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1. Juni 2021   Markt

Wird Nachhaltigkeit eine reine Abhakübung?

KayBommer

Nachhaltigkeitsthemen werden für Unternehmen immer wichtiger. Davon ist auch Kay Bommer überzeugt. Im Interview mit AnlegerPlus warnt der DIRK-Geschäftsführer jedoch davor, ESG-Themen nicht mit zu vielen Ratings und Standards zu überfrachten.

 

Herr Bommer, tatsächlich ESG-konforme Investments zu finden, gestaltet sich für Anleger ob der Flut nachhaltiger Produkte immer schwieriger. Können ESG-Ratings und Rankings den Investoren eine Orientierungshilfe bieten?

Ratings und Rankings aus dem Bereich Nachhaltigkeit und ESG können grundsätzlich Investoren eine Orientierungshilfe geben. Allerdings müssen wir die Frage stellen: Wie definieren wir überhaupt Nachhaltigkeit?

 

Und wie definieren wir diese?

Unterschiedlich. In Deutschland herrscht weitgehender Konsens, dass Atomkraft nicht als nachhaltig einzustufen ist, weil die Frage der Lagerung des Atommülls nach wie vor nicht geklärt ist. Die Franzosen halten dagegen Atomkraft für besonders nachhaltig, weil sie keine CO2-Emissionen verursacht. Ein weiteres Beispiel sind Filteranlagen für Kohlekraftwerke. Ist das nachhaltig, weil die Emissionen der Kraftwerke sauberer sind? Oder sind die Anbieter der Filteranlagen Schmutzfinken, weil sie in der Kohleindustrie tätig sind? Es gibt also unterschiedliche Sichtweisen darüber, was nachhaltig ist.

 

Dazu gibt es viele verschiedene Ratings.

Es ist eine Kakophonie an verschiedenen Anbietern. Wir haben in einer Studie kürzlich fast 100 gezählt. Ratings sind inzwischen zu einer eigenen Industrie geworden. Die Anbieter überbieten sich gegenseitig mit ständig veränderten und neuen Kriterien. Selbst für Unternehmen, die großen Wert auf Transparenz legen, wird Nachhaltigkeitsberichterstattung immer mehr zu einer reinen Abhakübung. Dabei besteht die Gefahr, dass es gar nicht mehr um nachhaltiges Wirtschaften geht. Nachhaltigkeit ist ein extrem wichtiges Thema, aber es sollte nicht mit zu vielen Standards überfrachtet werden.

 

Worum geht es eigentlich den Investoren bei ESG-Investments?

Nachhaltige Investoren wollen tatsächlich die Welt ein bisschen besser machen. Der Finanzmarkt ist ein geeigneter Ort, um solche gesellschaftlichen Trends zu unterstützen, auch wenn das für manche börsennotierte Unternehmen etwas anstrengend sein mag.

 

Für Ölfirmen und Rüstungsunternehmen nicht. Die sind für nachhaltige Investoren doch sowieso tabu.

Die Investoren sollten sich allerdings fragen, ob sie etwas damit verändern, wenn sie nicht in diese Branchen investieren. Ich behaupte, dass es dadurch nicht weniger Ölverschmutzung oder Kriege geben würde. Wäre es nicht sinnvoller, trotzdem in diese Unternehmen zu investieren und im Sinne der Anleger auf positive Veränderungen hinzuwirken?

 

Ist ein stärkeres ESG-Engagement der Investoren eigentlich schon länger spürbar?

Ja, das merken die Unternehmen zunehmend auf Hauptversammlungen. Der Horizont der Anleger hat sich erweitert in Richtung: Ich möchte mit meiner Anlage etwas Gutes tun. Allerdings gehen mir manche Investoren und Aktionärsvereinigungen hierbei zu weit, indem sie mit sehr harten Forderungen arbeiten und damit drohen, Unternehmen durch Nichtbeachtung abzustrafen, die sich nicht an diesen harten Forderungskatalog halten. Wie gehen diese Investoren damit um, wenn immer mehr Unternehmen daran scheitern? Nicht weil sie nicht wollen, sondern weil sie schlicht nicht in der Lage sind, 85 Fragebögen auszufüllen. Da stößt das System teilweise bereits an seine Grenzen.

 

Wie sollten die Investoren ihren Einfluss denn geltend machen?

Ein positives Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist die langfristige Vorstandsvergütung. Ein Governance-Thema. Das ist sehr zielführend umgesetzt worden und die Unternehmen halten sich daran. Es war eine Mischung aus Investorenforderungen, Selbstregulierung und vereinzeltem regulatorischen Druck, wodurch wir aus meiner Sicht in den letzten drei Jahren einen Schritt nach vorne gemacht haben.

 

Und worauf kommt es in der Nachhaltigkeitskommunikation der Unternehmen an?

Entscheidend ist zunächst, nicht nur über Nachhaltigkeit zu kommunizieren, sondern nachhaltig zu wirtschaften. Der Vorstand muss das dann kommunikativ so begleiten, dass es bei allen Stakeholdern ankommt. Denn gibt es viele Unternehmen, die sind zwar tatsächlich schon sehr nachhaltig, kommunizieren das aber schlecht. Ich kenne außerdem einige Unternehmen, in denen die Nachhaltigkeitsabteilung und Investor Relations nicht immer dieselbe Sprache sprechen.

 

Hat sich im Dialog zwischen Investoren und Unternehmen durch die ESG-Thematik etwas geändert?

Was deutlich zunimmt, sind die Anforderungen im Vorfeld eines Investments. Dass also die Unternehmen Fragebögen zu ESG-Themen ausfüllen müssen. Das kommt meist nicht von den Fondsmanagern, sondern von den Governance-Abteilungen der institutionellen Investoren. Die meisten Fondsmanager schauen zwar zunächst auf die ökonomischen Faktoren, sind jedoch zunehmend der Überzeugung, dass nicht nachhaltiges Wirtschaften ein Risiko darstellt. Sie fragen in erster Linie, ob die Unternehmensstrategie langfristig auf Nachhaltigkeit ausgerichtet ist.

 

Social- und Governance-Themen scheinen in dem ESG-Hype etwas unterzugehen. Ist das nur eine Momentaufnahme?

Im Moment steht das E im Vordergrund. In den letzten Jahren war es eher das G. Ich bin überzeugt, dass irgendwann auch das S stärker kommen wird. Die Rating-Anbieter setzen da bereits unterschiedliche Schwerpunkte. Das gesamte Nachhaltigkeitsthema wird sich jedenfalls mit der Zeit gerade nicht erledigen, wie so mancher Kapitalmarktteilnehmer vor einigen Jahren noch geglaubt haben mag.

 

Eine neue EU-Verordnung fordert vom Finanzsektor mehr Transparenz in Sachen Nachhaltigkeit. Wie wird sich das auf die Berichterstattung und die IR auswirken?

Der Ansatz der EU-Taxonomie ist spannend. Im ersten Schritt betrifft sie nicht die Unternehmen, sondern die Investoren. Ab 2023 müssen allerdings Emittenten ebenfalls ihre ESG-Berichterstattung weiter ausweiten. Die regulatorischen Vorgaben werden verschärft und darauf gilt es vorbereitet zu sein. Im Moment hat sich die EU-Taxonomie noch nicht als führender Standard bei den Investoren durchgesetzt. Es wird interessant sein zu beobachten, ob sich das noch ändert. Höchst relevant ist die Verordnung schon deshalb, weil es sich um regulatorische Vorgaben handelt. Vielleicht wird die EU-Taxonomie aus diesem Grund sogar in der Lage sein, der Vielschichtigkeit bei den Standards ein Ende zu setzen. Das lässt sich jetzt noch nicht absehen. Je detaillierter eine Vorgabe ist, desto größer die Gefahr, dass es daneben noch andere praxisrelevantere Standards gibt. Das Ziel sollte eine überschaubare Anzahl von Standards sein, die sowohl bei Unternehmen und Investoren als auch in der Gesellschaft angesehen sind.

 

Herr Bommer, vielen Dank für das interessante Gespräch!

Interview: Oliver Bönig

Foto: DIRK