Salzgitter hat das erste Halbjahr trotz eines leichten Umsatzrückgangs profitabel abgeschlossen und die Jahresprognose deutlich angehoben. Für die langfristigen Aussichten ist jedoch entscheidend, ob die erreichten Effizienzsteigerungen von Dauer sind und Transformationsprojekte wie SALCOS eine angemessene Rendite erwirtschaften.
- Salzgitter wird effizienter: Trotz leichtem Umsatzrückgang (-1,6 %) dreht der Nettogewinn im H1 von -88,9 Mio. Euro auf +43,5 Mio. Euro.
- Prognose kräftig angehoben: Das operative EBT VX für das Gesamtjahr wird neu auf 325 bis 425 Mio. Euro geschätzt (zuvor max. 175 Mio. Euro).
- Grüne Transformation mit Lücke: Bei Transformationsprojekt SALCOS sind bisher nur 12,7 % des maximalen Wasserstoffbedarfs durch konkrete Verträge und Eigenproduktion abgedeckt.
- Stahlindustrie vor Herausforderungen: Eine PwC-Studie sieht keine Zukunft für Primärstahlproduktion in Deutschland.
Der Stahlkonzern Salzgitter hat Zahlen für das erste Halbjahr des laufenden Geschäftsjahres vorgelegt. Der Umsatz sank im Berichtszeitraum um 1,6 % auf 4,59 Mrd. Euro. Dennoch erzielte der Konzern einen Nettogewinn von 43,5 Mio. Euro. Im Vorjahreszeitraum hatte unterm Strich noch ein Verlust von 88,9 Mio. Euro gestanden.
Einer der wesentlichen Treiber hinter dieser Ergebnisverbesserung war die Beteiligung an der Aurubis AG. Der Beitrag belief sich auf 193,0 Mio. Euro. Das ist eine deutliche Steigerung gegenüber den 71,5 Mio. Euro im ersten Halbjahr 2025. Dem hohen Beteiligungsergebnis standen negative Bewertungseffekte von 181,3 Mio. Euro aus der Umtauschanleihe in Aurubis-Aktien gegenüber. Salzgitter betrachtet diese marktpreisbedingten Effekte als nicht operativ und rechnet sie deshalb aus seinen zentralen Steuerungsgrößen heraus. Entsprechend kennzeichnet der Konzern die bereinigten Kennzahlen mit dem Zusatz „VX“, der für „Valuation Exchangeable“ steht. Ohne den Bewertungseffekt belief sich das EBITDA VX im ersten Halbjahr auf 459,0 Mio. Euro und das EBT VX auf 257,6 Mio. Euro. Einschließlich des Effekts lagen das ausgewiesene EBITDA bei 277,7 Mio. Euro und das EBT bei 76,3 Mio. Euro.
Handel drückt Umsatz, Stahlerzeugung profitabler
Verantwortlich für den Umsatzrückgang war der Geschäftsbereich Handel, der 163,9 Mio. Euro weniger zum Konzernumsatz beisteuerte als vor einem Jahr. Der Vorsteuergewinn stieg in diesem Bereich dennoch von 10,9 Mio. Euro auf 37,6 Mio. Euro. Auch ohne einen positiven restrukturierungsbedingten Einmaleffekt von 11 Mio. Euro hätte sich das Vorsteuerergebnis des Handels auf 26,6 Mio. Euro mehr als verdoppelt. Neben den Restrukturierungsmaßnahmen profitierte der Bereich von einem nach Unternehmensangaben temporär höheren Margenniveau.
Auch das eigentliche Stahlgeschäft war im Berichtszeitraum profitabler. Der Segmentumsatz im Bereich Stahlerzeugung lag nahezu stabil bei 2,35 Mrd. Euro. Das EBITDA stieg jedoch von 65,6 Mio. Euro auf 159 Mio. Euro. Die EBITDA-Marge verbesserte sich von 2,8 % auf rund 6,8 %. Nach einem Vorsteuerverlust von 55,6 Mio. Euro konnte Salzgitter im Berichtszeitraum hier ein Vorsteuerergebnis von 50,4 Mio. Euro erzielen.
Prognose deutlich angehoben
Salzgitter bestätigte die bereits im Juli deutlich angehobene Jahresprognose. Beim Konzernumsatz rechnet das Unternehmen jetzt mit 10,0 Mrd. Euro statt 9,5 Mrd. Euro. Die Spanne für das EBITDA VX erhöhte die Konzernleitung von 500 Mio. Euro bis 600 Mio. Euro auf 725 Mio. Euro bis 825 Mio. Euro. Die EBT-VX-Prognose stieg von 75 Mio. Euro bis 175 Mio. Euro auf 325 Mio. Euro bis 425 Mio. Euro.
Diese Anpassung stützt sich auf die starke Geschäftsentwicklung im ersten Halbjahr und den hohen Aurubis-Beitrag. Die Vollkonsolidierung der Hüttenwerke Krupp Mannesmann GmbH (HKM), an der Salzgitter zuvor nur 30 % hielt, soll einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag zu EBITDA VX und EBT VX beitragen. Zudem erwartet der Konzern weitere Einsparungen im Rahmen des P28-Programms. Stützend sollen sich auch Handelsschutzmechanismen der EU auswirken. Der Vorstand sprach in der Analystenkonferenz dennoch von einer eher konservativen Schätzung, das Marktumfeld sei weiterhin angespannt und von vielfältigen geopolitischen Unsicherheiten geprägt.
Das EBITDA VX lag im ersten Halbjahr bereits bei 459,0 Mio. Euro und das EBT VX bei 257,6 Mio. Euro. Die Jahresprognose unterstellt damit rechnerisch eine schwächere zweite Jahreshälfte. Auch das P28-Jahresziel ist bereits weitgehend erreicht: Nach einem Ergebnisbeitrag von 97 Mio. Euro im ersten Halbjahr fehlen noch 23 Mio. Euro bis zum Jahresziel.

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Hat deutscher Stahl Zukunft?
Die Halbjahreszahlen zeigen zwar, dass Salzgitter erfolgreich an Kostensenkungen und Effizienzsteigerungen arbeitet. Dennoch stellt sich die grundsätzliche Frage, ob die Stahlproduktion in Deutschland langfristig wirtschaftlich tragfähig ist.
Eine im Juli 2026 veröffentlichte PwC-Studie mit dem Titel „Das Ende der europäischen Stahlwirtschaft … oder einfach nur anders?“ kommt zu dem Ergebnis, dass in keinem der drei untersuchten Szenarien ein wettbewerbsfähiger Pfad für die energieintensive Primärstahlproduktion in Mitteleuropa besteht. Eine mögliche wettbewerbsfähige Nische für Europa sei Sekundärstahl, der aus Schrott hergestellt wird. Die wegfallenden Primärstahlkapazitäten ließen sich dadurch allerdings nicht vollständig ersetzen. Deutschland müsse sich deshalb stärker auf wissensintensive Produkte und Wertschöpfungsstufen konzentrieren.
Andere Hersteller haben ihre Transformationspläne bereits zurückgenommen. ArcelorMittal stoppte beispielsweise die geplanten Projekte zur CO₂-armen Stahlproduktion an den deutschen Standorten Bremen und Eisenhüttenstadt. Salzgitter hält dagegen grundsätzlich an seinem SALCOS-Projekt fest, hat spätere Ausbaustufen jedoch verschoben. Für SALCOS haben Bund und Land Niedersachsen Fördermittel von insgesamt 1,3 Mrd. Euro zugesagt. Bis Ende Juni waren nach Unternehmensangaben 1,076 Mrd. Euro ausgezahlt.
Die Frage ist laut der PwC-Studie jedoch, ob die geplante Anlage überhaupt betrieben werden könne. Zwar habe Salzgitter im Juni 2026 mit der EWE HYDROGEN GmbH einen Liefervertrag über rund 10.000 Tonnen grünen Wasserstoff pro Jahr abgeschlossen, der ab 2030 bedient werden soll. „Es gehört jedoch auch zu den Fakten, dass die vereinbarte Menge lediglich rund 6,5 % des Gesamtbedarfs deckt, den das SALCOS-Programm der Salzgitter AG im Vollausbau benötigt.“
Salzgitter nannte auf Nachfrage als weitere Wasserstoffquelle eine eigene 100-MW-Elektrolyseanlage auf dem Hüttengelände, die jährlich bis zu 9.000 Tonnen liefern soll. Insgesamt können in der Direktreduktionsanlage nach Unternehmensangaben bis zu 150.000 Tonnen Wasserstoff pro Jahr eingesetzt werden. Damit sind bislang 12,7 % der maximal einsetzbaren Menge durch die geplante Eigenproduktion und den EWE-Vertrag konkret unterlegt. Für die verbleibenden bis zu 131.000 Tonnen nannte Salzgitter keine konkreten Lieferverträge. Eine weitere Beschaffung sei jedoch „sowohl national, europäisch als auch international möglich“. Alternativ könne Erdgas als Reduktionsmittel eingesetzt werden.
Salzgitter verweist auf Standortvorteile
Der PwC-Einschätzung, eine wettbewerbsfähige Primärstahlproduktion sei in Mitteleuropa unter den modellierten Bedingungen nicht möglich, widerspricht Salzgitter deutlich. Eine Beurteilung der Standortfrage ausschließlich anhand der Produktionskosten greife zu kurz und werde der gesellschaftlichen Verantwortung nicht gerecht, die mit einer Verlagerung heimischer Grundstoffindustrien und ihrer Wertschöpfung nach Indien oder in die MENA-Staaten einhergehe. Als weitere Standortvorteile nennt das Unternehmen unter anderem kürzere und sicherere Lieferketten, geringere geopolitische und logistische Risiken, vorhandenes Know-how und Kundennähe sowie die Vermeidung neuer Abhängigkeiten und möglicher DRI-Oligopole.
Die vergangenen Jahre und die zahlreichen Krisenherde weltweit haben gezeigt, dass Produktionsverlagerungen ins Ausland schwerwiegende Folgen für die heimische Wirtschaft haben können. Der wirtschaftliche Wert von Versorgungssicherheit und industrieller Eigenständigkeit lässt sich jedoch nur schwer beziffern – auch Salzgitter nimmt eine solche Bezifferung derzeit nicht vor. Zu den unterstellten Energiepreisen, notwendigen Preisprämien für CO₂-armen Stahl und erwarteten Kapitalrenditen macht das Unternehmen ebenfalls keine konkreten Angaben. Deshalb bleibt offen, ob Kundennähe und Versorgungssicherheit den von PwC modellierten Produktionskostennachteil ausgleichen können.
Salzgitter-Aktie nach Zahlen leicht im Minus
Am Dienstag verlor die Salzgitter-Aktie 1,62 % und setzte damit ihre seit Anfang Juli anhaltende Seitwärtsbewegung fort. Kurzfristig dürfte für Anleger entscheidend sein, ob Salzgitter seine angehobene Jahresprognose erreicht. Langfristig kommt es darauf an, ob die Effizienzsteigerungen von Dauer sind und die Investitionen in SALCOS und weitere Transformationsprojekte eine angemessene Rendite erwirtschaften.
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