Zinsen im freien Fall

Zinsen

Mit dem Ausbau des Bankensystems entwickelte sich auch die Geldtheorie, die außerdem durch einige Krisenerfahrungen beeinflusst wurde. Real, irreal oder surreal – Zinsen und Geldpolitik änderten sich damit drastisch.

Zinsen für die Überlassung von Kapital können auf eine lange Tradition zurückblicken. Bereits die Sumerer und Babylonier im dritten und zweiten Jahrtausend vor Christus kannten sie. Zinsen standen allerdings immer wieder im Kreuzfeuer der Kritik. Schon Aristoteles beispielsweise forderte ihr Verbot und auch Bibel und Koran enthalten Textstellen, die je nach Interpretation als Zinsverbot ausgelegt wurden.

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Bemerkenswert ist jedoch, dass Geld und Zinsen in der Geschichte der Wirtschaftstheorie lange Zeit nur wenig Beachtung fanden. Obwohl schon 1832 Mephisto in Faust – der Tragödie zweiter Teil – die Gefahren des Gelddruckens kannte. Aber das lag wohl daran, dass Goethe auch als Finanzminister tätig war.

Was ist Geld, welche Funktion hat es und wie entstehen Zinsen? Dieser Pilotbeitrag gibt einen kompakten Überblick über die Entwicklungen der Geld- und Zinstheorie. In weiteren Beiträgen werden die einzelnen Theorien dann detaillierter vorgestellt, um abschließend die daraus resultierende Geldpolitik der EZB zu porträtieren.

Entwicklung der Banken und des Goldstandards

In einer arbeitsteiligen Wirtschaft ist Geld das allgemein anerkannte Tausch- und Zahlungsmittel, auf das sich eine Gesellschaft verständigt hat. Geld dient als Tauschmittel, zur Wertaufbewahrung und als Recheneinheit. Es ermöglicht, früher oder später einen Tauschpartner zu finden. Die Recheneinheit als allgemeiner Wertmaßstab sorgt für die Vergleichbarkeit. Vor allem die Funktion des Geldes als Tauschmittel und Recheneinheit betonten die Merkantilisten. Im 16. bis 18. Jahrhundert hing die Verfügbarkeit von Geld stark von Bargeld ab. Der Wert der Gold- und Silbermünzen wurde zunächst durch das Metall bestimmt, aus dem sie hergestellt wurden. Die Geldmenge konnte daher nur durch zusätzliches Gold und Silber erhöht werden. Also plünderte man die Edelmetalle aus den Kolonien oder versuchte, sie durch Exportüberschüsse zu erzielen. Geld war immer limitiert und das Bankenwesen noch rudimentär.

In der klassischen Wirtschaftstheorie (etwa ab 1780) war Geld ebenfalls in erster Linie Tauschmittel und spielte ansonsten keine große Rolle. John Stuart Mill fasste dies so zusammen: „There cannot, in short, be intrinsically a more insignificant thing in the economy of society, than money.“ (Kurz gesagt, es kann in einer Volkswirtschaft an sich nichts Bedeutungsloseres geben als Geld.)

Die Industrialisierung und der damit steigende Kapitaleinsatz ebneten anschließend den Weg für die Marxistische Wirtschaftstheorie (etwa ab 1850). Erst ab dem 19. Jahrhundert entwickelte sich allmählich das System der Zentralbanken. Mit der Bank of England, als älteste Zentralbank, verbreitete sich der Goldstandard in Europa.

Deflation, Inflation und Stagflation

Die Hauptaufgabe der Zentralbanken bestand aufgrund der beiden Weltkriege in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts darin, die enormen Kriegsausgaben der Länder zu finanzieren. Das war aber nur möglich, indem man von der Golddeckung abrückte. Deflation, Inflation und einige Währungsreformen prägten die Wirtschaft, die Menschen und die ökonomischen Theorien. Diese Erfahrungen schlugen sich folglich im Keynesianismus (etwa ab 1930) nieder, der den Aspekt der Unsicherheit in Form einer Vorsichtskasse in die Geldtheorie einführte.

Die Funktion des Geldes als Wertaufbewahrung gewann nun an Bedeutung – langfristig als Vermögenshaltung und kurzfristig als Spekulationsmittel. Populär war die Keynesianische Theorie bis zur Ölkrise und der nachfolgenden Stagflation der 70er-Jahre. Unter anderem mit Milton Friedman und Anna Schwartz betrat als Gegenbewegung dann eine Wirtschaftstheorie die Bühne, die Geld – übrigens sehr zum Verdruss Friedmans – im Namen trug: der Monetarismus (etwa ab 1970). Diese Theorie entwickelte die neoklassische Quantitätsgleichung (etwa ab 1870) weiter. Ausgehend von der Annahme, dass die Geldnachfrage relativ stabil sei, wird die Inflation langfristig vom Wachstum der Geldmenge bestimmt.

Der auf neoliberalen Ideen beruhende Ordoliberalismus (etwa ab 1930) ging mit Hayek später sogar noch einen Schritt weiter, da er das Geldmonopol der Zentralbanken infrage stellte.

Finanzkrise 2008

Die globale Liberalisierung der Finanzmärkte seit den 1970er-Jahren wurde schließlich 2008 durch die weltweite Finanzkrise gebremst und damit schwang das Pendel zurück. Keynes und Marx – Krisenökonomen, die bezweifelten, dass der Markt sich selbst regulieren kann – wurden wieder populär. Ein Anliegen der Pluralen Ökonomik ist es daher, viele unterschiedliche Denkschulen einzubeziehen.

Im aktuellen Trend liegt etwa die Moderne Geldtheorie (MMT), die im Kern auf den Chartalismus „Staatliche Theorie des Geldes“ von Georg Friedrich Knapp vor etwa 100 Jahren zurückgeht. Laut dieser Theorie bestreitet der Staat seine Ausgaben, indem er Geld herausgibt. Die Steuern dienen ihm dabei nicht zur Finanzierung, sondern in erster Linie als Instrument, um eine Inflation abzuwehren.

Der Zins in der Geldtheorie

Die Zinstheorie ist ein Teilbereich der Geldtheorie. Im Merkantilismussollen Handelsbilanzüberschüsse das Geldangebot erhöhen und den Zins senken. Der Zins in der klassischen Wirtschaftstheoriebildet sich als Gleichgewichtspreis zwischen dem Geldangebot der Sparer und der Geldnachfrage der Investoren. Er ergibt sich für die Klassiker als Abzug vom Profit. Marxleitete daher den Zins unter anderem aus der Machtposition der Kapitalisten ab.

In der Neoklassik führte Knut Wicksell einen zweiten Zinsbegriff, den natürlichen Zins, ein. Nur wenn Marktzins und natürlicher Zins gleich hoch sind, liegt der Kapitalmarkt im Gleichgewicht, so die Theorie. Sinkt beispielsweise der Darlehenszins unter das Niveau des natürlichen Zinssatzes, steigen die Investitionen, bis der natürliche Zins wieder dem Marktzins entspricht. Der österreichische Ökonom Eugen von Böhm-Bawerk sah in seiner Kritik an Marx im Zins nicht den Preis des Geldes, sondern den Preis für die Zeit, die der Verleiher auf seinen Konsum verzichten muss.

Der Kapitalmarktzinssatz in Deutschland: 1975 – 2018

Per Definition der Bundesbank ist der Kapitalmarktzins der Zins für die langfristige Überlassung von Kapital – enger gefasst, der Zins für langlaufende Wertpapiere.
Quellen: EZB; Macrobond, statista.de

Für Keynes wurde der Zins schließlich zum Preis für Zahlungsfähigkeit, also der Preis für den Verzicht auf Liquidität. Nunmehr bestimmen nicht nur Investitionen den Zins, Geld wird auch in Form eines Portfolios gehalten, das Friedman später um die Vermögensformen Realkapital und Humankapital erweitert. Die Monetaristensind aufgrund ihrer neoklassischen Wurzelnweiterhinder Überzeugung, dass Geld keinen Einfluss auf die Realwirtschaft hat – jedenfalls nicht dauerhaft, denn die Akteure passen ihre Inflationserwartungen an. Kurzfristig kann jedoch Geld durchaus den realen Bereich beeinflussen, da es durch die geänderte Verzinsung zu Vermögensumschichtungen im Portfolio kommen kann.

Die Moderne Geldtheorie betrachtet Geld als eine unverzinsliche Staatsanleihe, versehen mit dem Versprechen vom Staat, zur Begleichung von Steuerschulden akzeptiert zu werden. Der Staat kann mithilfe seiner Notenbank somit kurzfristig unbegrenzt (allerdings nur in eigener Währung) Anleihen emittieren und seine Ausgaben tätigen. Die Zinsen werden zumindest für staatliche Investitionen gegen 0 gelenkt.

Von der Geldtheorie zur Geldpolitik

Da in der Klassik und Neoklassik Geld in erster Linie als Tauschmittel fungiert und eine Veränderung der Geldmenge lediglich Auswirkung auf das Preisniveau hat, musste nur das notwendige Geld für den Kauf von Gütern und Dienstleistungen zur Verfügung gestellt werden.

Dieser Zusammenhang findet sich mathematisch in der Quantitätsgleichung, welche der Monetarismus weiterentwickelt hat. Folglich plädierte er für eine Geldmengensteuerung, die sich langfristig an dem wirtschaftlichen Produktionspotenzial orientiert.

Keynes hingegen hielt Geldpolitik insbesondere aufgrund der Liquiditätsfalle in Zeiten einer Depression in vielen Fällen für wirkungslos. Allein der Staat könne in dieser Situation mit höheren Ausgaben gegensteuern.

Ähnlich argumentiert die zunehmend populäre Moderne Geldtheorie, wenn etwa Staatsausgaben zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit beschlossen werden. Die Aufgabe der Zentralbank besteht dann in erster Linie darin, die Staatsausgaben direkt auf ihren Konten zu verbuchen. Geldpolitik wird gewissermaßen bilanztechnisch betrachtet. Die Inflation soll der Staat hauptsächlich mit Steuern eindämmen.

Leitzins der EZB

Unter Leitzinsen versteht man die von der zuständigen Zentralbank festgelegten Zinssätze, zu denen sich Geschäftsbanken bei einer Zentral- oder Notenbank Geld beschaffen oder anlegen können.
Quelle: Deutsche Bundesbank

Akteur der aktuellen Geldpolitik ist die Europäische Zentralbank (EZB), denn sie stellt das Geldangebot für den Euroraum zur Verfügung. Dabei hat sie vorrangig für stabile Preise zu sorgen. Mit dem Leitzins nimmt die EZB Einfluss auf die mittel- und langfristigen Zinsen und zuletzt auf die reale Wirtschaft. Seit der Finanz- und Schuldenkrise hat das Instrument des Leitzinses – eingefroren auf der Nulllinie – jedoch seine Signalwirkung verloren und ist zahlreichen unkonventionellen Maßnahmen gewichen.

Foto: istockphoto.com

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