Von der Vermögenspreisinflation zur Konsumgüterinflation

Prof. Dr. Thomas Mayer zur Inflation

Prof. Dr. Thomas Mayer, Gründungsdirektor Flossbach von Storch RESEARCH INSTITUTE

Als ich Anfang 2010 gefragt wurde, wie hoch die Inflation steigen werde, sagte ich „fünf Prozent in fünf Jahren“. Tatsächlich betrug die Konsumentenpreisinflation in Deutschland 2015 dann nur 0,2 Prozent. Meine Prognose lag völlig daneben. Andererseits zeigt der vom Flossbach von Storch Research Institute berechnete deutsche Vermögenspreisindex für das Jahr 2015 einen Anstieg von 5,8 Prozent. Die Preise waren also doch kräftig gestiegen, nur nicht in dem Bereich, für den ich meine Vorhersage abgegeben hatte. Was war da falsch gelaufen? Machen wir eine Analyse post mortem

Die Finanzkrise 2007/08 wurde durch Ausfälle von minderwertigen („sub-prime“) Krediten in den USA ausgelöst. Da diese Kredite in vielen, weltweit verkauften strukturierten Kreditanleihen enthalten waren, hatten die Ausfälle globale Folgen. 

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Besonders getroffen wurden diejenigen, die ihre Anlage fremdfinanziert hatten. Darunter fielen vor allem Banken. Da einige in Schieflage gerieten, zog Misstrauen ein, das den Geldmarkt unter Banken zum Erliegen brachte. Interbankkredite waren nur noch mit Besicherung möglich. Dazu brauchten die Banken Zentralbankgeld, das ihnen die Zentralbanken zu stark abgesenkten Zinsen auch gegen fragwürdige Sicherheiten zur Verfügung stellten. 

Das Zentralbankgeld blieb als Betriebsmittel im Bankensektor, aber die Senkung der Zentralbankzinsen drückte die Kapitalmarktzinsen nach unten. Höhere Bewertungen ließen die Preise für Vermögenswerte steigen. Die Besitzer dieser Werte konnten gegen höhere Sicherheiten neue Kredite zum Erwerb weiterer Vermögenswerte aufnehmen. Eine Spirale von Vermögenspreissteigerungen begann. Die Mehrzahl der weniger betuchten Konsumenten blieb außen vor, sodass die Konsumnachfrage nur moderat stieg und die Konsumentenpreisinflation niedrig blieb.

Mit der Coronapandemie änderten sich die Dinge. Die Banken schufen nun Geld, indem sie im Auftrag von Zentralbanken Staatsanleihen kauften. Folglich ging das neu geschöpfte Kreditgeld an die Staaten, die es zur Kompensation für durch Lockdowns erzwungene Produktions- und Lohnausfälle an die Bevölkerung verteilten. 

Als die Lockdowns ausliefen, bauten die Konsumenten ihre aufgelaufenen Geldbestände ab und eine höhere Konsumnachfrage traf auf ein von den Nachwirkungen der Lockdowns eingeschränktes Angebot. Neben der Inflation der Vermögenspreise stieg nun auch die Inflation der Konsumentenpreise.

Gegenwärtig steht die Geldmenge rund 32 Prozent über dem aus der Zeit von 2008 bis 2015 fortgeschriebenen Trend. Dieser Geldüberhang wird in den nächsten Jahren von höherer Produktion und möglicherweise höherer Geldhaltung zwar teilweise absorbiert werden. Aber die Erfahrung von 2009 bis 2019 zeigt, dass dies weniger als 2 Prozent pro Jahr ausmachen dürfte. Der Rest wird die Preise treiben. 

Nimmt man an, dass der Abbau des Geldüberhangs vier bis fünf Jahre dauern würde, könnte die jährliche Konsumentenpreisinflation in der Eurozone während dieser Zeit vier bis sechs Prozent betragen. Diese Vorausschau ist keine Prognose, zeigt aber die möglichen Konsequenzen der von den Zentralbanken erzeugte Geldschwemme.

Würden die Geldpolitiker der Europäischen Zentralbank ihr Mandat für Preisstabilität ernst nehmen, müssten sie den Geldüberhang schleunigst durch den Verkauf der auf der Bilanz der EZB akkumulierten Anleihen abbauen. Dadurch würde das überzählige Geld wieder vernichtet. Aber auch die Zinsen am Kapitalmarkt würden steigen. Das wäre für hoch verschuldete Eurostaaten eine zu hohe Belastung. Folglich versuchen die EZB-Politiker sich aus der Schlinge zu ziehen, indem sie die Inflation kleinreden. Insgeheim hoffen sie vielleicht auch auf ein Wunder. 

Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe AnlegerPlus 01/2022.

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