Wie lassen sich Investitionen in den Infrastruktursektor und ESG in Einklang bringen?



Claus Hecher, Leiter ETF & Indexlösungen (D/A/CH) bei BNP Paribas Asset Management

Für Infrastrukturinvestitionen sind ESG-Faktoren von zentraler Bedeutung. Denn eine Auswahl anhand von ESG-Kriterien kann Risiken wie den demografischen Wandel oder Auswirkungen des Klimawandels abfedern und für höhere Marktbewertungen sorgen.

Infrastruktur ist notwendig, um die stetig wachsenden alltäglichen Bedürfnisse der Bevölkerung zu erfüllen. Zugehörige Einrichtungen werden durch langfristige Verträge geregelt. Zusammen mit der Inflationsbindung stärkt dieses Merkmal ihre Widerstandsfähigkeit.

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Welche Gründe sprechen für eine Investition in den Infrastruktursektor?

Infrastruktureinrichtungen lassen sich nur schwer nachbilden oder ersetzen. Oder anders ausgedrückt: Unternehmen, die Infrastruktureinrichtungen besitzen oder kontrollieren, kommt eine strategische Eintrittsbarriere gegenüber potenziellen Konkurrenten zugute. Das stärkt die Belastbarkeit von Unternehmen aus diesem Sektor.

In einem 2011 veröffentlichten Bericht (“Infrastructure to 2030”) schätzte die OCED, dass bis 2030 weltweit im Schnitt pro Jahr Investitionen von 2.500 Mrd. US-Dollar erforderlich sind, um bestehende Infrastruktur zu modernisieren sowie neue Infrastruktur zu bauen.

Außerdem kann dem wachsenden Interesse von Anlegern an der Einhaltung von ESG-Kriterien bei ihren Investitionen durch diesen Sektor Rechnung getragen werden: Infrastruktur hat für die Energiewende und die Erreichung der Klimaziele der Pariser Abkommen besondere strategische Bedeutung.

Der ECPI Global ESG Infrastructure Equity Index

Im Sinne dieses Trends hat der auf ESG-Analysen spezialisierte Indexanbieter ECPI den ersten Index aufgelegt, bei dem die Thematik ESG-Infrastruktur im Mittelpunkt steht. Dieser Index trägt den Namen ECPI Global ESG Infrastructure Equity Index. Er ermöglicht eine Teilhabe an der Auf- und Abwärtsentwicklung von Aktien von Unternehmen aus Industrieländern, die als optimal aufgestellt angesehen werden, um die nachhaltige Entwicklung und Instandhaltung von Infrastruktur in aller Welt zu begleiten.

Der Index weist gleiche Gewichtungen auf, wird halbjährlich neu gewichtet und setzt sich aus 100 Aktien mit einer Kapitalisierung von mehr als 500 Mio. Euro zusammen. Diese werden weltweit aus den folgenden sechs Sektoren ausgewählt:

  • Kommunikation: Netze, Antennenmaste, Glasfaserkabel, Fernsehübertragung usw.
  • Energie: Transport und Verteilung, öffentliche Energieversorger, erneuerbare Energien usw.
  • Verkehr: ÖPNV, Häfen, Flughäfen, Logistik, Autobahnen und Schienen usw.
  • Abfallentsorgung: Sammlung und Verwertung usw.
  • Wasser: Verteilungsnetze, Abwasseraufbereitung usw.
  • Soziale Infrastruktur: Schulen, Krankenhäuser, Altenheime

Zu den Kriterien, die für diesen Index infrage kommende Aktien erfüllen müssen, gehören insbesondere die Zugehörigkeit zu einem der oben genannten sechs Sektoren und der Erhalt eines positiven ESG-Ratings, das von ECPI ermittelt wird. Aus dem Index ausgeschlossen sind Unternehmen, die an systematischen Verletzungen der UN-Initiative Global Compact beteiligt sind. 

Infrage kommende Unternehmen dürfen ferner nicht an der Herstellung von Waffen mitwirken und nicht mehr als 10 % ihrer Umsätze aus der Herstellung von Tabak oder tabakhaltigen Produkten sowie der Förderung von thermischer Kohle oder unkonventionellem Öl und Gas erwirtschaften.

Länder mit der besten Infrastruktur

Die Grafik zeigt ein Ranking der Länder mit der besten allgemeinen Qualität der Infrastruktur laut dem Global Competitiveness Index 2019. Die Qualität der Infrastruktur in der Schweiz wurde z. B. mit einem Wert von 93,2 auf einer Skala von 0 (= extrem unterentwickelt) bis 100 (= umfassend und effizient) bewertet.

Anmerkungen: Weltweit; Januar bis April 2019; 16.936 Führungskräfte
Quellen: World Economic Forum, Statista

Unternehmen, die an der konventionellen Förderung von Öl und Gas beteiligt sind, kommen nur dann infrage, wenn mehr als 40 % ihrer Umsätze aus der Förderung von Erdgas oder erneuerbaren Energien stammen. In das Universum aufgenommen werden schließlich Versorger („Utilities“), wenn ihre CO2-Intensität dem Szenario der Pariser Abkommen entspricht, mit dem die Klimaerwärmung bis zum Jahr 2100 auf deutlich unter 2 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Niveau begrenzt werden soll.

Der Index wählt also Unternehmen aus, die optimal aufgestellt sind, um Chancen aus dem wachsenden Bedarf an nachhaltiger Entwicklung und Instandhaltung von Infrastruktur zu nutzen (Verkehr, soziale Einrichtungen, Wasser, Abfallentsorgung, Humankapital, Unternehmensführung usw.) und ein positives ESG-Rating besitzen.

Sustainable Development Goals im Fokus

Durch eine Investition in den Infrastrukturbereich mit einem auf ESG-Kriterien basierenden selektiven Ansatz können Anleger zahlreiche strukturfördernde Projekte mitfinanzieren und dazu beitragen, die Welt auf die Zeit nach der Coronakrise vorzubereiten. Vor dem Hintergrund nachhaltiger Überlegungen ist es Anlegern auch immer wichtiger, dass ihre Investitionen den 17 Sustainable Development Goals entsprechen, die die politische Zielsetzung für eine nachhaltige ökonomische, soziale und ökologische Entwicklung der Vereinten Nationen (UN) zusammenfassen. Der ECPI Global ESG Infrastructure Index steht im Einklang mit Ziel 3 (Gesundheit und Wohlergehen), Ziel 4 (Hochwertige Bildung), Ziel 6 (Sauberes Wasser und Sanitäreinrichtungen), Ziel 7 (Bezahlbare und saubere Energie), Ziel 9 (Industrie, Innovation und Infrastruktur) sowie Ziel 11 (Nachhaltige Städte und Gemeinden) der Sustainable Development Goals.

Bild: © axllll – istockphoto.com

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