Gesundheitssystem: An der falschen Stelle gespart?

Krankenbetten in einem Behandlungssaal.

Unser Gesundheitssystem ist krank. Den gesetzlichen Krankenkassen fehlen im kommenden Jahr rund 15 Mrd. Euro, 2030 sollen es bereits 40 Mrd. Euro sein. Unsere „Reform-Regierung“, die bisher kaum etwas auf die Beine gestellt hat, verfällt nun in Aktionismus. Das ist selten zielführend. Politiker lieben das Herumdoktern, um sich schnelle Erfolge ans Revers zu heften. Strukturreformen, die langfristig wirken, meiden sie dagegen wie der Teufel das Weihwasser. Schließlich zeigen sich die positiven Effekte daraus erst deutlich später und möglicherweise erntet dann die politische Konkurrenz die Früchte.

💡 Key Takeaways: Effizienzpotenziale im Gesundheitswesen
  • Wachsende Finanzierungslücke: Ohne Reformen steigt das Defizit der gesetzlichen Krankenkassen von aktuell 15 Mrd. Euro auf bis zu 40 Mrd. Euro im Jahr 2030.
  • Kosten-Nutzen-Diskrepanz: Deutschland gibt jährlich 501 Mrd. Euro für Gesundheit aus (EU-Spitze), belegt bei der Lebenserwartung (81,1 Jahre) aber nur Platz 21 von 34.
  • Überkapazitäten in Kliniken: Mit 7,7 Betten je 1.000 Einwohner liegt Deutschland rund 80 % über dem OECD-Schnitt – eine Fehlsteuerung, die Mehrkosten von über 30 Mrd. Euro verursacht.
  • Ungelöste Beitragsfragen: Die Unterfinanzierung von Bürgergeld-Empfängern hinterlässt ein jährliches Loch von 12 Mrd. Euro, das derzeit einseitig von Beitragszahlern ausgeglichen wird.

Immerhin hat die aktuellen 66 Sparvorschläge für das Gesundheitssystem eine Expertenkommission erarbeitet. Mit den Sparmaßnahmen, die Krankenhäuser, Ärzte, Pharmahersteller und Versicherte betreffen und die kurzfristig umgesetzt werden sollen, will die Koalition 2027 rund 20 Mrd. Euro einsparen. Aber sind Einsparungen bei den Ärzten das richtige Rezept? Die Arztpraxen in den Städten sind überfüllt und auf dem Land muss man sie suchen. Das geplante Hausarztmodell verschärft die Engpässe noch. Und unsere Pharmabranche? Im Winter 2022/23 fehlten in Deutschland Fiebersäfte für Kinder. Bei Antibiotika, Generika, Krebsmedikamenten und auch Standardarzneien gibt es immer wiederkehrende Engpässe. Der Fokus muss also darauf liegen, unsere Pharmabranche resilienter aufzustellen. 

Aber Sparen ist dennoch das Gebot der Stunde, aber bitte auf Basis nachhaltiger Reformen. Wir geben im Jahr immerhin fast 501 Mrd. Euro für unsere Gesundheit aus, so viel wie kein anderes Land in der EU. Bei der Lebenserwartung liegen wir mit 81,1 Jahren aber unter dem EU-Mittelwert von 81,4 Jahren und belegen damit Platz 21 von 34.

Vielleicht gibt es daher strukturelle Kostenreformen, die einen ähnlichen Spareffekt wie die der Expertenkommission haben? Deutschland verfügt im internationalen Vergleich beispielsweise über eine auffällig hohe Krankenhausaktivität. Die Zahl stationärer Behandlungen liegt deutlich über dem OECD-Durchschnitt. Überschlagsrechnungen deuten darauf hin, dass die bestehende Struktur Mehrkosten für das Gesundheitssystem von über 30 Mrd. Euro pro Jahr verursacht.  

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Ein paar Zahlen dazu: In Deutschland gibt es etwa 7,7 Krankenhausbetten je 1.000 Einwohner (OECD: 4,2), 80 % mehr als der OECD-Durchschnitt. Diese Betten wollen belegt sein. Deshalb kommen hierzulande auf 1.000 Einwohner mehr als 200 Krankenhausfälle, während es im OECD-Schnitt nur 128 sind. Bei Hüftprothesen liegen wir bei rund 300 Eingriffen je 100.000 Einwohner, während der OECD-Durchschnitt bei etwa 190 liegt. 

Das Angebot schafft also Nachfrage. Denn warum sollten gerade deutsche Patienten signifikant häufiger behandlungsbedürftige Hüfterkrankungen haben? Die Differenzen verweisen daher auf strukturelle Unterschiede in der Versorgung. Deutschland verfügt über viele Krankenhausbetten, eine vergleichsweise geringe Ambulantisierung und ein Vergütungssystem, das stationäre Leistungen begünstigt. Gleichzeitig fehlt es an konsequenter Steuerung. Andere Industrieländer zeigen, dass vergleichbare medizinische Ergebnisse mit weniger stationären Eingriffen erreicht werden können.

Vor diesem Hintergrund wirkt der Fokus der angekündigten Sparmaßnahmen unausgewogen. Die zentrale Herausforderung besteht darin, kurzfristige Finanzierungsprobleme mit echten und konsequenten Strukturreformen zu verbinden. Sonst bleiben die wichtigsten und nachhaltigen Effizienzpotenziale ungenutzt. Was mir außerdem fehlt, ist der Sparbeitrag der Krankenassen. In deren Verwaltungsapparat dürfte erhebliches Kosteneinsparungspotenzial schlummern. Und dann wäre da ja noch das Thema zu niedriger staatlicher Krankenkassenbeiträge für Bürgergeldempfänger. Den Fehlbetrag von 12 Mrd. Euro jährlich müssen nun bisher Familienmitversicherte und Kranke über höhere Zuzahlungen auffangen. 

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