangenheit gestiegen sind, so die Annahme, werden auch in Zukunft weiter an Wert gewinnen.

Ob der Trend jedoch tatsächlich immer der Freund des Anlegers ist, kann bei genauerer Betrachtung nicht bestätigt werden. Beispielsweise verpassen Trendfolger häufig den günstigsten Einstiegszeitpunkt und erwerben die jeweiligen Aktien zu einem höheren Preis. Sie vertrauen zudem darauf, dass die Märkte nicht allzu schwankungsanfällig sind.

2. „Buy on bad news, sell on good news”

Eine weitere Börsenweisheit besagt, dass Anleger bei schlechten Nachrichten kaufen und bei guten verkaufen sollten. Das Kalkül dahinter: Werden zu einer Aktie schlechte Nachrichten veröffentlicht, fällt in der Regel der Kurs. Das Papier kann also günstig gekauft werden. Dahinter steckt die Hoffnung, dass die Aktie nur vorübergehend sinkt und sich bald wieder von den schlechten Nachrichten erholt.

Im Gegensatz dazu wittern viele Anleger bei guten Nachrichten ein lohnendes Investment und möchten daher so schnell wie möglich kaufen, was zu steigenden Kursen und überhöhten Aktienpreisen führen kann. Daher zeigt die Weisheit hier die umgekehrte Handlungsweise auf: Anleger sollten sich nicht der Mehrheit anschließen, sondern durch einen Verkauf einen Gewinn erzielen.

Bei beiden Strategien sollten Anleger allerdings vorsichtig sein, da sich Optimismus und Pessimismus sehr lange halten und verstärken können. Deshalb können die Kurse bei schlechten Nachrichten durchaus noch weiter fallen oder bei positiven Nachrichten noch weit über ihren ökonomischen Wert steigen.

3. „Sell in May and go away”

Der weithin bekannten „Sell in May“-Weisheit zufolge sollten Anleger im Mai verkaufen und der Börse den Rücken kehren. Diese Weisheit basiert auf der Annahme, dass die Kurse zu Jahresbeginn bis in den Mai steigen – und dann in den Sommermonaten eine Gegenbewegung starten. Zu möglichen Ursachen dieser Annahme gibt es verschiedene Theorien. Z. B. wird argumentiert, dass sich manche Anleger im Mai nach Ende der Dividendensaison zumindest vorübergehend vom Markt verabschieden. Herangeführt wird häufig außerdem das „Sommerloch“ an der Börse mit weniger Investoren und geringeren Handelsumsätzen.

Die Regel besagt weiter, dass Anleger im Herbst wieder an den Aktienmärkten einsteigen sollten, wenn die Jahresendrally bevorsteht. Doch dieser Teil der Weisheit stellt ebenfalls keine verbindliche Aussage über die Entwicklung an den Märkten dar. Zwar liefert die Statistik einige Beispiele, die dieses Phänomen zu bestätigen scheinen, allerdings gab es auch schon viele Jahre, in denen sich die Kurse über die Sommermonate hinweg positiv entwickelten.

4. „Greife nie in ein fallendes Messer“

Dieser Leitsatz warnt vor dem typischen Fehler, während eines Abwärtstrends in eine gerade vermeintlich besonders günstige Aktie zu investieren. Denn selbst erfahrenen Anlegern gelingt es nur selten, bei starken Kursverlusten exakt den Boden zu erwischen. Vielmehr drohen in solchen Fällen zunächst oft noch höhere Verluste.

Vorsichtige Anleger warten daher, bis sich die Aktie wieder stabilisiert und ihren Abwärtstrend eindeutig verlässt. Oder besser noch, in eine stabile Aufwärtsbewegung übergeht. Den absolut richtigen Zeitpunkt zum Einstieg kennt aber natürlich niemand.

5. „Nicht alle Eier in einen Korb legen“

An dieser Regel orientieren sich erfahrene Börsianer seit jeher. Wer sein Vermögen in viele verschiedene Wertpapiere und Anlageklassen investiert, kann Marktschwankungen besser ausgleichen, sein Verlustrisiko verringern und mehr Stabilität ins Depot bringen. Grund hierfür ist der unterschiedliche Kursverlauf der verschiedenen Anlageklassen: Im selben Zeitraum entwickeln sich diese häufig unterschiedlich, manchmal sogar gegenläufig. Gewinne bei einem Depotbestandteil können also Verluste bei einem anderen Investment ausgleichen. Zudem schwankt der Wert des Portfolios insgesamt weniger stark.

Bei aller Risikostreuung müssen die einzelnen Anlagen dennoch überschaubar bleiben. Deshalb gelten 10 bis 20 Werte als gesundes Maß bei der Diversifikation. Denn irgendwann bringt ein zusätzliches Wertpapier im Depot keinen weiteren Nutzen mehr, sondern bereitet nur zusätzliche Arbeit. Außerdem laufen Anleger dann Gefahr, den Überblick zu verlieren und Fehlentwicklungen bei einzelnen Titeln zu spät zu erkennen.

6. „Politische Börsen haben kurze Beine“

Die Politik bewegt bekanntlich die Märkte: Politische Eingriffe unterbrechen oder verwässern Trends. Sie sind externe Störungen, die unerwartet die Marktentwicklung verändern können. Diese bekannte Anlegerweisheit besagt jedoch, dass stark schwankende Kurse aufgrund von politischen Ereignissen nur von vorübergehender Dauer sind. Mittel- bis langfristig pendeln sich die Märkte wieder auf ihrem vorherigen Niveau ein.

Ereignisse wie die Handelskonflikte zwischen den USA und China oder die Entscheidung zum Brexit bestätigten diese Weisheit – die Märkte erholten sich in den Monaten danach wieder. Doch es gibt auch politische Eingriffe, die durchaus längere Wirkung haben. Dazu zählen etwa geld- und steuerpolitische Entscheidungen, Wirtschaftsförderungsprogramme, die bestimmte Branchen attraktiver machen, oder Regulierungsthemen.

7. „Die Flut hebt alle Boote“

Wenn nicht nur Einzeltitel steigen, sondern der gesamte Markt zu einem Höhenflug ansetzt, kann dies Aktien von geschäftlich schwachen Unternehmen ebenfalls mit nach oben ziehen – sogar die mit Löchern im Rumpf. Die Erfahrung zeigt, dass die Mehrheit der Titel – bis auf wenige Ausnahmen – von einem Aktienboom profitieren kann. Privatanleger können bei günstigen Marktbedingungen also selbst mit den „löchrigen Booten“ Gewinne erzielen.

Allerdings müssen Anleger darauf achten, Aktien von Unternehmen mit schwacher wirtschaftlicher Substanz und ohne positive Ergebnisse wieder rechtzeitig abzustoßen. Denn wenn die Flut wieder zurückgeht, sind diese Papiere die ersten, die auf Grund laufen. Daher sollten sich Anleger zudem immer mit den Kennzahlen der aktuellen Geschäftsentwicklung der Unternehmen beschäftigen, in die sie investiert haben – ganz nach der Weisheit: Kaufe nur, was du verstehst.

Bild: © subjug – istockphoto.com

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