Zeitenwende im Depot

Harald Rotter

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck fordert, zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft „müssen wir uns mit Wucht aus der Krise heraus investieren“. Er zielt dabei auf staatliche Wirtschafts- und Finanzpolitik ab und will dem nackten Mann – selbstverständlich nur sinnbildlich –, unserem Bundesfinanzminister Christian Lindner, in die Tasche greifen. 

Hilfreich wäre schon, die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft nicht staatlich zu unterminieren. Wegen der von Merkel & Co eingeleiteten „Alternativlos-Energiepolitik“ der letzten Dekade befinden wir uns nicht nur in Putins Würgegriff, sondern bezahlen Industriekunden in Deutschland z. B. im internationalen Vergleich sehr hohe Strompreise. 2021 lag gemäß Eurostat der Strompreis für Industriekunden mit einem jährlichen Stromverbrauch zwischen 20.000 bis 70.000 Megawattstunden in Deutschland um 74 % höher als in Frankreich oder Spanien. Hauptkomponenten für den Industriestrompreis waren u. a. die EEG-Umlage sowie die Stromsteuer. In einer Umfrage der DZ BANK vom April 2022 gaben 44 % der befragten mittelständischen Unternehmen in Deutschland an, dass die gestiegenen Strompreise ihr Geschäft beeinträchtigen.

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Deutschland hat seinen Wohlstand seinen Nachkriegsgenerationen zu verdanken, die auf den Trümmern des Zweiten Weltkriegs einen Wirtschaftsstandort errichteten, dessen Produkte unter dem Siegel „Made in Germany“ weltweit zu Verkaufsschlagern wurden. Dieser Erfolg basierte auf einer breiten Industrie (Chemie, Pharma, Auto, Maschinenbau, Energie, Gesundheit), die ihresgleichen suchte. Einem großen Industriestandort gemein ist, dass er sehr viel Energie benötigt. Wenn diese knapp und u. a. auch deshalb sehr teuer ist, ist die Industrie nicht mehr wettbewerbsfähig. Dies gilt für die exportgetriebene deutsche Wirtschaft umso mehr. 

Unternehmen, die nicht konkurrenzfähig sind, hören nicht kurz mal auf zu produzieren, sondern schließen dauerhaft die Tore. Oder sie wählen eine Option, die viele Mittelständler nicht in Erwägung ziehen können: die Produktionsverlagerung ins Ausland. Die Automobilindustrie warnte im Oktober, dass vor allem wegen der galoppierenden Energiekosten ein Fünftel der Zulieferer genau darüber nachdenkt. Andere Branchen, beispielsweise die Chemieindustrie, stellen entsprechende Überlegungen an. BASF baut in China Produktionsanlagen auf und hierzulande Stellen ab Uns droht eine Deindustrialisierung verbunden mit der Abwanderung von Know-how und damit der Verlust des Fundaments unseres Wohlstands. Dazu wird unsere Wirtschaft in neue Abhängigkeiten gedrängt. 

Man kann es positiv sehen. Nach der Ebbe kommt vielleicht bald die Flut am Arbeitsmarkt: Endlich haben wir wieder genügend Arbeitskräfte für die Dienstleistungsbranche. Jedoch wird eine Servicekraft einem potenziellen Kunden, der mangels Kaufkraft auf den Restaurantbesuch verzichtet, nur wenig abgewinnen können. Wir Aktionäre haben die Möglichkeit, mit unserem Geld der Produktion zu folgen. Insofern muss die Homebias neu und internationaler gedacht werden. Für den ein oder anderen von Ihnen vielleicht eine Zeitenwende im Depot, bei der wir Sie mit Doppel-Wumms in dieser Ausgabe AnlegerLand und auch im kommenden Jahr mit AnlegerPlus schreibkräftig unterstützen werden. 

Dieser Artikel stammt aus der AnlegerLand 2023.

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